Freitag, 23. Mai 2014

Der ultimative Sextipp #2: Präsenz im Bett

Nachdem ein wenig Zeit ins Land gestrichen ist, komme ich nun zum ultimativem Sextipp #2, den ich auf Basis meines Erfahrungsschatzes gerne teilen möchte. Auch hier spielen persönliche Wahrnehmung und subjektive Vorlieben eine Rolle. Und eigentlich ist auch das eher wieder eine phänomenologische Auseinandersetzung mit Sinnlichkeit, als ein wirklicher Tip. Vielleicht also mehr eine Anregung.

Präsenz bedeutet für mich sich seiner Selbst (was auch immer das nun heißen mag), bewusst zu sein, in der Situation. Es heißt, bei sich zu sein. Als Mensch in die sexuelle Interaktion einzutreten, als der, der man ist. Ich zumindest ziehe die Freude aus sexueller Interaktion daraus, das Gefühl zu haben, gemeint zu sein. Dass die Person gerade mit mir Sex haben will, weil sie MICH interessant findet. Es ist ein schönes Gefühl, sich gemeint zu fühlen. Ich will nicht einfach nur irgendjemand sein. Und mein sexueller Gegenüber ist auch nie irgendjemand. 
Präsenz ist somit eine Einstellung mir selbst gegenüber. Sie kann nicht von außen, vom anderen hervorgelockt werden, sondern ich bringe sie mit ein.
Sie heißt auch zu versuchen, im Jetzt zu sein. In der Situation, bei sich und beim anderen. Also sich nicht in eine Ebene der Sorgen und Gedanken um das was passiert zu begeben. Das ist vielleicht das schwierige. Sich nicht Gedanken zu machen, über die körperliche Verfassung, darüber wie man wohl ankommt, sondern zu relaxen. 

Präsenz im Bett heißt nicht, das Geschehen steuern zu müssen oder nicht auch passiv sein zu können. Es heißt viel eher sich mit Haut und Haaren, mit all der Möglichkeiten zur sinnlichen Erfahrbarkeit ins Geschehen einzulassen, hinein zu stürzen in die Empfindsamkeit. Was können wir nicht alles wahrnehmen. Und das heißt erfahren. Wir sind Menschen voller Sinne die nur danach lechzen gereizt zu werden. 

Präsenz im Bett bedeutet somit aufmerksam und achtsam zu sein. Zu spüren, was mit einem selbst geschieht und sich einzulassen auf die übermittelten Befindlichkeiten des anderen. 
Zu hören, wie Atmungen sich verändern, wie Stöhnen sich seinen Weg bahnt, wie sich Stimmen verändern, belegt sind, rau werden, einem Flüstern weichen, weil es vielleicht doch ein wenig zu unbehaglich ist, die Kontrolle über die Stimme zu verlieren. Wie Wortzusammenhänge sich auflösen, sakrale Ausrufe das Ficken begleiten. Oder Flüche zu Lustäußerungen werden. Oder wie es lediglich schweres Atmen ist, das die Stille begleitet und nur die Reibung zwischen den Körpern den Ton angibt.
Zu sehen, wie sich Gesichter verändern, der Ausdruck von Erregung und Empfindung geprägt wird, vielleicht auch den eigenen Ausdruck spiegelt. Zu sehen, wie Haut sich verändert, rosig wird oder fleckig. Wie sich die Lust in den Genitalien manifestiert, diese anschwellen und feucht sind und glänzen. Oder wie der andere Körper einfach schön ist. Schön aussieht. Und bestimmte Körperpartien oder Merkmale im Besonderen. Oder in der Bewegung. Vielleicht auch im Verharren. Möglicherweise sieht es ganz toll aus, wie der Brustkorb sich in der Atmung hebt und senkt, sich der Rippenbogen abzeichnet oder sich Brüste der Schwerkraft hingeben. Wie Füße sich in Erregung verkrampfen oder Hände sich ballen oder in das Laken krallen. Becken kippen. Rücken aufbäumen. Süße, große, schöne, knackige Hintern wippen. Muskeln sich abzeichnen und in Bewegung sind, bei der Betätigung.
Zu spüren, wie alles einwirkt, auf unsere Haut die so kostbar ist, das Organ dem wir alles verdanken, was wir körperlich wahrnehmen können. Unsere Haut ist gleichsam Grenze wie auch Bestandteil unseres Leibes. Und immer auch die Schnittstelle zum anderen in direkter sexueller Interaktion. Wenn wir uns berühren, tun wir dies über unsere Haut. Egal wo. Es ist immer die Haut, die übermittelt. Wir tasten mit den Fingerkuppen, die unglaublich empfindsam sind und gleichermaßen Empfindung auslösen. Wir können fühlen, wie Erregung den Körper verändert. Den eigenen und den anderen. Gänsehaut macht sich breit. Nippel werden steif. Penisse ebenfalls. Diese pulsieren auch und Adern treten hervor, die wir spüren können. Körper werden warm, hier und da auch feucht. Wie sich die Feuchte zwischen Frauenschenkeln verändert ist auch spürbar. Wie Hitze aufsteigt ebenfalls.
Wir können uns berühren und berührt werden. Spüren wie Berührungsintensität variiert. Den anderen Greifen, drücken, quetschen, streicheln - bestimmt oder sehr zart. Oder tausend Facetten davon. Unsere Berührungen können Intentionen folgen oder auch einfach intuitiv sein, einfach so sein, wie sie sind. Es sind nicht nur unsere Hände, mit denen wir uns berühren können, wenngleich diese es wohl sind, welche am ehesten Intention transportieren. Wobei unsere Münder wahrscheinlich in noch wesentlich intimerer Art prädestiniert sind, Lust und Wohlbefinden, Zärtlichkeit und Geilheit zu provozieren. Küssen, Zungenschläge, Lutschen, Saugen, wo auch immer wir das gerade gut finden.
Es gibt Umarmungen unterschiedlichsten Ausmaßes. Auch hier die Möglichkeit diese zu intendieren. Als Ganzkörperklammer um dem anderen so nah zu sein, wie nur möglich, zum Beispiel. Pointierter der Würgegriff, welcher durch die akzentuierte Aggressivität vollkommen andere Ebenen der Zärtlichkeit provoziert. Schon flüchtige Berührungen von Unterarm an Unterarm, Schulter an Schulter oder Knie an Knie können Nähe stiften. Die auf dieser dezenten Ebene des Beieinanderseins verbleiben, oder ein erster zaghafter Punkt eines langen Erfahrungsweges der Annäherung sein können. 

Ich möchte nicht alles durchexerzieren sondern denke meinen Standpunkt klar gemacht zu haben. Präsenz hat nichts mit Performance zu tun, so wie Sex für mich auch keine Inszenierung sein sollte, sondern ein Miteinander erleben sinnlicher Freuden in denen Menschen und ihre Bedürfnisse, ihre Empfindsamkeit im Vordergrund stehen. Präsenz heißt sich als Akteur*in in der Interaktion wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Sich der eigenen Handlungsmöglichkeiten und Empfindungsmöglichkeiten bewusst zu sein und diese genießen zu wollen. Mit und durch den anderen. Und vielleicht hat das alles auch wesentlich weniger mit Altruismus zu tun, als viel mehr mit einer Art der Liebe und Sorge um sich selbst und dem Wissen, dass wir einander brauchen, um uns selbst spüren zu können.
Der Wunsch einander Gutes zu tun ist in meiner normativen Sicht auf sexuelle Zwischenmenschlichkeit verankert. Doch heißt das nicht sich der Gunst und dem Wohlgefallen des anderen auszuliefern und Sex an ein Gefallen-Wollen zu koppeln. Präsenz heißt somit mehr, sich seiner bewusst zu sein und sich auf die Situation und das Gegenüber einlassen zu können. Agieren und Reagieren zu können. Aber nicht zugunsten einer Performance, eines intendierten Programms das abgewickelt wird, sondern die Situation sich entwickeln zu lassen, wie sie sich eben in Rahmen dessen Entwickelt was die beteiligten Personen sich gegenseitig zu spüren, zu zeigen, zu sagen, zu hören, zu schmecken und zu riechen haben. 

Die Präsenz unterliegt mit Sicherheit auch Störfaktoren. Ich zum Beispiel kann mich nicht darauf einlassen, wenn nebenbei noch ein Film läuft oder Musik. Das lenkt mich ab. Oder wenn die Zeit begrenzt ist, oder die Aufregung zu groß. Sie hat etwas mit Dynamik zu tun, die sich oft auch erst einpendeln muss. Die nicht gleich beim ersten Mal mit einer neuen Person funktioniert. Aber vielleicht doch, wenn Druck außenvor steht und Zeit und Wohlwollen und Lust an sich selbst und am anderen und Offenheit sowie wenig Verlegenheit die Kommunikation prägen.

Freitag, 4. April 2014

Duftnot(iz)en

Der Geruchssinn ist ein sehr feiner. Ich weiß ihn oft zu schätzen, manchmal verfluche ich ihn auch. Wenn es um Sex geht, dann trägt er viel zu meiner Stimmung bei. Ich mag Menschengeruch sehr gerne. Ich schnuppere am liebsten bei Menschen hinterm Ohr und am Hals, am Nacken um dann die am Rücken, an der Brust und dem Bauch immer dezenter werdenden Duftnuancen einzuatmen, bis diese sich an besonderen Stellen, unter den Armen, zwischen den Beinen wieder verdichten. Frischer Schweiß ist auch wundervoll. Vom Geruch des Schweißes nach dem Sex ganz zu schweigen. Ich rieche gerne an getragenen T-Shirts meiner geschätzten Personen und vor allem an Halstüchern oder Schals, falls solche getragen werden.
Wenn mein Bett nur temporär Besuch hatte, dann rieche ich gerne am Kissen. Es ist so faszinierend, wie eine Person zwar weg sein kann, aber ihren Geruch hinterlässt. So kann man sich noch ein bisschen einkuscheln, die Augen schließen, schnuppern und schwelgen. Ich liebe dieses Schwelgen, welches durch das Einsaugen des Geruches an Kontur gewinnt, Erinnerungen für den Moment des Wahrnehmens geradezu greifbar macht.

Ich habe den Eindruck, dass an Sonnentagen, die Sonne selbst den Geruch von Haut, die sie bestrahlte, beeinflusst. Nachdem ich gestern aus dem Garten kam und an meinem Arm schnupperte, fiel mir auf, dass ich nach "Sonne" rieche. Ich dachte vorher immer, diese besondere Duftnote, die für mich immer mit dem Sonnenbad verbunden ist, sei der Sonnencreme geschuldet. Da ich gestern keine Sonnencreme drauf hatte, muss es mehr mit meiner Haut zu tun haben. Ein wunderbarer Geruch.

Meinen eigenen Geruch mag ich sehr. Parfum verwende ich fast nie. Wenn dann sehr intendiert, um darüber etwas auszudrücken, zu verstärken. Sowas wie Glamour oder Präsenz. Bei Dates verzichte ich meist darauf, außer ich will ein wenig Distanz aufrecht erhalten und gleichzeitig, riechbarer, wahrnehmbarer sein. Ich weiß noch nicht einmal, ob die anderen Personen meinen Eigengeruch überhaupt, oder so deutlich und positiv aufnehmen wie ich, deshalb finde ich diesen schon ziemlich intim. Aber es ist mir auch wichtig, "ich" zu sein. Und nicht ich und, sei die Note noch so dezent, ein bestimmtes Parfum und die den Duftkomponenten zugeschriebene Eigenschaften.

Von den meisten Parfums und Eau de Toilette kriege ich zudem auch Kopfschmerzen. Zumindest von denen für Frauen konzipieren. Bei anderen Personen muss der Geruch schon sehr stark sein, um Kopfschmerzen auszulösen, bei mir selbst reicht der kleinste Spritzer aus, und ich muss mich waschen, ich fühle mich fremd in der eigenen Haut. Das bin nicht ich und der Kopf leidet unter dem Geruch, auch wenn ich den Duft grundsätzlich schön fand. BVLGARI pour femme mag ich. Das ist "mein" Parfum, das einzige, wenn den solches Verwendung findet. Eine eher schwere, klassisch feminine, dunkle Note die mich an die großen, tragischen Filmdivas des zwanzigsten Jahrhunderts denken lässt, an eine femme fatale, ein Geruch der teuer riecht und auch teuer war.

Am liebsten mag ich mich ganz ohne Fremdgeruch. Ohne Duschgelnuancen, ohne Parfum oder anderes Duftwasser oder Cremes, einfach nur ich, meine Haut und der Geruch von dem, was ich gemacht habe. Der Geruch von Leben. Im Sommer, da roch ich einmal so gut am Arm (wenn man den Arm anwinkelt und an der Ellenbeuge riecht), nach Sonne und nach Lagerfeuer. Nach schönen Aktivitäten. Auch nach dem Sex rieche ich mich gerne. Dann hat das Duschen schon fast etwas zerstörerisches, denn es wäscht diese Mischung aus Eigen-und Fremdgeruch weg. Diesen Duft der von großem Vergnügen zeugte. 

Der Duft nach dem Sex ist eine Momentaufnahme. Er ist flüchtig, denn er weicht der Reinigung, die ja auch notwendig ist. Er ist so vergänglich, wie ein Strauß Blumen, der seine Schönheit ja auch nur kurz entfaltet, bevor sie verwelken.

Samstag, 22. Februar 2014

Symphonischer Sex

Es ist ein grauer und verregneter kalter Februartag und ich liege nach einem intensiven Wochenende in der Küche auf dem Sofa. Das ist nicht bequem aber eben das, was ich habe. Auf meiner neuen alten Musikanlage aus dem familiären Nachlass höre ich Mahlers Symphonie Nr.2, die Auferstehungssymphonie. Auf Mahler bin ich damals aufmerksam geworden, weil er Charles Bukowskis Lieblingskomponist war. Ich dachte, was einem Bukowski gefiel kann einfach nicht schlecht sein und lauschte. Seitdem hat sich die Auferstehungssymphonie in meinem Geist unvergängliche Spuren hinterlassen. Sie hat sich eingeprägt als eines der komplexesten, ästhetischsten und berührensten Musikstücke die ich kenne. Sie nimmt mich einfach mit, füllt mich aus und schenkt mir Gefühle und Gedanken. Sie überwältigt und überfordert mich und hinterlässt mich gänzlich befriedigt und um einige Erkenntnisse oder zumindest um einige Fragen reicher. 

Ich denke nach, über diese Komplexität, weil die Musik, die wird Komponiert; die vielen verschiedenen Komponenten, und wie sie klingen sollen, welche Stimmung sie transportieren, von welchem Instrument sie interpretiert werden. Und ich denke darüber nach, was es bedeutet eben das als Komponist zu leisten. Was für eine Menge an Intensität des eigenen Erlebens darin mitspielt. Und was einfach auch das Erleben der Aufführung einer Symphonie mit den Zuhörern macht. Siehe oben. Das ist ein sinnliches Empfinden, wie kaum andere Dinge im Leben es schaffen. Das sind sinnliche Freuden par excellence.

Und ich denke mir: Kann nicht auch Sex mit einem weiteren Menschen (von mir aus auch mit noch mehr, aber da wird das aufeinander Abstimmen unter Umständen komplizierter…) symphonische Züge annehmen? Im wörtlichen Sinne heißt „Symphonie“ ja auch „zusammenklingend“. Wenn ich ein Ideal davon hätte, was Sex zwischen Menschen bedeutet, dann denke ich, dass zusammen Klingen eben dieses wäre. Sich aufeinander einlassen und gegenseitig sinnbildlich, wörtlich aber auch, zum Klingen zu bringen. 

Ein weiterer Gedanke: Kann das Schaffen und Rezipieren von Musik nicht auch eine Sublimierung sexuellen Empfindens und Erfahrens sein? 

Wenn ich mir anschaue, was für ein Genuss mit dem Hören einer Symphonie einher geht, wie der Aufbau einer solchen auch auf ein unfassbar krasses Ende, einen Höhepunkt und Endpunkt hin fließt, welches schlichtweg überwältigend ist, Gänsehaut provoziert, dazu noch Ergriffenheit, dann kann ich beide Fragen bejahen. Es gibt Spannungsmomente voller Bedrohlichkeit oder Leidenschaft. Es gibt Ruhephasen, welche lieblich klingen oder zärtlich. Zum Träumen einladen oder zum Gedankenschweifen. Es gibt diese lauten, einnehmenden und mitreißenden Passagen, in denen Denken gar nicht möglich ist, die Gedanken übertönt und man selbst unnachgiebig Vereinnahmt wird, von der Klanggewalt. Diese Momente wären nicht so bombastisch, wenn ihre Bombastizität sich in einen fort durchsetzten. Sie wirken nur so stark weil sie deutlich anders sind als die anderen. Und dieser Wechsel, zwischen dem Stürmischen und dem Zarten machen das Hörerlebnis zu einem besonders intensiven. Wenn ich nun symphonischen Sex haben wollte, oder habe, ohne das zu intendieren, dann finde ich viele dieser Motive wieder: die Variation in der Intensität und des Einsatzes von Berührungen, von Handlungen oder Techniken. Variierende Tempi, sich abwechselnde Motive, und so weiter. 

Hier nun das für mich so wunderschöne Finale Mahlers 2. Symphonie. Die Boxen müssen zu Beginn sehr laut eingestellt sein, weil der Chor sehr, sehr leise (und so zauberhaft) einsetzt und sich die ganze Klanggewalt erst nach und nach entfaltet.

Montag, 27. Januar 2014

Ein Jahr ohne "die Pille". Ein Rückblick.

Im Dezember letzten Jahres habe ich die Pille abgesetzt. Ich hatte keinen Vorsatz, sondern einfach die Pille in meiner Tasche in der Uni übers Wochenende liegen gelassen und dann entschlossen für den Rest des Monats auszusetzen. Daraus ist jetzt etwas mehr als ein Jahr geworden.

Ich habe auch nicht vor, mit dem Hormonpräparat wieder anzufangen. Dem Zufall geschuldet war das Absetzen der Pille eine der besten Sachen, die ich gemacht habe. Natürlich ist es schwierig von so einem Ereignis Kausalitäten auf andere Ber
eiche des Lebens zu schließen, aber ich habe den Eindruck, dass dadurch tatsächlich viele Prozesse in Gang gesetzt worden - und letzten Endes haben sich wirklich einige Dinge in und rund um meinen Körper verändert.

- Ich bin wesentlich emotionaler, als mit der Pille; Einige Wochen nach dem Absetzen fing es an, dass ich einfach mehr emotional empfunden habe. Ich hatte den Eindruck, Jahre zuvor unter einer Art Käseglocke gelebt zu haben, von meinen Emotionen weitestgehend isoliert. Mir ging es dann halt "gut", aber mit einer gleichgültigen Ausgeglichenheit, die sich nun mehr dahingehend geändert hat, dass ich wirklich ein breiteres, intensiveres Spektrum an Gefühlen/Emotionen/Befindlichkeiten und Stimmungen empfinde. Dadurch fühle ich mich lebendiger als vorher.

- Während ich mit der Pille beim Sex meistens nicht sehr feucht geworden bin und die Zuhilfenahme von Gleitmittel der Regelfall war, ist das nun nicht mehr nötig. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die sexuelle Empfindsamkeit, Erregbarkeit wesentlich intensiver geworden ist.

- Zum ersten Mal, seit vor der Pille hatte ich mich wieder richtig, aber so richtig krass, mega, doll verliebt.

- Einmal ist ein Gummi gerissen und der Institutionen-Marathon um die Besorgung der Pille danach ging los. Wie das immer so ist: Nach 18h/vor einem Feiertag. Vier Stunden später und nach dem Hinweis des Apothekers in der Notapotheke, dass er mir gerade das letzte Präparat verkauft hat, hatte ich die PiDaNa. Ich hoffe das bleibt für lange Zeit der einzige Unfall. Seitdem kontrolliere ich meinen Zyklus stärker im Hinblick auf Fruchbare Tage. Ein Leben mit der Natürlichen Familienplanung als Verhütungsmittel ist mir derzeit aber zu riskant, ob des studentischen Lebenswandels rund um Rauschmittel und lange Nächte.

- Ich bin aktiver. Das Absetzen der Pille motivierte mich dazu, einfach mal Dinge in meinem Leben zu tun, die ich mir gut vorstelle, statt mir immer nur vorzustellen, dass sie gut sein könnten - mich aber nicht an die Umsetzung heran zu trauen. So gehe ich seit März zum Bauchtanz und seit April zum Tango. Das Tanzen macht unglaublich viel Spaß und gibt mir ein so unfassbar gutes Körpergefühl, wie es andere Auseinandersetzungen mit dem eigenen Körper einfach nicht schaffen. Ich habe den Eindruck dadurch mehr bei mir zu sein. 

- Ich habe abgenommen. Mein Essverhalten hat sich dahingehend geändert, dass ich weniger Hunger, bzw. Appetit habe. Ich esse weniger bei den Hauptmahlzeiten und snacke nicht mehr zwischendurch. Das Bedürfnis ist nicht da, welches vorher einfach da war. Ich habs nicht aufs Abnehmen abgesehen - aber das war ein interessanter Nebeneffekt.

Die Vorstellung, mit der Pille wieder anzufangen ist mir zuwider. Ich sträube mich da wirklich gegen. Nicht dass ich jemals schlimme Nebenwirkungen gehabt hätte - aber die leisen Nebenwirkungen, die die man eben nicht merkt, die sich eben einschleichen. Nicht so feucht zu werden, weniger Stimmungen, Gefühle zu erleben - das finde ich in der Nachbetrachtung richtig bedenklich. Das ist ein Umgang mit mir selbst, den ich mir nicht wieder zumuten will. Und ich finde es sehr bedenklich, dass über diese leisen Nebenwirkungen nicht in angemessener Weise aufgeklärt wird. Dass die Nebenwirkungen von Hormonpräperaten einfach in Kauf genommen werden.

Montag, 13. Januar 2014

Der ultimative Sextipp #1: Sich Zeit lassen, sich Zeit nehmen

Ich halte ja nichts von Sextipps. Also im Sinne von Ratgebern, in denen Techniken, Strategien und Handgriffe vermittelt werden - und gute Adressen, bei denen wir uns Werkzeug und Requisiten kaufen können. Es ist ja nicht so, als wenn ich sowas nicht selbst schonmal gemacht hätte. Aber ich denke nicht, dass Sex in irgend einer Form durch Handgriffe und Zubehör besser wird. Besser - das heißt für mich: glücklich machend und befriedigend - wird's meinem gesammelten Erkenntnisstand aufgrund der Einstellung, Attitüde, grundsätzliche Herangehensweise an den Sex. An dieser Stelle würde ich meiner Erfahrung nach Unterschiede hinsichtlich der Qualität meiner sexuellen Begegnungen treffen. Und Möglichkeiten, anzusetzen, besser zu werden. (Entschuldigt bitte die zum Teil ironischen oder albernen Zwischenüberschriften, aber ich finde es ein bisschen skurril, so etwas wie Sextipps zu geben - eigentlich sind es ja viel mehr persönliche Eindrücke und ich habe gerade Freude daran, die Art von Ratgebern durch den Kakao zu ziehen.)

Sich Zeit lassen, sich Zeit nehmen

Das ist für mich extremst wichtig. Und extremst befriedigend. Glücklich macht mich das auch. "Sich Zeit lassen" ist ein Tipp, der sich kostengünstig umsetzen lässt, manchmal will er ein wenig geplant sein. "Sich Zeit lassen" heißt immerhin auch, sich Zeit nehmen. Das ist manchmal nicht so praktikabel. Dann kann der Sex auch gut sein. Aber mich zumindest würden immer nur Quickies - und Quickies heißen für mich: Geschlechtsverkehr ohne das sogenannte Vorspiel, ohne ein Nachspiel, für mich eben auch ohne Orgasmus, weil ich kein vaginaler Typ bin - nicht befriedigen.
Also sich Zeit nehmen: Am besten den ganzen Tag oder gleich zwei Tage. Aber man muss es auch nicht übertreiben. Ist ja möglicher Weise auch eine Typ-Frage. Ein paar Stunden sollten es aber schon sein. So kann man sich unterhalten, smooth in den Sex einsteigen, Orgasmen genießen und ausklingen lassen, Quatschen, Pausen machen und wenn der Redefluss abgeklungen ist über Küssen wieder warm werden, sich anregen lassen durch die Erregung des Gegenüber. Die Reihenfolge und Wiederholungsrate lässt sich natürlich situationsabhängig variieren.

(Das finde ich zumindest immer großartig: Mich auf mein Gegenüber einzulassen, wenn diese/r gerade erregt ist. Diese Erregung auf mich einwirken zu lassen, sie zu beobachten und auf mich einzulassen. Den Blick auf das Gesicht richten, die Augen, den Mund, die Brauen, insgesamt die Mimik. Darauf zu achten, wie mein Gegenüber atmet. Wie sich das anhört, ob ich den Atem vielleicht sogar selbst auf meiner Haut spüren kann. Wie sich die Brust hebt und senkt. Um nur ein paar der sinnlichen Kleinigkeiten aufzuzählen. Zeit gehört für mich definitiv dazu.)

"Quality-Time" heißt Entspannung


Wenn ich mir wirklich für Sex Zeit nehme, mich verabrede dafür und wir wissen, dass unsere gemeinsame Zeit dem Sex gewidmet ist (ob wir sie dann tatsächlich komplett sexuell nutzen ist ja uns überlassen), kann ich mich gut entspannen. Es ist Zeit die ich mir eingeräumt habe, sie auf eine Art zu nutzen, die mir gut tut. In der ich abschalten kann, in der ich meine Sinne, meine Lust und meine Freude in den Mittelpunkt stelle. (Stichwort: "Quality-Time". Oh Gott. Habe ich ich das wirklich geschrieben?)

Wenn ich entspannt bin, denke ich weniger an Dinge, die ich noch erledigen müsste, oder die gerade ein anderer Stressfaktor in meinem Leben sind. Ich bin einfach im Präsens, im Hier und Jetzt und ganz bei mir. Und bei Dir vielleicht auch. Aber eigentlich sind wir immer, wenn überhaupt, bei uns.

Sich Zeit lassen heißt für mich auch nichts zu überstürzen und auch nicht alles auf einmal zu machen.

Nichts zu überstürzen kann eine grundsätzliche Einstellung sein: Nicht versuchen Dinge zu tun, zu denen ich noch nicht bereit bin - sei es insgesamt oder mit der Person. Die andere Seite ist eben auch möglicherweise zu merken - mit der Zeit eben, dass Analsex beispielsweise etwas ist, worauf man sich nun gerne einlassen möchte. Wozu man vorher aber noch nicht die Bereitschaft hatte. Weil man die Entscheidung getroffen hat, sich nicht weiter durch die Entspannungstipps für schmerzfreien Analsex zu quälen oder zu gucken, ob man nicht doch noch einen etwas kleineren Plug findet, für den Einstieg (und nachher ein ganzes Set besitzt, bestehend 10 verschiedenen Größen, bei denen man über die ersten drei durch krampfhaftes "Trainieren" (Dehnen) niemals hinaus kommen wird.

In der Ruhe liegt die Kraft


Bei Hektik habe ich oft den Eindruck, dass versucht wird möglichst auf einmal zu zeigen, was man alles kennt und kann. Mich überfordert das immer. Hektik bedeutet bei mir, dass ich mich überhaupt nicht auf meine Empfindungen einlassen kann. Vielleicht bin ich etwas langsam. Aber ich brauche mehr Ruhe. Ok, das heißt nicht unbedingt Langsamkeit, sondern wieder eher das "Gefühl", den Eindruck, dass mein Gegenüber sich für mich Zeit lässt. Dass es nicht lästig ist, X mit mir zu tun, sondern Spaß macht und nicht ein Punkt auf der Check-List, der darauf wartet, abgehakt zu werden, damit man endlich zum Ficken kommt. Dann lieber gleich ficken.

Bei Hektik steht oft auch wieder so eine Technik-Geschichte im Vordergrund, beziehungsweise die vermeintliche Notwendigkeit auf den Tisch zu knallen, wie versiert man ist. Ich finde es gut, die Praktiken beim Sex zu variieren. Aber bedürfnisorientiert und nicht aus Angst als Langweiler_in dazustehen und sich einem Performancedruck hinzugeben. (Performancedruck ist schlimm, lässt sich aber auch [mit der Zeit] überwinden. Ich hatte den selbst in jüngeren Jahren [haha...] weil ich dachte das offensive Zurschaustellen sexuellen Kennens und Könnens in "entscheidenden Momenten" würde mich erwachsener, ergo reifer, machen.) Also Stellungen zu wechseln finde ich nervig, wenn es mit Unterbrechungen einher geht, die sich als solche anfühlen, wenns ein Automatismus ist, oder gar die Akrobatik oder Muskelkraft im Vordergrund steht.

Gerade beim Geschlechtsverkehr finde ich, dass dieser für sich genommen schon genügend "Programm" ist. Da muss nicht noch dieses und jenes kommen und fünf Stellungen. Diese können auch Spaß machen, aber eben zu einem späteren Zeitpunkt. Oder explizit intendiert. Wenn ich zum Beispiel merke, dass mein Partner große Freude daran hat, mich übers Bett zu scheuchen und zugleich wieder einzufangen, dann ist es in Ordnung. Sogar sehr schön und gut! Aber die Motivation ist eben eine andere, und die spüre ich. Ich merke es, ob Techniken und Praktiken initiiert werden, weil eigener Genuss mit ihnen Verbunden ist, weil sie einfach als dazu-gehörend/jetzt angebracht empfunden werden oder der Wunsch zu Gefallen im Vordergrund steht.

Aber an dieser Stelle möchte ich innehalten und einfach beim nächsten "Sextipp" weiter machen, wenn es dann heißt:
Präsenz im Bett (oder wo man auch immer Sex haben mag).

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Sasha Grey: "The Juliette Society"

Sasha Grey, eine Ikone, ein schillernder Popstar, eine junge Frau, die als Pornostar zur Fame gelangte, hat nun ihren Debut-Roman raus gebracht. "The Juliette Society". Ich habe es gerade zuende gelesen.

Kurzzusammenfassung: Es geht um Sex. 

Etwas mehr Details: Es geht um Catherine, eine Filmstudentin, die über verschiedene Personen, die Einzug in ihr Leben erhalten Inspirationen aufnimmt. Diese bringen sie in sexueller Hinsicht weit weiter, als davon zu träumen, ihrem Partner Jack in Heels und in Dessous im Büro zu vernaschen. Sie entdeckt zuvor unterdrückte Seiten an sich und landet schließlich bei der "Juliette Society", einer Loge, einem Geheimbund mächtiger Männer Menschen, die einem Hedonismus frönen der nicht nur entfernt an den Marquis de Sade erinnert. 

Ich war schon den ganzen Sommer heiß auf das Buch und konnte mich gerade noch so zurück halten, im Urlaub nicht die spanische Version zu kaufen um gleich einsteigen zu können. Nein, ich war überzeugt davon, dass ich Sasha Grey auf Englisch lesen will. Das war für mich doch überhaupt das spannendste und vielleicht sogar das einzig spannende an dem Buch: In die Gedankenwelt Sasha Greys einzutauchen. Das Buch hat einen sehr persönlichen Stil, ist aus Catherines Perspektive Geschildert und es sind die Gedanken, die wohl aus Sashas Kopf in ihre Tastatur geflossen sind, die nun lesbar, nachvollziehbar auf dunkelweißem Papier stehen. So nah war ich meinem Pornostar noch nie. Das ist wahre Intimität, zu lesen was andere schreiben. Auch wenn sie nicht über sich schreiben, so offenbaren sie ja doch etwas über sich. Das fand ich richtig spannend.

In diesem Zusammenhang haben mich die Schilderungen sexueller Situationen in dem Buch sehr überzeugt. Es kann auch daran liegen, dass deutsche Übersetzungen von Menschen geschrieben werden, die gar nicht so viel Plan davon haben, wie man pornographischen Text literarisch ansprechend übersetzt. Aber die Sexpassagen in "The Juliette Society" haben mich überzeugt. Ich hatte Angst, eine Ex-Pornodarstellerin geht da zu sehr nach 0815-Porno-Standardschema vor - aber nein. Wenn auch pseudo-phantasievolle Szenarien hier und da auftauchen, so ist der Sex angenehm, nachvollziehbar, am Menschen, an Catherine orientiert, geschildert.

Catherine, die Filmstudentin bringt recht viele Gedanken an Filme in die Story mit ein. Sie denkt nach über die Charaktere, den Aufbau des Films, Schlüsselszenen und verwebt dies mit ihrem Erleben. Zu weiten Teilen des Buches fand ich das sehr interessant und passend und überhaupt: Ich mag es sehr, wenn die Gedanken der Buchcharaktere Formen annehmen, wenn wir ihnen in den Kopf lesen können, wenn sie uns etwas zu sagen haben, was auch für uns relevant und interessant sein kann. Aber gegen Ende des Buches, wo es ja tatsächlich eine Art Wendung gibt, fand ich es nur noch nervig.

Während das Buch mit der Perspektive eröffnet und sich entwickelt, Catherine in neue, schöne Welten der körperlichen Lust und der Ausschweifungen zu begleiten, so entwickelt es sich recht plötzlich davon weg, ohne tatsächlich das Potenzial aufzubauen immerhin ein guter Thriller zu werden. Leider verbleiben diese Ausschweifungen und die Lust entweder in Catherines Kopf - was nun nicht der schlechteste Ort ist - oder sehr an der Oberfläche und gehen nicht über das hinaus, was wir doch alle über die Sadomasochist*innen und die reichen Menschen wissen, seit "Eyes wide shut" oder... ich glaube in den USA gibt es bestimmt auch Fernsehformate, wo Menschen bei ihren dirty Hobbies begleitet werden und man sehen kann, wie so ein SM-Keller und eine entsprechende Party abläuft. Kurz: Alles bekannt und schon x-mal als voll besonders durch den Fleischwolf gedreht. Neues oder anderes hätte in diesem Zusammenhang bedeutet, mehr auf die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin und vielleicht sogar anderer einzugehen, vielleicht mehr Dialoge, auf jeden Fall mehr Tiefe. 

Das Ende fand ich enttäuschend in der Hinsicht dass das Potenzial der dramaturgischen Wendung nicht ausgeschöpft wurde sondern eher im Gegenteil, eine Verknüpfung von Sex und Crime, wie sie wirklich jede/r herstellen kann, ihren finsteren Schatten über die Story legt. Hätte ich mir natürlich auch denken können. Wenn ein Buch "The Juliette Society" heißt. Die hatte ich zwischenzeitlich ja vergessen, weil das Buch wesentlich näher an dem Leben dran war, was Studentinnen mit überarbeiteten und daher sexmuffeligen Freunden führen, als an irgendwelchen Geheimbünden. Ok, den Geheimbund an sich, den hätte ich ja auch noch geschluckt. Aber Crime? Seriously, Sasha? Warum? 

Warum?

Warum?

Verdammte Scheiße, ich habe es so satt, dass Bücher, wenn sie Sex behandeln, wenn sie tatsächlich auch mal Sex so schreiben, dass man sich freut ihn zu lesen und überhaupt, ich habe es so satt, dass dann immer diese überdimensionierte MACHT einem riesigen Phallus gleich sich niedersenken muss und den ganzen süßen, allzumenschlichen Sex einfach so wegbumst! Ernsthaft. Es macht mich wütend. Guter Sex in Büchern: Entweder es wird versucht den perfekten Mann als Vampir oder als Multimillionär zu erschaffen. Oder es geht um neugierige Journalistinnen, die sich in für sie gefährliche Millieus begeben - aber gefährliche Männer ficken halt gut. Oder sonstwie um Frauen, die ihre Nase in Dinge reinstecken, die sie nichts angehen. Die gefährlich sind. Die verboten sind. Und verlockend. Ja ja. Mann. Ist das spannend. Und ausgefallen. Und mal was neues und was ganz anderes. Nicht.

Dabei bringt Sasha Grey in meinen Augen ein unfassbares dekonstruktivistisches Potenzial mit sich. Einfach aufgrund ihrer Erfahrungen in der Pornoindustrie, ihres Status, der Art und Weise wie ihr Berufsfeld polarisiert, der Art wie sie gefeiert wird und der Einblicke, Erfahrungen und Perspektiven, die sie gesammelt hat und auf die sie zurück greifen kann. "The Juliette Society" verbleibt hierfür allerdings zu sehr im allzu bekannten, auf der Oberfläche und schafft es nicht Verknüpfungen zwischen Sex und Macht so zu kontextualisieren und problematisieren, dass hieraus neue Perspektiven entstünden.

Samstag, 28. September 2013

Körperakzeptanz vs. Disziplin und Konsum

Die letzten Tage beschäftigte ich mich viel mit Körpern. Aktiv wie passiv. Mit meinem eigenen, mit dem anderer. In direktem Austausch, oder am Bildschirm. Es gibt viele Gedanken in meinem Kopf, die ich gerne mit Euch teilen möchte.

Kategorisierungen


Körper unterliegen in vielfacher Hinsicht Kategorisierungen. Sie werden als dick, dünn, fett, dürr bezeichnet. Es gibt ein "Über"-Gewicht, ein "Normal"-Gewicht und ein "Unter"-Gewicht. Abweichungen von diesem irgendwie mal festgelegtem "Normal"-Gewicht implizieren, dass ihr Vorkommen unnormal ist. Vielleicht sogar krank. Wahrscheinlich nicht begehrenswert. Begehren, ja, Vorstellungen von Attraktivität werden stark mit der äußeren Erscheinung gekoppelt. Menschen müssen sich oft dafür rechtfertigen, dass sie Partner_innen haben, die von gängigen Schönheitsidealen abweichen.

Frauen müssen sich dafür rechtfertigen, wenn sie nicht danach streben so auszusehen, wie die Covermodels der "Cosmopolitan", oder "Shape". "Normal" ist ein Frauen-Bauch der keiner ist. Eine leichte Kurve nach innen soll er machen. Das war auch lange Zeit mein Ideal-Bauch. Und ich unternahm mehr oder weniger ernste Versuche, dort hin zu kommen. Zuletzt hatte ich so einen Bauch mit 15 gemacht. Ich glaube im Nachhinein, dass es "normal" ist, dass sich der Körper im Laufe des Heranwachsens verändert und dass ich mit 25 nicht körperlich aussehen muss, wie mit 15. Ich hatte nie dieses ominöse "Übergewicht". Das Gefühl, mich für meine "Fettpölsterchen" an den Schenkeln und Hüften, für meinen nach außen tretenden Bauch schämen zu müssen allerdings schon.

Disziplin


Ich hätte mehr Sport machen sollen. Über Jahre war ich sogar im Fitnessstudio angemeldet. 

Die offizielle Version: wegen meiner Rückenprobleme. 

Eigentlicher Grund: attraktiver werden. 

Ehrlich gesagt: Ich habe die Einschätzungsmöglichkeiten meiner eigenen Schönheit schon lange verloren. Als Kind hab ich mich mit sowas nicht auseinander gesetzt. In der frühen Pubertät fand ich mich ganz ok. Danach wurd's problematisch. Als der Bauch nach Außen trat und die Beine begannen Cellulitis auszubilden. Und die Pölsterchen auf den Hüften sogenannte Schwangerschaftsstreifen aufwiesen. 
Ich versuchte es mit "Sport", also den ausgewählten Trainigseinheiten, die speziell auf Frauen mit meinen Problemen zugeschnitten sind: Bauch, Beine und Po-Übungen. Spaß war das nicht. Unmengen an Disziplin kostete es mich immer, meinen Körper ins Studio zu bewegen. Die Erfolge blieben weitestgehend aus, weil es mit meiner Disziplin einfach noch nie sonderlich weit war. Wenn mich etwas nicht begeistert, fällt's mir eben schwer bei Laune zu bleiben. Gegen Ende ging ich nur noch in die Sauna des Fitnessstudios.

Frauenmagazine lese ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Den Bildern zu entkommen, die ein Monopol auf Attraktivität haben, ist jedoch nicht möglich. Je nach Tagesform kann ich auch damit umgehen, dass ich eben eine "kleine" Frau bin und mein Körper so ist, wie er ist. Manchmal bin ich deprimiert. Ich messe mich mit anderen. Oder andere messen mich mit anderen.Natürlich weiß ich, dass die Bilder alle retuschiert sind. Oder dass all diese Frauen einfach auch dafür bezahlt werden, medial ausgeschlachtet zu werden und ihren Körper zu drillen, zu disziplinieren, in Form zu halten, in Form zu pressen. Das ist ihr verdammter Job. Traurig, was es für Jobs gibt.

Es ist wirklich grotesk, wie sehr es eine runterziehen kann, gefragt zu werden, ob man schwanger ist.

Das groteskeste daran ist allerdings, den "Fehler" bei sich zu suchen. Diese Fehleinschätzung, diese Dreistigkeit, seinen Körper beurteilen zu lassen als eigenen Fehler zu sehen. Klar, wenn ich mich nicht so hätte "gehen lassen", dann wäre ich gar nicht erst in diese peinliche Situation der Fehleinschätzung gekommen.

Konsum


So traurig es ist, und so demütigend auch, es sich vor Augen zu führen, es war zu nehmen: Ich lasse im Laufe der Pubertät andere über meinen Körper entscheiden, nehme Körperbeurteilungen an und messe meinen Körper daran. Ich messe mich mit Angelina und Fergie und Kiera. An dem fiktiven, durchdomestizierten und durchdisziplinierten perfekten, attraktiven Frauenkörpern. So soll meiner WERDEN, denn er ist ja anders und zwar defizitär. Unabhängig davon, wie er tatsächlich ist. 

Um meinen Körper dort hin zu bekommen, muss ich mein Konsumverhalten nach diesem Ziel ausrichten. Ich konsumiere bestimmte Lebensmittel vor anderen, ich kaufe Kosmetikprodukte um den Körper zu optimieren, um mich schön zu machen, schön zu WERDEN. Ich kaufe also Cremes und Lotions, Wimperntusche, Lidschatten, Lippenstift um mir eine Maske der Fickbarkeit zu schminken. Ich zupfe meine Augenbrauen, ich packe mir Conditioner in die Haare. Ich rasiere mir meine Beine. Wär ich nicht so ne Pussy würd ich sogar Wachsstreifen verwenden. Meine Pussy rasiere ich auch. Ich gebe Geld aus, in all diese Produkte, die mich schöner, attraktiver, fickbarer machen. Das ist traurig, aber es ist die verdammte Normalität in die wir Frauen des reichen Westens hinein wachsen.

Ich kaufe Kleidung, die meinen Brüste, die nämlich einer meiner Vorzüge sind, vor meinem Bauch betonen. In der Hoffung eines Tages auch meinen Bauch betonen zu können. Um da hin zu kommen, miete ich mich im Fitnesstudio ein. 

Grotesk ist nämlich auch: Ganz im Sinne des Neoliberalismus liegt es ja an mir und meinem Einsatz eben das zu erreichen, was ich erreichen will. Als hätte ich jemals eine Wahl gehabt. Aber es ist so. Wenn ich mein Körperziel nicht erreiche, dann nur, weil ich es nicht genug versucht habe. Vielleicht hätte ich nicht zu geizig für die Anti-Cellulitis-Lotion sein sollen? Und natürlich wesentlich disziplinierter sein müssen!

Begehren


Warum ich das ganze Spektakel durchmache hängt damit zusammen, wessen Objekt der Begierde ich sein soll und natürlich sein will. Das von Männern. Ob diese wirklich das wollen, was Frauen denken das sie wollen, bzw. vermittelt bekommen, was sie wollen, weiß ich freilich nicht. Wir reden ja nicht miteinander. Wofür sollten Männer und Frauen denn auch miteinander reden, wenn diese Zeitschriften schon als die perfekten Mittler fungieren. Männer stehen nunmal auf lange schlanke Beine. Auf pralle Ärsche, auf Sanduhren-Silhouetten. Das ist Veranlagung, Baby! Steckt ganz deep in den Erbanlagen. 

Vielleicht lernen Männer aber auch einfach das zu begehren, was sie begehren sollen. In meiner Jugend hatten viele Jungs ein Poster einer nackten Carmen Elektra unterm Wasserfall in ihrem Zimmer hängen. Ich glaube, das machte sie erwachsener, oder so. Normalität wird konstituiert. Und jeder von uns trägt seinen Teil dazu bei. Wir beginnen uns mit dem, was normal ist, zu identifizieren. Jungen lernen, dass es zur heterosexuell konstituierten Männlichkeit dazu gehört, Carmen Elektra oder andere Wunderweiber geil zu finden. Manche wachsen darüber hinaus und lernen kennen, dass es einfach wirklich viel, viel mehr und gutes gibt. Andere verharren möglicherweise in diesen Vorstellungen des perfekten Frauenkörpers und verlangen diesen. 


Wir schränken uns mit dieser ungesunden Fixierung auf die Körper so unfassbar stark ein. Wir selektieren uns selbst in den Pool der Attraktiven hinein und hinaus, wir machen dies eben so mit anderen Menschen. Dabei werden wir zu Opfern unserer Oberflächlichkeit. Wir beschränken uns selbst so vieler Möglichkeiten, Wertschätzung zu geben und zu erfahren. Die Beurteilung des Äußeren ist der Sympathie, der Attraktivität des "Geistes" vorgeschaltet. Person X kann wirklich ein wunderbarer Mensch sein. ABER ... wir verharren zu oft in Beurteilungsschemata, welche zu einer Monokultur der Attraktivität führen und die Vielfalt von Schönheit, Attraktivität - welche tatsächlich mit der Optik einfach nichts zu tun haben müssen, komplett außenvor lassen. Wir haben mitunter auch Angst vor den Urteilen unserer Freunde, wenn unser_e neue_r Partner_in nicht in dieses von uns allen internalisierte Schema hinein passt.

Körperakzeptanz


Mit meinem Bauch habe ich Frieden geschlossen. Statt ins Fitnesstudio zu gehen, mache ich seit einigen Monaten Bauchtanz. Das bedeutet Bewegung und den eigenen Körper so wie er ist kennen zu lernen, mit ihm umgehen zu lernen, ihn bewegen zu lernen. Günstig: Der Bauch ist ein wesentlicher Bestandteil und es ist sogar für viele Bewegungen von Vorteil, wenn er grundsätzlich nach außen gewölbt ist. In unserer Gruppe geht es um die Freude an der Bewegung und am Körper. Wir tanzen nicht um tanzend sexy zu sein, sondern des Körpergefühls wegen. Es ist unglaublich, wie wenig ich  über meinen Körper bis dato wusste. Wie wenig ich ihn all die Jahre gespürt habe. Vor wenigen Monaten "traute" ich mich sogar, bauchfrei zu tanzen. Bauchfrei bin ich sonst nur am Strand oder in der Sauna. Aber so vorm Spiegel, beim Bewegen, in Kleidung meinen Bauch zu zeigen wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich hätte gesagt, dass er dafür einfach nicht aussieht. Bauchfrau Bauchtanz zu machen ist ein auto-optischer Hochgenuss. Man kann beim Durchführen der Bewegungen ganz genau beobachten, was da eigentlich abgeht. Der Bauch lebt, er bewegt sich, die Muskeln werden beansprucht. Mal wölbt er sich weit nach Außen und gibt dem Körper Volumen, mal zieht er sich nach innen, die Bewegungen fließen.

Bauchtanz ist großartig. Es ist ein Tanz, bei dem der Körper sich Raum zurück erobert. Aus sich, aus seinen Bewegungen heraus. Der Bauch hat Freiheit.

Donnerstag, 12. September 2013

Die Ermöglicher*innen

Irgendwann in meinem Leben sagte ich mir, dass es mir nichts geben wird, an die letzte monogame Beziehung mit einer nächsten monogamen Beziehung anzuknüpfen. Monogamie war mir ein Greuel, Monogamie hatte meine Beziehung nach meiner Auffassung und Wahrnehmung kaputt gemacht.

Oft und gerne argumentiere ich damit, dass viel mehr möglich ist, wenn man ein offenes, bedürfnisorientiertes Konzept einer romantisch-ideologisch geführten monogamen Beziehung vorzieht. Allzuoft sind Poly-Konzepte ebenfalls romantisch-ideologisch. Ist ja auch kein Wunder, schließlich müssen sie sich ständig behaupten und rechtfertigen und die vielen kleinen und großen Logikfehler aufzeigen, welchen Monogamisten aufsitzen.

Weder Monogamie noch Poly-Konzepte sind ein Garant für den Bund des Lebens. Sowas gibt es einfach nicht. Einen Garant. Und es bringt auch nichts sich in Theorien zu verstricken darüber, was nun unter welchen Umständen aufgrund welcher Herleitungen und Prämissen zu welchen besseren Ergebnissen führt. Also theoretischer Unterbau ist immer klug, würde ich meinen. Aber letzten Endes ist doch das Leben in der Praxis und mit der Praxis das, was wir aktiv führen. Und hier müssen Konzepte erprobt und ausgehandelt werden und im besten Falle so, dass Menschen Genuss empfinden, an dem was sie tun und glücklich und zufrieden werden.

Ich mag trotdem mal kurz einen Aspekt von Poly-Konzepten in den Vordergrund stellen, der meiner Meinung nach viel zu kurz kommt. Über den Nachzudenken sich wirklich lohnt. Wirklich, wirklich lohnt.

Wer macht denn all die Vorzüge einer Poly-Beziehung, beim Namen genannt, die Möglichkeit sexueller und/oder emotionaler Freizügigkeit möglich?

Die meisten mir bekannten im weitesten Sinne poly liebende/lebende Menschen lehnen ein Treuekonzept ja nicht ab. Treue ist dabei nicht an sexuelle Exklusivität wie in Mono-Beziehungen gebunden, sondern daran, dass Absprachen gehalten werden, dass eine Vertrauensbasis besteht, die sich auf die Einhaltung der Absprachen stützt. Die Absprachen werden zwischen den Personen in der Beziehung getroffen, im besten Falle in Rückbezug auf deren Bedürfnisse (und nicht reinem Rückbezug auf Moralvorstellungen). 

Indem wir die Absprachen treffen, die uns und unserem Partner sexuelle/emotionale Freiheiten zugestehen, sind wir es, die einander ermöglichen all die Sachen zu erleben, die wir erleben werden. Jede einzelne wunderbare sexuelle und emotionale Bereicherung unseres Lebens wird lediglich zustande gekommen sein, weil wir das OK einer Person erhalten haben, die wir so unglaublich schätzen, die wir lieben, deren Wohlergehen uns am Herzen liegt - und umgekehrt. 

Wenn ich daran, an diesen Umkehrschluss denke, dann ergreift mich eine tiefe Dankbarkeit ALLEN Partner*innen gegenüber: meinen eigenen, die mir Freiheiten geschenkt haben sowie denen, die mir die Möglichkeit boten mit ihren Partner*innen intim zu werden.

Dabei möchte ich mich gegen den Gedanken wenden, es sei ein Opfer oder ein Entbehren, dem Partner sexuelle Freiheiten zu zu gestehen. Wem wird denn dabei etwas genommen? Es ist doch viel mehr ein Geschenk den Partner*innen, den anderen und auch sich selbst gegenüber.

Tatsächlich erfüllt es mich mit Genugtuung zu wissen, wass ich zu geben alles im Stande bin. Nicht an die Grenzen meines Körpers, meines Geschlechtes, meiner Physis, meiner Vorlieben gebunden zu sein, sondern denen die mir wichtig sind wirklich ALLES geben zu können, was sie begehren. Indem ich Zugänge schaffe, Wegbereiterin bin, tatsächlich Macht ausübe - denn ich könnte mich auch sperren. Aber wofür? 

Die Öffnung einer Beziehung bedeutet für mich die Erweiterung und Implementierung unterschiedlichster Möglichkeiten und Erfahrungen - von denen wir eben nicht ausgeschlossen sind, wenn unsere Partner*innen Intimität mit anderen teilen sondern im Gegenteil ein wesentlicher Teil dessen sind, indem wir die Begegnungen, den Genuss, die Freuden als solche erst ermöglicht haben.


Montag, 10. Juni 2013

Wenn Aufklärung in Mythos umschlägt

"In some ways, all the sex on the show is a rebuke to porn. So much of what happens sexually today is from porn. My entire sex life has been against that backdrop. What did it used to be like? I totally don't know. I'd have to sit down with my mother and compare and contrast her early 20s sex life, and that's not a conversation I feel like having."'- Lena Dunham ("Girls")

Gestern stolperte ich über diese Sätze der amerikanischen Drehbuchautorin und Schauspielerin Lena Dunham. Diese ist mit ihrer Serie "Girls", für die sie sowohl das Drehbuch schreibt, als auch die Hauptrolle spielt, berühmt geworden. Das schöne an der Serie ist, dass sie zum einen mich als Zielgruppe in den Mittelpunkt stellt, also Personen mitte Zwanzig, die Generation Praktikum. Zum anderen sehen die Menschen in der Serie recht normal aus. Es gibt "schlanke" Menschen, es gibt "normale" Menschen, es gibt "dicke" Menschen. Die Gesichter könnten einem auf der Straße begegnen. Auf das Lachen aus der Konserve wird ebenso verzichtet, wie auf klamaukigen Humor. Die Gespräche sind zum Teil etwas absurd, aber oft werden auf schöne, gedankenvolle und realistische Art zwischenmenschliche Probleme behandelt. Es geht um Beziehungen, um die Arbeit, um den Lifestyle und um Sex. Der Lifestyle-Aspekt ist das einzige mich an der Serie störende - andererseits auch ein bisschen reizvoll: Die Serie spielt in New York, diese jungen Leute, die gut ausgebildet sind aber keine ordentlichen Jobs finden, führen ein Leben, welches mir als Studentin in einer westdeutschen, vom strukturwandel gegeißelten Großstadt unter 500.000 Einwohner tatsächlich ganz schön verheißungsvoll vorkommt. Und obwohl das Geld immer knapp ist, ist der große Kaffee-to-go-Becher immer voll, die Parties werden immer besucht und der modische Hippie-Gammel-Style sitzt auch. Letzterer ist dabei viellleicht noch das preiswerteste. Und Modebewusstsein hat möglicherweise tatsächlich nichts mit monetären Reichtümern sondern mit der Einstellung zu tun. Das ist in Bochum, Wanne-Eickel, Herne und Umgebung nur noch nicht angekommen.

Dieses Zitat von Lena Dunham brachte mich zum Nachdenken. Ja, in welcher Wechselwirkung steht sie denn, unsere, meine Sexualität zur Pornographie. Ist überall Porno drin? Und wenn dem so ist: Ist das denn schlimm? Wäre es wichtig, mich mal mit meiner Mutter auszutauschen, über ihre Herangehensweise an die eigene Sexualität?

Aufklärung

Da ich nun niemanden sonst hierzu gefragt habe, kann ich nur von mir ausgehend versuchen die Fragen zu beantworten. Meine ersten Pornos dienten mir persönlich tatsächlich einer Art visuellen Aufklärung. Sie waren das Praxis-Beispiel für das, worüber ich lesen konnte. Natürlich haben sie mich auch erregt, keine Frage. Aber der Konsum ging immer mit einer Neugierde daher, mit dem Wunsch zu erfahren, "was geht".

Die kritischen Dimensonen des Porno habe ich erst später kennen gelernt und begriffen. Meine ersten Sequenzen und Bilder, die ich mit fünfzehn gesehen habe, hatten für mich die körperlichen Aspekte im Vordergrund. Ob der Umgang zwischen den Akteuren aggressiv war, oder von Machtgefällen geprägt - hat mich nicht interessiert, es ist mir allerdings auch nicht aufgefallen.

Natürlich beeinflusst das, was man in Pornos sieht das eigene Sexleben. Immerhin treten dort Praktiken ins Blickfeld - über die niemand redet. Ganz unabhängig davon, ob Analsex oder ein Gangbang nun alltagsrelevant sind, sie gehören nicht in der Form zum "normalen" Sex dazu, wie Oralverkehr und die Missionarsstellung. Darüber zu urteilen, ob das nun gut oder schlecht ist, liegt mir fern. 

Im Internet ist mir gleichermaßen alles verfügbar. Nahezu wertungsfrei kann ich mir Anschauungsmaterial zu allen möglichen Praktiken sichern. Das problematische sind dabei nicht die Praktiken an sich, sondern wie sie dargestellt werden, was daraus gemacht wird. 

Mythos


Von der Umsetzung her, sind die meisten Pornos ganz schön reaktionär. Die Mädels sind die dauergeilen "Schlampen", um deren sexuelle Befriedigung sich keinen Deut geschert wird - was auch nicht nötig ist, da sie ja sowieso immer Bock haben und quasi auf natürliche Art und Weise durch die Befriedigung des Mannes selbst zu dieser gelangen. 

Wenn also ein Mädchen meint, dass dieser Typ "verlangt" wird, dann ist das ein Problem. Wenn ein Junge meint, dass in Pornos erfüllendes Sexleben gezeigt wird, ist das ebenfalls problematisch. Aber dann stimmt noch etwas anderes nicht: Nämlich die Kommunikation. Das ist doch immer der Knackpunkt: Ich kann mir noch so viel ansehen, anlesen, anhören - und im Zweifelsfall, im Fall der Fälle weiß ich überhaupt nichts darüber was die Person, an der ich konkret interessiert bin, gerne mag.

Oder was ich gerne mag.

Das funktioniert auch mit dem Porno: Ich kann über das, was ich auf der Leinwand gezeigt bekomme, reflektieren. Ich kann benennen, was mir gefällt, und was nicht. Welche Darstellungsformen mich aus welchen Gründen ansprechen, und welche nicht. Ich kann Praktiken auf der visuellen Ebene kennen lernen und in der praktischen Umsetzung merken, dass das nicht meins ist. Ich kann ihn auslachen, den Porno, für das was er mir als Sex verkaufen will. Dafür, dass er offenbar nichts von der Existens einer Klitoris weiß, zum Beispiel.

Dialektik

Vielleicht ist es wirklich nicht das Schlechteste, sich mit den eigenen Eltern mal über deren Heranführung an Sex zu unterhalten. Aber nicht, weil diese "natürlicher" gewesen ist - nein, natürlich fand auch deren sexuelle Sozialisation als eben solche nicht im luftleeren Raum statt, sondern war geprägt von Normen, Tabus und Grenzen. 

Vielleicht gab es auch sehr schöne, überraschende Momente, die wir aufgrund der vermeindlichen Aufklärung wirklich niemals erlebt haben. Weil wir schon alles gesehen haben, bevor wir irgendwas ausprobieren konnten. 

Möglicher Weise können sie uns mit den Herausforderungen helfen, die wir selber haben, wenn es um unser Sexleben geht, wenn es darum geht, wie wir dahin gekommen sind. Zwar nicht aktiv, aber wir könnten unsere eigene Erfahrungen vor deren Hintergrund neu beleuchten, neu ausleuchten. Uns neu die Fragen stellen, ob Pornos unser Sex leben "gut" oder "schlecht" beeinflussen. 

Doch wahrscheintlich hat Lena recht - und wir möchten dieses Gespräch nicht führen.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Lesung in Köln

Diesen Frühling stehen vorerst noch zwei Lesungen an, auf denen ich Texte lese, die zumeist unveröffentlicht und nur im Rahmen meiner Lesungen zu hören sind - die aber auch den ein oder anderen auch gut vorlesbaren und leicht veränderten Text von "Les petits Plaisirs" beinhaltet.

Texte über das erste Mal im Pornokino, die Nervositäten vor besonderen ersten Dates, die große Liebe und Sexspielzeug. Skurril, erotisch, very sophisticated. Liebevoll, kritisch und authentisch. 

Nichts, wofür man sich schämen müsste.

24. Mai 2013, 20:30h

Les petits Plaisirs chez le Pop Lingerie! 



Auf diese Lesung freue ich mich schon ganz besonders: Zum aller ersten Mal werde ich in meiner Heimatstadt Köln lesen! 
Dabei kann ich mir für dieses besondere Ereignis wirklich keinen geeignereren Ort vorstellen als das schöne Ladenlokal von Le Pop Lingerie im hippen Ehrenfeld. Hier gibt es nämlich nicht nur Wäsche, die schön, originell und hochwertig ist und nicht selten fernab von Klischees ihre sinnliche Wirkung entfacht, sondern auch Sexspielzeug abseits der überfrachteten Schmuddeloptik gängiger Sexshops.

Les Petits Plaisirs X Le Pop Lingerie - Lesung von Vicky Amesti
24. Mai 2013, 20:30h
Le Pop Lingerie
Geisselstraße 10
(Haltestelle Körnerstraße)

Dienstag, 9. April 2013

Knutschen im öffentlichen Raum. Ein Politikum.

Gestern nacht konnte ich nicht einschlafen. Ich kam erst spät nach Hause und trieb mich dann viel herum, in den Weiten des Netzes. Und da stieß ich auf ein Thema, welches unter #knutschverbot gerade seine Runde in der Welt der Tweets und Blogs macht.

Worum es geht? Es geht, soweit ich das verstanden habe darum, dass es wünschenswert wäre, wenn Personen in Heterokonstellationen ihre Praxis und Performance dahingehend überdenken würden, ob es wirklich notwendig ist, im öffentlichen Raum zu Knutschen oder andere Pärchenaktivitäten auszuüben, und damit weiter eine Normalität zu konstituieren, die andere Begehrensgruppen, vor allem eben homosexuell begehrende Menschen, marginalisiert.

Der Gedanke dahinter: Wenn ich mit einem Mann in der Öffentlichkeit rumknutsche, dann ist das "normal". Wir fallen damit nicht sonderlich auf und wenn wir es nicht zu weit treiben wird sich an uns auch niemand stören und erst recht werden wir nicht angefeindet werden. Wenn ich allerdings mit einer Frau in der Öffentlichkeit rumknutschte und Zärtlichkeiten austauschte, dann wäre das nicht "normal", da wir in einer heteronormativen Gesellschaft leben, in der nicht-heterosexuelle Praktiken von der Norm abweichen und somit häufig Anfeindungen ausgesetzt werden. Das wiederum kann dazu führen, dass Personen, die nicht heterosexuell Begehren in der Öffentlichkeit eben nicht den Raum nutzen können, um vor allen anderen Zärtlichkeiten auszutauschen. Sie sind strukturell benachteiligt.

Wesentlich ausführlicher und wie mir scheint, auch theoretisch fundierter schreibt hierzu Anna-Sarah von der Mädchenmannschaft.


Mir leuchtet das alles ein.

Aber... (ich habe wirklich lange wach gelegen.)

ich bin mir sehr unsicher, was das nun für die Praxis bedeuten kann. Überhaupt: Ich mag den Punkt mit der Heteronormativität der Gesellschaft noch darum ergänzen, dass eben auch Monogamie normstiftend ist. Also Personen, die beispielsweise zu Dritt ein Paar bilden, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mit Anfeindungen bzw. der Tatsache, dass sie nicht der Norm entsprechen, konfrontiert werden. Wobei sich das natürlich nicht ausschließt: Bei zwei Geschlechtern und drei Personen wird hier der Aspekt der Gleichgeschlechtlichkeit auch im Vordergrund stehen.

Und dann gibt es noch das Alter: Wenn ich einen Mann in der Bahn sähe, der seines Äußeren nach in den Zwanzigern ist und der mit einer Frau knutscht die des Äußeren nach deutlich älter ist, so wird das ebenfalls meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bei vielen Personen ein Kopfschütteln hervor rufen. Umgekehrt mit Sicherheit auch.

Oder auch die ethnische Herkunft: Wenn ein arabisch aussehender Mann mit einem dicken dunklen Bart mit einer blonden Frau in der Bahn sitzen würden und sich küssten, so könnte das ebenfalls einigen Anlass für Stirnrunzeln etc. pp. geben. Und die ganzen Gedanken im Hinterkopf: Wie dieser Macho erst mit seiner Frau umgehen wird, wenn er sie geheiratet hat. Ob die überhaupt jemals heiraten werden, oder er nur zum Spaß mit ihr rummacht und sich dann für die Ehe ein zahmes und fügsames, devotes Weibchen des eigenen Kulturkreises suchen wird.

Behinderungen: Der Mann ohne Beine im Rollstuhl knutscht mit seiner Freundin. Und alle sind gerührt oder erfüllt von Mitleid aufgrund des schweren Schicksals dieser Personen. Und fragen sich, wie sie das nur aushalten. Und wie sie ihren Alltag meistern, wie es für ihn wohl ist, von seiner Frau abhängig zu sein. Und wie es für sie wohl ist. Ob sie aus Mitleid mit ihm zusammen ist. Oder man fragt sich, ob man selbst in der Lage wäre, so wenig Oberflächlich zu sein. 

Und beim knutschenden dicken Paar fragt man sich wohlmöglich, wie die miteinander Sex haben. 

Die Ressentiments, Vorurteile, Stereotypen sitzen tief. Sie werden Tag für Tag, von Situation zu Situation erneut konstruiert, sind habitualisiert, sind automatisiert.

Ganz schön grauenhaft.

Und dann komme ich wieder zur Praxis. Also wäre es besser, wenn ich im öffentlichen Raum nicht mehr mit einem Mann knutsche, weil homosexuell begehrende Paare angefeindet werden? Bzw: Wäre es besser, wenn ich darüber nachdächte und zu dem Entschluss käme, dass es besser wäre, wenn ich dies nicht täte? (Immerhin geht es ja nicht wirklich um ein "Knutschverbot" sondern um einen kritischen Umgang mit gängiger Praxis)

Da ich hier nur für mich überlegt habe und nur für mich sprechen kann: Nein.

Nein, ich will das nicht. Ich will nicht nicht knutschen, wenn ich das Begehren habe, es doch zu tun. Ich will nicht knutschen, um Revier zu markieren, oder um Normalitäten zu konstituieren (auch wenn ich das offenbar tue, weil ich "zufällig" einen Mann küsse, wir zufällig ähnlich alt sind, auf den ersten Blick der selben ethnischen Herkunft angehören und nicht behindert sind und tatsächlich gerade zu zweit sind). Ich will Knutschen, weil ich das Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit oder was auch immer habe.

Den Weg zu gehen, ein politisches oder gesellschaftliches Zeichen durch die Unterlassung von Praktiken zu setzen, in denen andere Personengruppen benachteiligt sind, entspricht nicht meiner Vorstellung dessen, wie Inklusion oder Veränderung der "Normalzustände" funktionieren kann. Zumal ich es - für mich - überhaupt nicht gut finde, meine persönlichen Bedürfnisse zu politisieren und in diesem Sinne zu instrumentalisieren.

Lieber möchte ich darüber nachdenken, wie es möglich sein kann, dass alle an allem teilhaben und teilnehmen können. Unabhängig von Geschlecht(erzugehörigkeit), Alter, Herkunft, körperlicher Konstitution, sexuellem Begehren, sozialem Milieu. Wie es möglich sein kann Privilegien in dem Sinne abzuschaffen, dass sie keine mehr sind, weil alle sie haben können.

Wie kommen wir dahin?

Sonntag, 7. April 2013

"Seid Ihr jetzt zusammen?" "Das ist kompliziert."


Ich habe ja den Eindruck, es wird immer diffuser, mit den Beziehungen. Tatsächlich kann ich in meinem Umfeld die Paare, Pärchen, Partnerschaften gefühlt an einer Hand abzählen, auf die das Attribut: „Es ist kompliziert“ nicht passen würde. Oder eben diejenigen, die tatsächlich im klassischen Sinne zusammen sind.

Ohnehin, eine ziemlich pikante Frage, die oft gar nicht so einfach zu beantworten ist: „Seid Ihr jetzt zusammen?“ 

Ich weiß nicht, ob das schon immer so war. Aber mir kommt es so vor, als sei diese Frage früher gar nicht erst gestellt worden. Weil das Dasein als Paar einfach offensichtlich war. Und wenn man kein Paar war, dann auch. Überhaupt, diese Übergänge zwischen in einer Beziehung sein oder nicht. Das Klären ob man überhaupt für eine gemeinsame Beziehung in Frage kommt oder einfach nur so Spaß hat scheint mir mittlerweile wesentlich mehr Raum einzunehmen.


Dabei kann ich gar nicht genau sagen, ob das einfach eine persönliche Wahrnehmung ist, tatsächlich eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat oder das Leben in den Zwanzigern einfach dazu führt, dass man sich ein bisschen Binden möchte, aber auch nicht zu viel, denn bald kommen die Dreißiger und auf dem Wege dahin wäre es besser, wenn man sich noch ein paar Wege und Türen offen hält.

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem.

Vielleicht ist es einfach auch nicht so einfach.

Es gibt keinen Zettel, den man verschmitzt lächelnd, mindestens vier mal gefaltet herüberreicht, auf dem mit Bleistift gekritzelt steht: „Willst Du mit mir gehen?“ und die zwei Kästchen mit den Antwortmöglichkeiten „Ja“ und „Nein“. Es sind zwischenmenschliche Aushandlungsprozesse, die da abgehen, zwischen Personen die wahrscheinlich auch schon die ein oder andere Beziehung hinter sich haben, mit allen möglichen Erfahrungen.

Möglicher Weise werden auch die Schritte des Kennenlernen, bis es zur Beziehung kommt, getauscht. Statt des Aufbauens der Bindung tritt dann zum Beispiel der Sex in die Anfangs- oder Vorlaufphase. Und wenn das schon mal gut geht, kommt der Rest möglicher Weise hinterher. Oder es findet vieles zeitgleich statt.

Oder der Begriff „Beziehung“ ist ein zu komplexer und konfliktbeladener. Geprägt von allen möglichen Assoziationen, gespeist von Vorerfahrungen und Enttäuschungen. Von Hoffnungen und Erwartungen. Diffus, da Werte wie die sexuelle Exklusivität für viele Personen nicht mehr der Grundpfeiler, die wichtigste Spielregel ist, nach der eine Beziehung geregelt sein sollte. Und andere fragen sich dann wiederum, was eine Beziehung denn stattdessen konstituieren soll.

Für einige ist Beziehung Symbiose und Verschmelzung. Für andere das Teilen eines Lebensabschnitts (der wohlmöglich nie endet). Oder das Beschreiten eines gemeinsamen Weges.

Es gibt nicht einfach „die Beziehung“ die man eingehen kann, denn die Vorstellungen der konkreten Ausgestaltung und Führung einer solchen divergieren. Vielleicht ist es da ganz gut sich Zeit zu lassen und zu überlegen, was man überhaupt für eine Beziehung führen will und was einem daran wichtig und gut und toll erscheint. Vielleicht hat man ja in anderen Beziehungen Dinge erlebt, die man am Beziehungsleben geschätzt hat, oder andere, die im besten Fall überflüssig sind.

Oder es gibt schlichtweg einen Prozess des In-Beziehnug-Tretens und im Grunde genommen weiß man einfach nicht, ob man in einer Beziehung ist, oder nicht. Sondern nur das der Zustand in der Konstellation, in der man zu einer oder mehreren anderen Personen steht, sich gut anfühlt.