Montag, 10. Juni 2013

Wenn Aufklärung in Mythos umschlägt

"In some ways, all the sex on the show is a rebuke to porn. So much of what happens sexually today is from porn. My entire sex life has been against that backdrop. What did it used to be like? I totally don't know. I'd have to sit down with my mother and compare and contrast her early 20s sex life, and that's not a conversation I feel like having."'- Lena Dunham ("Girls")

Gestern stolperte ich über diese Sätze der amerikanischen Drehbuchautorin und Schauspielerin Lena Dunham. Diese ist mit ihrer Serie "Girls", für die sie sowohl das Drehbuch schreibt, als auch die Hauptrolle spielt, berühmt geworden. Das schöne an der Serie ist, dass sie zum einen mich als Zielgruppe in den Mittelpunkt stellt, also Personen mitte Zwanzig, die Generation Praktikum. Zum anderen sehen die Menschen in der Serie recht normal aus. Es gibt "schlanke" Menschen, es gibt "normale" Menschen, es gibt "dicke" Menschen. Die Gesichter könnten einem auf der Straße begegnen. Auf das Lachen aus der Konserve wird ebenso verzichtet, wie auf klamaukigen Humor. Die Gespräche sind zum Teil etwas absurd, aber oft werden auf schöne, gedankenvolle und realistische Art zwischenmenschliche Probleme behandelt. Es geht um Beziehungen, um die Arbeit, um den Lifestyle und um Sex. Der Lifestyle-Aspekt ist das einzige mich an der Serie störende - andererseits auch ein bisschen reizvoll: Die Serie spielt in New York, diese jungen Leute, die gut ausgebildet sind aber keine ordentlichen Jobs finden, führen ein Leben, welches mir als Studentin in einer westdeutschen, vom strukturwandel gegeißelten Großstadt unter 500.000 Einwohner tatsächlich ganz schön verheißungsvoll vorkommt. Und obwohl das Geld immer knapp ist, ist der große Kaffee-to-go-Becher immer voll, die Parties werden immer besucht und der modische Hippie-Gammel-Style sitzt auch. Letzterer ist dabei viellleicht noch das preiswerteste. Und Modebewusstsein hat möglicherweise tatsächlich nichts mit monetären Reichtümern sondern mit der Einstellung zu tun. Das ist in Bochum, Wanne-Eickel, Herne und Umgebung nur noch nicht angekommen.

Dieses Zitat von Lena Dunham brachte mich zum Nachdenken. Ja, in welcher Wechselwirkung steht sie denn, unsere, meine Sexualität zur Pornographie. Ist überall Porno drin? Und wenn dem so ist: Ist das denn schlimm? Wäre es wichtig, mich mal mit meiner Mutter auszutauschen, über ihre Herangehensweise an die eigene Sexualität?

Aufklärung

Da ich nun niemanden sonst hierzu gefragt habe, kann ich nur von mir ausgehend versuchen die Fragen zu beantworten. Meine ersten Pornos dienten mir persönlich tatsächlich einer Art visuellen Aufklärung. Sie waren das Praxis-Beispiel für das, worüber ich lesen konnte. Natürlich haben sie mich auch erregt, keine Frage. Aber der Konsum ging immer mit einer Neugierde daher, mit dem Wunsch zu erfahren, "was geht".

Die kritischen Dimensonen des Porno habe ich erst später kennen gelernt und begriffen. Meine ersten Sequenzen und Bilder, die ich mit fünfzehn gesehen habe, hatten für mich die körperlichen Aspekte im Vordergrund. Ob der Umgang zwischen den Akteuren aggressiv war, oder von Machtgefällen geprägt - hat mich nicht interessiert, es ist mir allerdings auch nicht aufgefallen.

Natürlich beeinflusst das, was man in Pornos sieht das eigene Sexleben. Immerhin treten dort Praktiken ins Blickfeld - über die niemand redet. Ganz unabhängig davon, ob Analsex oder ein Gangbang nun alltagsrelevant sind, sie gehören nicht in der Form zum "normalen" Sex dazu, wie Oralverkehr und die Missionarsstellung. Darüber zu urteilen, ob das nun gut oder schlecht ist, liegt mir fern. 

Im Internet ist mir gleichermaßen alles verfügbar. Nahezu wertungsfrei kann ich mir Anschauungsmaterial zu allen möglichen Praktiken sichern. Das problematische sind dabei nicht die Praktiken an sich, sondern wie sie dargestellt werden, was daraus gemacht wird. 

Mythos


Von der Umsetzung her, sind die meisten Pornos ganz schön reaktionär. Die Mädels sind die dauergeilen "Schlampen", um deren sexuelle Befriedigung sich keinen Deut geschert wird - was auch nicht nötig ist, da sie ja sowieso immer Bock haben und quasi auf natürliche Art und Weise durch die Befriedigung des Mannes selbst zu dieser gelangen. 

Wenn also ein Mädchen meint, dass dieser Typ "verlangt" wird, dann ist das ein Problem. Wenn ein Junge meint, dass in Pornos erfüllendes Sexleben gezeigt wird, ist das ebenfalls problematisch. Aber dann stimmt noch etwas anderes nicht: Nämlich die Kommunikation. Das ist doch immer der Knackpunkt: Ich kann mir noch so viel ansehen, anlesen, anhören - und im Zweifelsfall, im Fall der Fälle weiß ich überhaupt nichts darüber was die Person, an der ich konkret interessiert bin, gerne mag.

Oder was ich gerne mag.

Das funktioniert auch mit dem Porno: Ich kann über das, was ich auf der Leinwand gezeigt bekomme, reflektieren. Ich kann benennen, was mir gefällt, und was nicht. Welche Darstellungsformen mich aus welchen Gründen ansprechen, und welche nicht. Ich kann Praktiken auf der visuellen Ebene kennen lernen und in der praktischen Umsetzung merken, dass das nicht meins ist. Ich kann ihn auslachen, den Porno, für das was er mir als Sex verkaufen will. Dafür, dass er offenbar nichts von der Existens einer Klitoris weiß, zum Beispiel.

Dialektik

Vielleicht ist es wirklich nicht das Schlechteste, sich mit den eigenen Eltern mal über deren Heranführung an Sex zu unterhalten. Aber nicht, weil diese "natürlicher" gewesen ist - nein, natürlich fand auch deren sexuelle Sozialisation als eben solche nicht im luftleeren Raum statt, sondern war geprägt von Normen, Tabus und Grenzen. 

Vielleicht gab es auch sehr schöne, überraschende Momente, die wir aufgrund der vermeindlichen Aufklärung wirklich niemals erlebt haben. Weil wir schon alles gesehen haben, bevor wir irgendwas ausprobieren konnten. 

Möglicher Weise können sie uns mit den Herausforderungen helfen, die wir selber haben, wenn es um unser Sexleben geht, wenn es darum geht, wie wir dahin gekommen sind. Zwar nicht aktiv, aber wir könnten unsere eigene Erfahrungen vor deren Hintergrund neu beleuchten, neu ausleuchten. Uns neu die Fragen stellen, ob Pornos unser Sex leben "gut" oder "schlecht" beeinflussen. 

Doch wahrscheintlich hat Lena recht - und wir möchten dieses Gespräch nicht führen.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Lesung in Köln

Diesen Frühling stehen vorerst noch zwei Lesungen an, auf denen ich Texte lese, die zumeist unveröffentlicht und nur im Rahmen meiner Lesungen zu hören sind - die aber auch den ein oder anderen auch gut vorlesbaren und leicht veränderten Text von "Les petits Plaisirs" beinhaltet.

Texte über das erste Mal im Pornokino, die Nervositäten vor besonderen ersten Dates, die große Liebe und Sexspielzeug. Skurril, erotisch, very sophisticated. Liebevoll, kritisch und authentisch. 

Nichts, wofür man sich schämen müsste.

24. Mai 2013, 20:30h

Les petits Plaisirs chez le Pop Lingerie! 



Auf diese Lesung freue ich mich schon ganz besonders: Zum aller ersten Mal werde ich in meiner Heimatstadt Köln lesen! 
Dabei kann ich mir für dieses besondere Ereignis wirklich keinen geeignereren Ort vorstellen als das schöne Ladenlokal von Le Pop Lingerie im hippen Ehrenfeld. Hier gibt es nämlich nicht nur Wäsche, die schön, originell und hochwertig ist und nicht selten fernab von Klischees ihre sinnliche Wirkung entfacht, sondern auch Sexspielzeug abseits der überfrachteten Schmuddeloptik gängiger Sexshops.

Les Petits Plaisirs X Le Pop Lingerie - Lesung von Vicky Amesti
24. Mai 2013, 20:30h
Le Pop Lingerie
Geisselstraße 10
(Haltestelle Körnerstraße)

Dienstag, 9. April 2013

Knutschen im öffentlichen Raum. Ein Politikum.

Gestern nacht konnte ich nicht einschlafen. Ich kam erst spät nach Hause und trieb mich dann viel herum, in den Weiten des Netzes. Und da stieß ich auf ein Thema, welches unter #knutschverbot gerade seine Runde in der Welt der Tweets und Blogs macht.

Worum es geht? Es geht, soweit ich das verstanden habe darum, dass es wünschenswert wäre, wenn Personen in Heterokonstellationen ihre Praxis und Performance dahingehend überdenken würden, ob es wirklich notwendig ist, im öffentlichen Raum zu Knutschen oder andere Pärchenaktivitäten auszuüben, und damit weiter eine Normalität zu konstituieren, die andere Begehrensgruppen, vor allem eben homosexuell begehrende Menschen, marginalisiert.

Der Gedanke dahinter: Wenn ich mit einem Mann in der Öffentlichkeit rumknutsche, dann ist das "normal". Wir fallen damit nicht sonderlich auf und wenn wir es nicht zu weit treiben wird sich an uns auch niemand stören und erst recht werden wir nicht angefeindet werden. Wenn ich allerdings mit einer Frau in der Öffentlichkeit rumknutschte und Zärtlichkeiten austauschte, dann wäre das nicht "normal", da wir in einer heteronormativen Gesellschaft leben, in der nicht-heterosexuelle Praktiken von der Norm abweichen und somit häufig Anfeindungen ausgesetzt werden. Das wiederum kann dazu führen, dass Personen, die nicht heterosexuell Begehren in der Öffentlichkeit eben nicht den Raum nutzen können, um vor allen anderen Zärtlichkeiten auszutauschen. Sie sind strukturell benachteiligt.

Wesentlich ausführlicher und wie mir scheint, auch theoretisch fundierter schreibt hierzu Anna-Sarah von der Mädchenmannschaft.


Mir leuchtet das alles ein.

Aber... (ich habe wirklich lange wach gelegen.)

ich bin mir sehr unsicher, was das nun für die Praxis bedeuten kann. Überhaupt: Ich mag den Punkt mit der Heteronormativität der Gesellschaft noch darum ergänzen, dass eben auch Monogamie normstiftend ist. Also Personen, die beispielsweise zu Dritt ein Paar bilden, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mit Anfeindungen bzw. der Tatsache, dass sie nicht der Norm entsprechen, konfrontiert werden. Wobei sich das natürlich nicht ausschließt: Bei zwei Geschlechtern und drei Personen wird hier der Aspekt der Gleichgeschlechtlichkeit auch im Vordergrund stehen.

Und dann gibt es noch das Alter: Wenn ich einen Mann in der Bahn sähe, der seines Äußeren nach in den Zwanzigern ist und der mit einer Frau knutscht die des Äußeren nach deutlich älter ist, so wird das ebenfalls meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bei vielen Personen ein Kopfschütteln hervor rufen. Umgekehrt mit Sicherheit auch.

Oder auch die ethnische Herkunft: Wenn ein arabisch aussehender Mann mit einem dicken dunklen Bart mit einer blonden Frau in der Bahn sitzen würden und sich küssten, so könnte das ebenfalls einigen Anlass für Stirnrunzeln etc. pp. geben. Und die ganzen Gedanken im Hinterkopf: Wie dieser Macho erst mit seiner Frau umgehen wird, wenn er sie geheiratet hat. Ob die überhaupt jemals heiraten werden, oder er nur zum Spaß mit ihr rummacht und sich dann für die Ehe ein zahmes und fügsames, devotes Weibchen des eigenen Kulturkreises suchen wird.

Behinderungen: Der Mann ohne Beine im Rollstuhl knutscht mit seiner Freundin. Und alle sind gerührt oder erfüllt von Mitleid aufgrund des schweren Schicksals dieser Personen. Und fragen sich, wie sie das nur aushalten. Und wie sie ihren Alltag meistern, wie es für ihn wohl ist, von seiner Frau abhängig zu sein. Und wie es für sie wohl ist. Ob sie aus Mitleid mit ihm zusammen ist. Oder man fragt sich, ob man selbst in der Lage wäre, so wenig Oberflächlich zu sein. 

Und beim knutschenden dicken Paar fragt man sich wohlmöglich, wie die miteinander Sex haben. 

Die Ressentiments, Vorurteile, Stereotypen sitzen tief. Sie werden Tag für Tag, von Situation zu Situation erneut konstruiert, sind habitualisiert, sind automatisiert.

Ganz schön grauenhaft.

Und dann komme ich wieder zur Praxis. Also wäre es besser, wenn ich im öffentlichen Raum nicht mehr mit einem Mann knutsche, weil homosexuell begehrende Paare angefeindet werden? Bzw: Wäre es besser, wenn ich darüber nachdächte und zu dem Entschluss käme, dass es besser wäre, wenn ich dies nicht täte? (Immerhin geht es ja nicht wirklich um ein "Knutschverbot" sondern um einen kritischen Umgang mit gängiger Praxis)

Da ich hier nur für mich überlegt habe und nur für mich sprechen kann: Nein.

Nein, ich will das nicht. Ich will nicht nicht knutschen, wenn ich das Begehren habe, es doch zu tun. Ich will nicht knutschen, um Revier zu markieren, oder um Normalitäten zu konstituieren (auch wenn ich das offenbar tue, weil ich "zufällig" einen Mann küsse, wir zufällig ähnlich alt sind, auf den ersten Blick der selben ethnischen Herkunft angehören und nicht behindert sind und tatsächlich gerade zu zweit sind). Ich will Knutschen, weil ich das Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit oder was auch immer habe.

Den Weg zu gehen, ein politisches oder gesellschaftliches Zeichen durch die Unterlassung von Praktiken zu setzen, in denen andere Personengruppen benachteiligt sind, entspricht nicht meiner Vorstellung dessen, wie Inklusion oder Veränderung der "Normalzustände" funktionieren kann. Zumal ich es - für mich - überhaupt nicht gut finde, meine persönlichen Bedürfnisse zu politisieren und in diesem Sinne zu instrumentalisieren.

Lieber möchte ich darüber nachdenken, wie es möglich sein kann, dass alle an allem teilhaben und teilnehmen können. Unabhängig von Geschlecht(erzugehörigkeit), Alter, Herkunft, körperlicher Konstitution, sexuellem Begehren, sozialem Milieu. Wie es möglich sein kann Privilegien in dem Sinne abzuschaffen, dass sie keine mehr sind, weil alle sie haben können.

Wie kommen wir dahin?

Sonntag, 7. April 2013

"Seid Ihr jetzt zusammen?" "Das ist kompliziert."


Ich habe ja den Eindruck, es wird immer diffuser, mit den Beziehungen. Tatsächlich kann ich in meinem Umfeld die Paare, Pärchen, Partnerschaften gefühlt an einer Hand abzählen, auf die das Attribut: „Es ist kompliziert“ nicht passen würde. Oder eben diejenigen, die tatsächlich im klassischen Sinne zusammen sind.

Ohnehin, eine ziemlich pikante Frage, die oft gar nicht so einfach zu beantworten ist: „Seid Ihr jetzt zusammen?“ 

Ich weiß nicht, ob das schon immer so war. Aber mir kommt es so vor, als sei diese Frage früher gar nicht erst gestellt worden. Weil das Dasein als Paar einfach offensichtlich war. Und wenn man kein Paar war, dann auch. Überhaupt, diese Übergänge zwischen in einer Beziehung sein oder nicht. Das Klären ob man überhaupt für eine gemeinsame Beziehung in Frage kommt oder einfach nur so Spaß hat scheint mir mittlerweile wesentlich mehr Raum einzunehmen.


Dabei kann ich gar nicht genau sagen, ob das einfach eine persönliche Wahrnehmung ist, tatsächlich eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat oder das Leben in den Zwanzigern einfach dazu führt, dass man sich ein bisschen Binden möchte, aber auch nicht zu viel, denn bald kommen die Dreißiger und auf dem Wege dahin wäre es besser, wenn man sich noch ein paar Wege und Türen offen hält.

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem.

Vielleicht ist es einfach auch nicht so einfach.

Es gibt keinen Zettel, den man verschmitzt lächelnd, mindestens vier mal gefaltet herüberreicht, auf dem mit Bleistift gekritzelt steht: „Willst Du mit mir gehen?“ und die zwei Kästchen mit den Antwortmöglichkeiten „Ja“ und „Nein“. Es sind zwischenmenschliche Aushandlungsprozesse, die da abgehen, zwischen Personen die wahrscheinlich auch schon die ein oder andere Beziehung hinter sich haben, mit allen möglichen Erfahrungen.

Möglicher Weise werden auch die Schritte des Kennenlernen, bis es zur Beziehung kommt, getauscht. Statt des Aufbauens der Bindung tritt dann zum Beispiel der Sex in die Anfangs- oder Vorlaufphase. Und wenn das schon mal gut geht, kommt der Rest möglicher Weise hinterher. Oder es findet vieles zeitgleich statt.

Oder der Begriff „Beziehung“ ist ein zu komplexer und konfliktbeladener. Geprägt von allen möglichen Assoziationen, gespeist von Vorerfahrungen und Enttäuschungen. Von Hoffnungen und Erwartungen. Diffus, da Werte wie die sexuelle Exklusivität für viele Personen nicht mehr der Grundpfeiler, die wichtigste Spielregel ist, nach der eine Beziehung geregelt sein sollte. Und andere fragen sich dann wiederum, was eine Beziehung denn stattdessen konstituieren soll.

Für einige ist Beziehung Symbiose und Verschmelzung. Für andere das Teilen eines Lebensabschnitts (der wohlmöglich nie endet). Oder das Beschreiten eines gemeinsamen Weges.

Es gibt nicht einfach „die Beziehung“ die man eingehen kann, denn die Vorstellungen der konkreten Ausgestaltung und Führung einer solchen divergieren. Vielleicht ist es da ganz gut sich Zeit zu lassen und zu überlegen, was man überhaupt für eine Beziehung führen will und was einem daran wichtig und gut und toll erscheint. Vielleicht hat man ja in anderen Beziehungen Dinge erlebt, die man am Beziehungsleben geschätzt hat, oder andere, die im besten Fall überflüssig sind.

Oder es gibt schlichtweg einen Prozess des In-Beziehnug-Tretens und im Grunde genommen weiß man einfach nicht, ob man in einer Beziehung ist, oder nicht. Sondern nur das der Zustand in der Konstellation, in der man zu einer oder mehreren anderen Personen steht, sich gut anfühlt.



Freitag, 8. März 2013

Vicky Amesti liest @Leckerbisschen

Nächste Woche Freitag, am 15.03. werde ich im Café Leckerbisschen in der Mülheimer Altstadt lesen. Die Texte greifen Themen auf, denen ich mich auch hier auf "Les petits Plaisirs" widme und Sinnliches und Skurriles rund um den Sex, die Erotik, die Liebe - oder das, was man dafür hält, aufgreifen.

Die Lesung beginnt um 20h und kostet 3€ Eintritt.
1€ kommt dem Sparstrumpf der armen Studentin zu Gute, 1€ dem Leckerbisschen und 1 weiterer € wird an pro familia in Nordrhein Westfalen gespendet.

pro familia setzt sich ein und bietet Dienstleistungen für sexuelle Beratung und Aufklärung und Unterstützung für Kinde, Jugendliche und Erwachsene.

Das Café Leckerbisschen bietet ausschließlich vegane und vegetarische Speisen an und legt großen Wert auf nachhaltiges und faires Wirtschaften.

Für Lese- oder Themenwünsche bin ich natürlich offen!

Bringt Decken mit! Falls die Stühle nicht ausreichen, zum gemütlichen Draufsitzen. =)

Café Leckerbisschen:
Kettwiger Str. 15 in 45468 Mülheim 

Dienstag, 29. Januar 2013

"Soziologie im Boudoir" - meine Kolumne

"Das Boudoir ist der Rückzugsort der Dame von Welt. Es bietet den geeigneten Raum, Abstand von den Pflichten und Belanglosigkeiten des Alltages zu nehmen, um sich zur Abwechslung mal den sinnlichen Freuden und dem ruchlosen Ausschweifen zu widmen. Und wenn seine Vorhänge gerade nicht zugezogen sind, offenbart es einen wunderbaren Ausblick auf all die gesellschaftlichen Zwänge, Missstände und Nöte, die ein Refugium wie dieses so notwendig machen."
 Seit heute wird es alle drei Wochen im Debatten-Magazin the European eine Kolumne von mir geben. Diese trägt den schönen Namen "Soziologie im Boudoir". Dort widme ich mich in mehr oder minder bekannter Form erotischen Themen aus gesellschaftlicher Perspektive. Im Sommer hatte ich ja schon einmal einen Beitrag für die Debatte über Shades of Grey beigesteuert.

Les petits Plaisirs werde ich darüber natürlich nicht aus den Augen verlieren und nicht mehr vernachlässigen, als ich es der persönlichen Lebenslage geschuldet ohnehin schon tue. Die Kolumne ermöglicht es mir jedoch ein breiteres Publikum zu erreichen, was eben auch im Sinne der Autorin ist.

Meinen Einstand widme ich einem etwas unerfreulichen Thema: Dem Umgang mit der "Pille danach" in Deutschland. Der Fokus liegt auf einer Kritik der Praxis in Anlehnung an Foucault. Aber liest einfach selbst. =) 

Samstag, 26. Januar 2013

Eine fabelhafte Phänomenologie der Liebe

Der folgende Beitrag stellt lediglich eine Aneinanderreihung von Gedanken dar. Er erhebt weder Anspruch auf sachliche und definitorische Korrektheit noch Vollständigkeit. Wenn er zum Nachdenken anregt und andere Sichtweisen oder Ergänzungen hervor bringt, ist das sehr begrüßenswert.


Die unerwiderte Liebe ist die kleine, bemitleidete, beschämte und auch ein wenig gefürchtete Schwester der großen Liebe. Niemand will mit ihr etwas zu tun haben. Es wäre besser, es würde sie nicht geben, darin sind sich alle einig. Sie ist eine tragische Gestalt, die unerwiderte Liebe. In ihrer Entstelltheit bildet sie den krassen Kontrast zu ihrer großen Schwester. Und sie führt den romantisch veranlagten BetrachterInnen vor Augen, dass es eben schief gehen kann, mit der großen Liebe. Dass Liebe auch eine Schieflage haben kann. Das passt einfach nicht zu dem Ideal, welches die BetrachterInnen  von der Liebe haben. Die unerwiderte Liebe ist einfach keine schöne Liebe. Sie ist nicht schön anzusehen und sich in sie hinein zu versetzen, fühlt sich nicht gut an. Oftmals tut sie sogar weh.

Die große Liebe


Dass die große Liebe auch manchmal garstig sein kann, wird oft nicht gesehen. Ich glaube, sie hat sich über die Jahrhunderte hinweg mit vielen bekannten SchriftstellInnen eingelassen, sich gekonnt in Szene gesetzt und ihr Image auf hervorragende Art und Weise gepflegt. Sie ist eine schillernde Muse – schon immer ein großer Popstar gewesen. Dass sie dabei eben auch noch eine Diva ist und das Maß des Gesunden mit stetiger Regelmäßigkeit überschreitet, das macht sie beim Volk nicht unbeliebter. Im Gegenteil. Dass Menschen bereit sind, für sie, die große Liebe zu sterben, zum Beispiel,  macht sie – so verrückt es auch klingen mag – sogar noch unwiderstehlicher. 

Eine gewisse Geltungssucht wohnt ihr inne. So wie allen Diven. Sie stellt andere Familienmitglieder und Freunde gerne in den Schatten. Sie ist die Nummer eins. Die platonische Liebe stinkt ab, sie ist langweilig und nicht so leidenschaftlich. Und zu verkopft. Das macht sie nicht so bühnenreif. Ihr fehlt es an Romantik und an Leidenschaft. Die unerwiderte Liebe ist ein trauriges und unscheinbares Mauerblümchen. Das hat zwar ihren Charakter geprägt, aber es fehlt ihr an Charisma.  Die erotische Liebe wiederum hat viele Anhänger, ist so richtig begehrt aber auch nur mit der großen Liebe zusammen. An der erotischen Liebe alleine haftet noch zu viel Anrüchiges. Oft wird sie auch verschmäht, wenn die Große ankommt und durch diese ersetzt. Oder sie darf weiter mitspielen – als Beiwerk zu der großen Liebe. 

Die Freunde der großen Liebe sind zweifelhafte Rockstars wie der Zorn und der Hass. Zwischen ihnen steht die Leidenschaft. Mit dieser hat die große Liebe oft ein Stelldichein. Mit dem Zorn und dem Hass auch. Manchmal feiern sie die reinsten Orgien, alle miteinander. 

Doch die große Liebe hat viele Freunde und viele Fans. Sie ist gefällig und glamourös. Sie verheißt ewiges Glück. Und sie hat viele Talente. Ihr Charisma ist außerordentlich, ebenso ihre rhetorischen Fähigkeiten. Wenn sie den Mund öffnet und ihre Worte diesen verlassen, ihre schöne Stimme den Raum mit Engelszungen erfüllt, fliegen ihr die Herzen zu. 

Eine Freundin teilt sie sich mit ihrer kleinen Schwester. Und zwar die Selbstlosigkeit. Dabei hat die Selbstlosigkeit mit der unerwiderten Liebe ein wesentlich engeres, bzw. ein beständigeres Verhältnis. Die große Liebe ist eben eine Diva und als solche schon mal recht impulshaft und unbeständig. Da kann es geschehen, dass sie sich urplötzlich von der Selbstlosigkeit abwendet und sich mit deren Rivalin, der Selbstsucht einlässt. Meistens endet das dann im Drama. Doch gerade das Drama ist die größte Bühne der großen Liebe. Auch die Leidenschaft, der Zorn und der Hass führen sie öfter an diesen Schauplatz.

Doch die Selbstlosigkeit ist nicht nachtragend und sehr geduldig und nimmt sie immer wieder gerne zurück. Sie freut sich, wenn die große Liebe ihre ruhigen Momente hat, sich rückbesinnt und  begreift, dass sie nicht die Sonne ist, um die alles kreist. Dass sie im Grunde genommen nur wirklich wirken kann, wenn sie für andere da ist. Dass geben und nehmen sich eben gegenseitig bedingen.

Die unerwiderte Liebe


Bei all diesem Sinnieren um die große Liebe, ist sie wieder in den Schatten geraten, die Unerwiderte. Ich frage mich, ob dieser eine Art Fluch anlastet. Denn wie es scheint, macht sie alle unglücklich, die mit ihr in Berührung kommen. Auch sie ist oft Muse von allerlei KünstlerInnen. Doch deren Werke sind weniger schillernd, weniger Dur, mehr Moll, mehr Melancholie, Trauer, Düsternis, Selbstmord. Tragik. Kein Wunder, das sich freiwillig niemand mit ihr einlassen möchte. 

Ich glaube, oft wird ihr auch Unrecht getan. Sie leidet unter der Verherrlichung und Vermarktung ihrer großen Schwester. Weil sich die meisten nicht trauen sie anzusehen – immerhin könnte sie Unglück bringen – bemerken sie nicht, dass sie so entstellt und hässlich gar nicht ist. Auch ist der Kummer nicht ihr ständiger Begleiter. Er ist schon recht anhänglich und sie harmonieren gut miteinander, aber sie sind nicht unweigerlich aneinander gebunden. Nein, die unerwiderte Liebe kennt auch die Freude und die Leidenschaft. Einen guten Draht hat sie auch zur Hoffnung. Allerdings enttäuscht diese sie auch öfter. Die unerwiderte Liebe täte gut daran, sich nicht auf sie zu verlassen. Aber die Selbstlosigkeit, die kann ihr viel Stärke geben – und ist zudem ein ziemlich gutes Argument.

Wie gesagt: Die unerwiderte Liebe ist schüchtern und unscheinbar.  Ein Mauerblümchen, ein Nachtschattengewächs. Sie zeigt sich nicht gerne offen und verhüllt sich lieber. Sie hat Komplexe, was bei so einer großen Schwester auch nicht wundert. Gerne wäre sie schön und merkt dabei nicht, dass sie es eigentlich schon ist. Denn dafür ihr fehlt die Bestätigung der Betrachter, die Angst davor haben, sie anzublicken. Und denen, die sich auf sie einlassen, ist sie eine Enttäuschung, weil sie eigentlich ihre große Schwester erwartet haben. Von weitem sehen sie sich nämlich recht ähnlich.
Würde die unerwiderte Liebe nicht im Schatten ihrer Schwester stehen und sich selbst auch etwas mehr zutrauen, dann müsste sie nicht zwangsläufig ins Unglück stürzen. Worunter sie besonders leidet, das ist der ständige Vergleich, dem sie ausgesetzt ist. Verdammt noch mal! Sie ist anders, als ihre Schwester! Sie ist keine schillernde Diva. Dafür aber auch nicht so abhängig von Bewunderung. Und so abhängig von Erwiderung. Nein, sie ist wesentlich selbstständiger. Sie kann für sich stehen. Autark sein. Mit der Selbstlosigkeit zusammen ein unschlagbares Team bilden. Außerdem ist sie ein Mädchen mit Charakter und Tiefgang.

Gefahr läuft sie allerdings, wenn sie sich mit der Sehnsucht einlässt. Die Sehnsucht ist eine besonders gefährliche Sadistin. Sie ist sehr verlockend und verführerisch, weil sie sich gerne mit der Hoffnung verbündet und hervorragend massieren kann. Wenn die Sehnsucht die unerwiderte Liebe berührt, fühlt sich das im ersten Augenblick sehr gut an. Und sie will mehr davon. Mit steigender Intensität allerdings, fängt die Sehnsucht an, weh zu tun. Sie mag es, das Stöhnen zu hören, sie mag es fester zu zupacken und immer ein bisschen mehr zu geben als das, was man ertragen kann. Dabei versteht sie sich so gut darauf, sehr schmerzhafte Impulse mit unglaublich angenehmen zu kombinieren, sodass die unerwiderte Liebe und alle anderen, die der Sehnsucht verfallen sind, den Schmerz dankbar in Kauf nehmen für die Empfindungen, die sie einem nebenbei angedeihen lässt. Da die unerwiderte Liebe ihrerseits eine masochistische Ader hat, sonst hätte sie schon längst kapiert, dass die Sehnsucht ihr nicht gut tut, lässt sie sich immer wieder auf diese ein. Und wer die Sehnsucht schon mal erlebt hat, kann es ihr noch nicht einmal verübeln. 

Während die große Liebe die umschwärmte ist, vermag es die Unerwiderte, zu schwärmen. Die Selbstlosigkeit unterstützt sie tatkräftig. An der Selbstlosigkeit liegt es aber auch, da sie so selbstlos ist, die unerwiderte Liebe darauf hinzuweisen, dass sie sich selbst nicht vergessen darf und sich auch und vor allem um ihr eigenes Wohlergehen kümmern muss. Weder in der Selbstlosigkeit noch in der Sehnsucht darf sie sich verlieren, sonst wird sie tatsächlich unglücklich.
Vielleicht könnte sie abschließen, mit einem Bewertungssystem, welches ihre große Schwester hyped, dabei deren Schattenseiten entweder nicht erwähnt oder romantisiert und sie selber als minderwertig darstellt.

 Sie könnte sich möglicher Weise emanzipieren von all diesen Dogmen und Vorstellungen, die sie bemitleiden und befürchten, weil sie doch in gewisser Weise eine entstellte Liebe sei, weil zur richtigen Liebe doch angeblich immer zwei gehören. Die Erwiderung alle Male. Von der Selbstlosigkeit und der Leidenschaft angefeuert und von Rationalität begleitet könnte sie sich kämpferisch zeigen und für ihre Legitimation und Akzeptanz eintreten. Sich von ihrer großen Schwester und deren ganzen Merchandising-Apparat loslösen und für sich selbst stehen. Sich selber nicht bemitleiden dafür, dass sie nicht ihre große Schwester ist. Sie könnte vielleicht mit der platonischen und erotischen Liebe fusionieren und dadurch zu mehr Kraft und Stärke kommen. Wahrscheinlich wären das auch die besseren Freunde, als der Kummer, die Sehnsucht und die Hoffnung.

Dienstag, 22. Januar 2013

Von den Männern und den Frauen und den Menschen

Öfter lese ich, Männer seien verunsichert. Verunsichert über die Rolle, die sie spielen. In der Gesellschaft, im Leben von Frauen. In Beziehungsgefügen und Machtkonstellationen. Allgemein, überhaupt. Das fällt mir im ersten Moment immer schwer nachzuvollziehen. Denn ich habe einen anderen Blickwinkel darauf. Ich denke mir: "Wieso denn das??? Es ist doch wunderbar, dass Männer selbst nicht mehr auf starre Geschlechterrollen fixiert sind! Sogar die Wehrpflicht, die größte Ungerechtigkeit gegenüber dem Mann in unserem Lande, ist nun abgeschafft. Warum singen und jauchzen und tanzen sie nicht?" Vielleicht weil sie sich nicht trauen. So viel Ausdruck von Gefühlen könnte unmännlich wirken. Und Männlichkeit ist, wie Weiblichkeit nunmal auch, identitätsstiftend. Und, wie ich finde leider, leider eine Kategorie, die festschreibt was etwas/jemand ist/zu sein hat und was nicht. Sie arbeitet mit ausschließende Kriterien.


DER. MANN.


Aber mal langsam. Also der Mann. DER MANN. Der Mann, als homogene Einheit hat denn Boden unter den Füßen verloren. Seinen Orientierungsrahmen. Egal wie er sich verhält, es ist falsch. Orientiert er sich an alten Rollenbildern, so eckt er an. Und dient höchstens noch als Deckhengst um es den Frauen zu besorgen, deren Softie daheim (der es natürlich auch falsch macht) sie, um es ganz direkt zu formulieren, nicht ordentlich fickt. Ist er ein Softie (was auch immer das sein mag), so läuft er Gefahr, dass seine Freundin ihn nicht respektiert, oder so. Eigentlich macht er vieles richtig, uneigentlich kriegt er seine Stute nicht gezähmt. Frauen brauchen Grenzen, an denen sie sich reiben können. So die Theorie. Und oft leider auch die Praxis. Hier beißen sich Neigung und Sozialisation gegenseitig in den Schwanz. 

Männer sind, als Spezies betrachtet, die Wesen der Extreme: Null oder Eins. Schwarz oder Weiß. Homo oder Hetero. An oder aus. Macho oder Softie.

Und doch frage ich mich immer wieder: Wo ist das Problem? Früher gab es Menschen und Frauen. Heutzutage gibt es Männer, Frauen und Menschen. Die meisten sind sich darüber einig, dass Männer und Frauen Menschen sind. Warum können sie sich nicht einfach als solche sehen? Warum können sie ihre Identitäten nicht unabhängig von ihrem Geschlecht aufbauen, festigen. Sich als jemand betrachten, ohne das Geschlecht dafür verantwortlich zu machen? Verdammt - dann mag ich halt Rosa. Und bin eine Frau. So what? Viele Frauen mögen Rosa nicht. Und es gibt Männer die die Farbe ganz gut finden. 

Ich finde, über Versuche, DEM MANN ein neues Standing zu verleihen, wird die Unsicherheit nur noch weiter verstärkt. Geschlecht wird nicht als Teil der Identität betrachtet, sondern als identitätsstiftend. Und wieder werden Vorschriften reproduziert, die Dir sagen, wie Du Dich verhalten sollst. 

Souveränität: ja bitte. 


In einem stimme ich aber einigen Vertretern der sogenannten Emannzipation sogar zu. Wenn es um Souveränität geht. Ja, ich finde ein Mann sollte souverän sein. 

Doch was heißt das? 

Souveränität hat einiges mit Selbstbestimmung zu tun. In den Köpfen vieler eben auch mit Selbstbewusstsein oder Dominanz. Dominanz möchte ich in meiner Betrachtung außen vor lassen. 

Eine souveräne Person ruht in sich und lässt sich nicht auf der Nase herum tanzen. Eine souveräne Person hat ein Standing. Sie hat ihre Prinzipien. Sie hat ihre Vorstellungen vom Leben, vom Zwischenmenschlichen. Sie ist so selbstbewusst, dass sie es aber auch ertragen kann, ihren Horizont zu erweitern, wenn sie jemand davon überzeugen kann, dass sie sich irrt. 

Souveränität bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit oder die Eigenschaft, sich um jeden Preis durchsetzen zu wollen. Vor allem bedeutet Souveränität nicht, sich bei Anbahnungen intimer Situationen, auf jeden Fall durchsetzen zu wollen. Wer souverän ist, muss nicht überreden. Er kann überzeugen.

Souveränität heißt, ein Nein zu akzeptieren.



Wenn die andere Person mit dem Nein, eigentlich etwas anderes meint, so kann man es doch an ihr belassen, dieses Missverständnis aufzulösen und bis dahin so souverän zu sein, die andere Person als mündiges Wesen zu betrachten, welches aus eigenem Willen die Entscheidung getroffen hat, mit einem Wort ein Stopp-Zeichen zu setzen. 

Souveränität heißt vor allem eben auch selbst Nein zu sagen.

Wer es ständig anderen recht machen will, läuft Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Und missachtet vor allen Dingen auch die eigenen Bedürfnisse. Und zerreißt sich in den Versuchen, sich nach allen Seiten zu strecken. 

Doch das alles hat nichts mit Geschlecht zu tun.


Anerkennung


Wenn wir uns selbst zurück nehmen, und eigentlich gar nicht wissen wer wir sind, und wo wir hinwollen und was uns ausmacht und überhaupt ausmachen darf, so sind wir doch ziemlich verloren. Und wenn Personen uns in einem gewissen Licht sehen wollen, möchten dass wir uns auf eine bestimmte Art ihnen gegenüber verhalten, die uns aber nicht zusagt - wieso lassen wir es nicht einfach?

Wenn eine Frau von Dir verlangt, dass Du die Hosen an hast. Das Kommando übernimmst. Sagst wo es lang geht. Sie protegierst, sie ausführst, sie einlädst, sie beschützt - aber Du das alles nicht willst. Dich nicht so siehst, Dir das zu viel von was auch immer ist - lass es doch einfach! 

Es gibt viele, viele, viele potenzielle Partnerinnen, die alle auch sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was eine Partnerschaft leisten soll und was ein Partner darstellen soll. Wieso versuchst Du nicht einfach  nach Deinen Vorstellungen und Bedürfnissen zu handeln, unabhängig davon, ob sich das mit dem deckt, was allgemein als männlich aufgefasst wird? Sei Mensch! Du kannst, sollst und musst es auch nicht jeder recht machen. 

Vieles hängt mit dem Wunsch nach Anerkennung zusammen. Wir alle wollen anerkannt werden. Als die, die wir sind. Als Unikum. Nicht als der x-te Mann oder die x-te Frau, die in das kleine Geschlechter-Förmchen passt. Genormt ist. 

Wir wollen Anerkennung und geliebt werden. Und umarmt und geküsst und gewollt sein. Weil wir sind, wer wir sind und wie wir sind.

Und nicht "WAS" wir sind. 

Mittwoch, 16. Januar 2013

"Who wants to fuck my Television?"

Ich höre ihn schon, er kündigt sich an: Der Aufschrei ob Christian Ulmens neuer Show "Who wants to fuck my Girlfriend". In der Rolle seines Alter Egos Uwe Wöllner wird Ulmen ab dem 14. Februar auf Tele5 die Show moderieren, in denen Männer sich damit übertrumpfen, wessen Freundin im Café, Bordell und auf dem Straßenstrich die meisten eindeutigen Angebote erhält.

Kurz habe ich über die Möglichkeit nachgedacht, dass heute schon der erste April sei. Aber der lässt noch ein wenig auf sich warten. Nein, wahrscheinlich stimmt das. Wahrscheinlich wird es eben diese Sendung mit eben jenem Konzept geben. 

Das Konzept ist geschmacklos: Ja. Genau so wie alleine schon Ulmens Kunstcharakter Uwe Wöllner geschmacklos ist. Genau so, wie so ziemlich alles, was Ulmen unter "ulmen.tv" gemacht hat, geschmacklos war. 

Das Konzept ist sexistisch: Ja. Genau so, wie "der Bachelor" sexisitisch ist, oder "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" oder unzählige andere Formate unzählige sexistische Elemente beinhalten. 

Ich glaube ja an das Gute im Menschen. Und ich hege die Hoffnung, dass Ulmen es mit diesem Konzept sowas von dermaßen übertreibt, dass JEDE/R die/der das sieht ein großes Licht aufgeht, darüber, wie scheiße es ist, Menschen zu instrumentalisieren, sich im Fernsehen auf die entwürdigenste Arten zum Affen zu machen und Preis zu bieten. Aber bestimmt gehen in dieser Hoffnung Optimismus und Naivität Hand in Hand.

Diese ganze Abteilung des realityTV - das hat ja alles nicht nur etwas mit Sexismen zu tun, nein, es ist alleine die entwürdigende Darstellung der Menschen, das der Lächerlichkeit preisgeben, welches mich wahnsinnig macht. Das Lästern und Abschätzen des Fleischwertes bei "Germany's next Topmodel", das Lächerlichmachen in sämtlichen Castingshows, in den vermeindlichen Dokusoaps, der Konkurrenzkampf im Wettbewerb um merkwürdige Preise in allen Gameshows plus dann noch diesen Kuppel-Sendungen, wo es wirklich auf die Spitze getrieben wird und ich mich nur noch frage, ob man jemals wieder das Adjektiv "zivilisiert" und "unsere" Gesellschaft in einem Satz verwenden darf. 

Ganz im ernst: Da wird auf SPON live über die neusten Fails im Dschungelcamp berichtet. Da sitzen (gebildete) Menschen vom Fernseher die sensationslüstern auf neue Abartigkeiten warten.  Und die meisten von denen geben auch noch zu, dass sie sich das angucken, um sich über die Personen lustig zu machen!

Wie weit haben wir uns tatsächlich entfernt, von den Arenen und den Gladiatorenkämpfen?

Und ist es nicht fast schon subversiv, dass Christian Ulmen passend zum Valentinstag eine Sendung ins Rennen schickt, in der es einfach nur darum geht zu gucken, wessen Freundin man(n) mehr ficken will? Während Pro7 vor einigen Jahren schon eine Show ausstrahlte, (ich glaube "Mein Mann kann") in der Frauen über die Skills ihrer Freunde Wetten abschlossen..

Mittwoch, 2. Januar 2013

Pillenfrei

Eher durch ein Missgeschick als bewusst, habe ich vor fast einem Monat die Pille abgesetzt. Nach einer Party hatte ich meine Tasche samt Pille das ganze Wochenende nicht zur Verfügung und so war der Schutz futsch und ich dachte mir, es könne auch nicht schaden, wenn es schon mal so weit gekommen ist, die restliche Packung auszusetzen. 

Ich bin vorher nie auf die Idee, auf den Gedanken gekommen, bewusst die Pille abzusetzen. Eher im Gegenteil: Die Panik, die mich im steten Rhythmus von drei oder sechs Monaten heimsuchte, wenn mir bewusst wurde, dass mein Vorrat am Verhütungsmittel sich dem Ende neigte und ich noch keinen Termin bei der Ärztin hatte. Die Stunden, die die Beschaffung von Termin, Rezept, Pille kaufen, mich gekostet haben. All das habe ich immer wieder gerne auf mich genommen. Und immer war ich begleitet von der Angst, ich könnte die Frist verpassen. Geschweige denn von den vielen Malen, die ich einen Zug verpasst habe, weil mir zu spät eingefallen war, dass ich noch die Pille einpacken muss und gerade das Portemonnaie in der anderen Tasche vergessen hatte.

Dieses eine Mal, in den acht Jahren, die ich die Pille mittlerweile nehme, oder auch nicht mehr nehme, habe ich die Frist tatsächlich verpasst - oder so ähnlich.

Und zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ich die Pille seit acht Jahren nehme. 

Dass ich meinen Körper als sexuellen Körper nur mit der Pille kenne. Genau, die Verschreibung der Pille begann mit meiner "sexuellen Biographie". Ich war stolz darauf, 16 zu sein, und sie mir verschreiben lassen zu können, ohne meine Eltern damit behelligen zu müssen. Ich fand: Die Pille macht mich erwachsen.

Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ich es gar nicht mehr kenne, von meiner Periode überrascht zu werden, tatsächlich eine ECHTE Periode zu haben. Ich freue mich über meine Menstruation, sie war mir so fremd geworden, so berechenbar, immer gleich, schwach, ich spare mir mal die weiteren Details.

Mir wird auch bewusst, dass all die sexuellen Empfindungen, die ich die letzten acht Jahre, und damit seit dem Beginn des Sexes für mich überhaupt, empfunden habe, immer auch durch die von der Pille ausgeschütteten Hormone begleitet waren. Es ist ja schon so, dass die Pille das sexuelle Empfinden beeinflussen kann. Ich finde es so spannend, zu überprüfen, ob ich tatsächlich einen Unterschied feststelle. Möglicher Weise habe ich ja die letzten acht Jahre etwas verpasst!

brigitte.de steht dem Absetzen der Pille eher kritisch gegenüber: "Wer die Pille absetzt, mutet seinem Körper Veränderungen zu, an die der sich erst mal gewöhnen muss." brigitte.de 

Und wer die Pille nimmt, tut das nicht?

Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass das Nehmen der Pille eine Art Normalzustand ist, für sexuell mehr oder minder aktive Frauen im gebärfähigen Alter. Das habe ich bis vor gut 3 Wochen ja auch so gesehen. Ich fand es immer eigenartig, dass es tatsächlich Frauen gibt, die sich dem Risiko aussetzen, "nur" mit Kondom zu verhüten, als sei das schon verantwortungslos. 

Verantwortungslos finde ich gerade eher den Automatismus, mit dem zur Pille gegriffen wird. Oftmals sind die Begleiterscheinungen ja ganz positiv, wenn zum Beispiel neben der verhütenden Funktion auch noch die Haut gereinigt wird. Doch genau so kann auch das sexuelle Empfinden vermindert werden, Anfälligkeit für Depressionen kann ein Problem darstellen - von der Gewichtszunahme durch die Pille kann ich selbst ein Liedchen singen. 

Ich muss gerade in diesem Zusammenhang an Foucault denken. In "Der Wille zum Wissen, Sexualität und Wahrheit 1" schreibt dieser darüber, wie sich in Bezug auf Bevölkerungspolitik und Geburtenkontrolle Mechanismen der Macht entfalten, die sich eben auf gesellschaftlicher Ebene vollziehen. Wie im Rahmen der "Hysterisierung der Frau" im 19. Jahrhundert damit begonnen wird, den Körper und die Sexualität der Frauen der medizinischen Obhut zu übergeben, da den Frauen die zentrale Rolle der Sorge für Kinder, Familie und das "Heil der Gesellschaft" zu fällt. (Vgl. Foucault, 1986:141)
Heutzutage beginnt die Frauwerdung oftmals mit einem Gang zum Arzt. Wenn nämlich ein Mädchen seine Periode bekommt, muss nachgesehen werden, ob auch alles in Ordnung ist bei ihr. Und damit beginnen die lebensbegleitenden Kontrollbesuche beim Frauenarzt. Und sobald der erste Freund und der erste Sex sich anbahnen, steht auch schon die Pille auf dem Rezeptbogen. Manchmal sogar noch früher, zur Vorsorge. Oder eben gegen Pickel.

Eigentlich wollte ich mit der Pille zu Beginn der nächsten Periode wieder einsteigen. Aber jetzt wo es soweit ist, habe ich da eigentlich noch gar keine Lust drauf, sondern fände es wesentlich angenehmer weiter zu entdecken, was mein Körper eben ohne Pille macht. Und ich habe sogar gehört, dass es Menschen gegeben hat, die Schwangerschaften erfolgreich mit Kondomen verhinderten...

Samstag, 8. Dezember 2012

Attraktivität und Blicke

Wenn ich grad nichts zum Schreiben habe, fällt mir immer eine Menge ein, die ich zu Papier bringen könnte. Oder manchmal, wenn ich nichts Besseres zu tun habe, dann sitze ich hier, vor meinem PC und denke mir: "Ach Vicky, du könntest mal wieder einen Blogeintrag schreiben." So wie just in diesem Moment. Mein Schlafrhytmus ist aus dem Takt, ich glaube, ich könnte etwas schreiben. Doch wie es der Zufall so will - sobald das Textfeld sich öffnet, weiß ich einfach nicht mehr, was ich von mir geben könnte. Was stingend sein könnte. Lesenswert, interessant, informativ, gar sinnlich, erotisch oder was auch immer den Erwartungen der LeserInnenschaft entsprechen könnte.

Eine Freundin meinte mal, wenn man unter einer Schreibblockade leide, sollte man einfach alles niederschreiben, was einem in den Sinn kommt. Spross dieser Technik ist alles bis hierhin geschriebene.

Der Grund, weshalb ich das Textfenster öffnete, war der, dass ich über Attraktivität schreiben wollte. Ich weiß gerade nicht mehr, ob ich dazu schonmal einen Eintrag verfasst habe. Aber alles in allem ein sehr interessantes und komplexes und bestimmt auch kritisch zu würdigendes Thema.

Attraktivität. So recht weiß ich noch nicht was ich schreiben könnte. Aber wenn ich an den Begriff denke, dann habe ich zwei direkte Assoziationen. Einmal Oberflächlichkeit und das Pendant, den zweiten Blick.

Oberflächlichkeit


Es gibt Attraktivität, die sich mit dem Auge greifen lässt und sich geradezu aufdrängt. Ganz allgemein gehalten. Dass ich Personen für attraktiv halte, die andere überhaupt nicht so sehen, liegt bestimmt an sehr vielen verschiedenen Faktoren. Runtergebrochen liegt es wohl am "Geschmack", was auch immer "Geschmack" sein soll. Wahrscheinlich spielen Assoziationen auch eine Rolle. Ein Rückgriff auf Erfahrungen vielleicht. Es gibt bestimmt Personen, die Johnny Depp oder Christian Bale nicht attraktiv finden. Tatsächlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass zumindest Johnny Depp meist ein gemeinsamer Nenner war, wenn man sich überlegt hat, welche Männer des öffentlichen Lebens attraktiv sind. Angelina Jolie ist eine Göttin polarisiert.

Aber was heißt das schon? Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine der genannten Personen irgendwann einmal treffe und sich daraus "mehr" ergibt, ist äußerst gering. Starkult. Ein interessantes Thema, was an dieser Stelle aber zu weit führt und zudem ich gerne noch mehr lesen würde.

Fakt ist allerdings, dass gerade bei prominenten Personen, die wir nicht kennen, sondern nur mal sehen und sprechen und schauspielen sehen, die Attraktivität unglaublich stark am Äußeren fest gemacht ist - vielleicht noch an der Stimme - aber eher weniger am Charakter. Mitspielen könnten noch Zuschreibungen, Eigenschaften, die wir den Personen, die wir nicht kennen, unterstellen. Weil sie Aussehen, wie sie Aussehen, Sprechen, wie sie Sprechen oder Gestikulieren, wie sie es tun. Und so oberflächlich ja auch in unserer Lebenswirklichkeit, wenn wir davon ausgehen, dass der "erste Eindruck" zählt und ein Urteil oft schon getroffen wird, bevor unser Gegenüber den Mund aufmacht.


 Der zweite Blick - der andere Blick


Ich war etwas geschockt, als ich einmal neben einem jungen Mann saß, den ich nett und hübsch fand, der mich aber nicht auf Anhieb als Sexualpartner ins Auge sprang - nicht dass mir solche Personen ausgesprochen oft über den Weg laufen. Ich nahm seinen Körpergeruch wahr und ich merkte, dass mich das in ein wildes Raubtier, mit dem Wunsch, seine Beute zu jagen und zu erlegen, verwandelte ...ziemlich ansprach. So heftig hatte ich noch nicht erlebt, dass der Geruch einer Person, meine olfaktorische Sinneswahrnehmung, die sexuelle Attraktivität beeinflusste. Seitdem achte ich mehr auf die Gerüche und das ist unglaublich spannend. Tatsächlich gibt es Personen, die einen Geruch an sich haben, der bei Einatmung zu meiner persönlichen Katzenminze wird. 

(Ich gehe mal schlafen. [03:20h])

Und dann kommt natürlich noch das Erfahrbare hinzu, was hinter der Äußeren Hülle steckt. Der Charakter, "wahre Schönheit kommt von Innen"-Blabla. Die Eigenschaften, die sich vor uns entfalten, wenn wir Personen kennen lernen. Das Kennenlernen von dem, was hinter dem Offensichtlichen steckt, was sich eben erst aufdeckt, zeigt, sich beweisen kann, wenn auch das Kennenlernen der Person fort schreitet. Oft auch situationsabhängig ist. In meinem bisherigen Leben ist es mir öfter passiert, dass sich über diesen Weg der Attraktivität entwickeln konnte, als dass ich vom ersten Kennenlernen an, sexuelles Interesse an einer Person gehabt hätte. Das finde ich ungemein wichtig - und ist auch eine tolle Erkenntnis. Das Attraktivität nicht nur ein schönes Äußeres ist, auch nichts statisches, sondern variieren und sich auch erst später ausprägen kann.


Der virtuelle Blick


Übers Internet gibt es ja zuhauf Möglichkeiten, an potenzielle (Sexual-)Partner zu kommen. Ich weiß nicht, wie viele Partnerbörsen es gibt - auf jegliche Interessensgruppen, Subkulturen, soziale (Status-)Gruppen zugeschnitten. Gerade hier läuft der erste Kontakt so oberflächlich ab, wie der, den ich zu Angelina Jolie seit meinem 14. Lebensjahr pflege. Wir sehen von der Person, was diese zeigen will. Wenn wir uns anmaßen, zwischen den Zeilen zu lesen, dann sehen wir möglicher Weise auch Dinge, die Person nicht von sich zeigen wollte. Letzten Endes läuft es aber auf eine ökonomisierte Selbstdarstellung heraus, die darauf ausgerichtet ist, sich selbst gut zu verkaufen - an Personen, an denen man selbst auch Interesse hat, bzw. haben wird. Wir sehen Bilder von Personen, und auf diesen Bildern sehen die Personen auf eine bestimmte Art aus und wir entscheiden uns anhand dessen, ob wir weiter interessiert sind. Denn das Bild, das strahlt etwas aus, das uns anspricht: Lange gepflegte Haare sind ästhetisch, das Lächeln auf den Lippen suggeriert Eloquenz, etc. Der Profiltext zeigt uns, ob wir es mit einem Prahlhans zutun haben, ob die Person in der Lage ist drei Sätze zu schreiben und ob unsere Interessen und Vorlieben (die sich natürlich auf Schlagworte reduzieren lassen) miteinander kompartibel sind.

Sinnlichkeit entsteht durch die Sinne. Attraktivität lässt sich nicht auf Äußerlichkeiten reduzieren und auch nicht einfach aufs Foto bannen. Es braucht schon eine tatsächlich ziemlich besondere Ausstrahlung, eine/n gute/n Fotograf/in oder Glück im Einfangen des Momentes, um Personen auf dem statisch festgehaltenen Foto attraktiv zu machen. Attraktivität impliziert die Persönlichkeit einer Person, impliziert Situationen, (politische) Einstellungen, Körpergeruch.

Montag, 19. November 2012

Wookies und Nacktschnecken


Mit dieser Kampagne sagt die Tierrechtsorganisation dem Gebrauch von Pelzen den Kampf an. Grundsätzlich ja sehr löblich. Die Inszenierung der Message, im Deutschen übrigens, "Pelzbesatz: Nicht sexy!", stößt bei mir allerdings nicht auf Gegenliebe. 

Klar. Haha. Die Doppeldeutigkeit ist ein bisschen lustig, Pelz mit Schamhaar gleich zu setzen. Iiih... Schamhaar! 

Warum eigentlich? Tatsächlich nervt es mich sehr, das Schamhaar als etwas abstoßendes betrachtet und wie eine Krankheit behandelt wird. Es gibt durchaus Perverse Personen, die Schamhaar ästhetisch finden. Nein, hier übernehmen PETA allerdings herrschende Auffassungen von Ästhetik und marginalisieren damit, vielleicht sogar unbewusst, Personen, für die Schamhaar mehr ist, als hässliches, unnötig wucherndes Haar zwischen den Beinen. Es wird ein Schönheitsideal als das richtige dargestellt, welches schon während der Pubertät zu enormen Komplexen und zu Scham führen kann, welches mit enormen Aufwand und nicht gerade geringem Einsatz an finanziellen Mitteln verbunden ist, welches mit negativen Begleiterscheinungen, wie irritierter Haut, einwachsenden Haaren, hässlichen Pusteln und Pickeln verbunden ist. 

Ich kann es nicht mehr hören: "Schamhaar ist unhygienisch!", "Schamhaar ist ungepflegt!", "Schon mal Flokati  geleckt?!" Nein, habe ich tatsächlich nicht. Und du? Ich meine: Wie viele Personen haben denn in meiner Generation Erfahrungen damit gesammelt, Oralverkehr mit einer Frau zu haben, die keine rasierten Schamlippen hatte? Vielleicht ist das ja gar nicht so schlimm. Wie oft Verirren sich beim Knutschen zwischen zwei Menschen Haare in den Mund? Da verlangt auch niemand einen Kahlschlag. 

Möglicher Weise würde mich das Lecken mit Schamhaar aber auch nerven. Das kann schon sein. Ich kann mir vorstellen, dass das Schamhaar kitzelt. Und tatsächlich habe ich die Erfahrung gesammelt, dass meine Schamlippen empfindlicher sind, wenn sie rasiert sind. Ein praktischer Nutzen, der dem Genuss dient. Das gefällt mir!

Aber Moment: Warum muss denn immer alles ab? Und warum werden die Haare, die wir in der Intimzone haben so hysterisiert? 

Tatsächlich hatte ich lange Zeit ein sehr panisches Verhältnis zu meiner Schambehaarung. Normalisiert hat es sich immer noch nicht. Aber ich fange mal an. Klassischer Weise: Die Umkleidekabine des Schulsports. Wir waren pubertierende Mädchen und bei den einen und anderen fing es an aus den Achselhöhlen und den Höschen zu sprießen. Ganz normal eigentlich. Ich zumindest war ziemlich stolz darauf, dass diese Veränderungen durch meinen Körper gingen. Ich fand das cool. Es machte mich irgendwie markanter, das gefiel mir. 
Bis zu dem Tag, als ein paar gemeinen Mädels auffiel, dass D. tatsächlich ganz schön viel und ganz schön dunkles Haar aus dem Höschen sprießen hatte. Ja wie ein "Affe" aussähe, und noch andere hässliche Sachen gesagt wurden und alle lachten. Tatsächlich hatte ich nicht die Courage da etwas zu zu sagen. Ich hatte Angst, selber in die Schusslinie zu geraten. Und fortan achtete ich darauf, dass mir beim Umziehen niemand auf den Bund meines Höschens schauen konnte. Denn das Rasieren mochte ich nicht. Es brannte und juckte später und die Stellen waren immer gereizt. Also spielte ich lieber Verstecken.
So ging das über Jahre, die 'coolen' Mädels unterhielten sich darüber wie sie sich alles glatt rasierten oder wachsten oder was auch immer, und wie ekelhaft Schambehaarung sei, und wie widerlich und überhaupt. Und ich hatte einfach Angst als ekelig und widerlich zu gelten, weil mir diese Haarentfernung schlichtweg keine Freude bereitete. 

Bei Treffen mit neuen SexualpartnerInnen heißt es: Stunden im Bad verbringen und beim rasieren darauf achten, auch noch das kleinste Haar zu erwischen! Es wäre doch nur allzu peinlich, dass bei der späteren Leibesvisitation ein Härchen unangenehm auffallen würde. Also vorher alles ausmerzen, was schön sein stören könnte. 

Natürlich: Die Darstellung des Schamhaars in der Kampagne von PETA ist übertrieben. Tatsächlich habe ich aber den Eindruck, dass jegliches Haar, welches aus dem Höschenbund gewunden kommt, in der Imagination derer, die es sehen, aus einer Frau einen Wookie macht. 

Vom ästhetischen Standpunkt aus finde ich, dass Geschmäcker nun mal verschieden sind und vieles verschiedene Vorzüge haben kann. Was mich stört, sind militante Haltungen, die Schamhaar verteufeln oder rasierte Vulven als "Kindermuschis" darstellen. 

Persönlich wünsche ich mir mittlerweile, ich hätte statt struppigem Schamhaar schön wolliges, weiches, dunkles, dichtes bekommen.