"In some ways, all the sex on the show is a rebuke to porn. So much of what happens sexually today is from porn. My entire sex life has been against that backdrop. What did it used to be like? I totally don't know. I'd have to sit down with my mother and compare and contrast her early 20s sex life, and that's not a conversation I feel like having."'- Lena Dunham ("Girls")
Gestern stolperte ich über diese Sätze der amerikanischen Drehbuchautorin und Schauspielerin Lena Dunham. Diese ist mit ihrer Serie "Girls", für die sie sowohl das Drehbuch schreibt, als auch die Hauptrolle spielt, berühmt geworden. Das schöne an der Serie ist, dass sie zum einen mich als Zielgruppe in den Mittelpunkt stellt, also Personen mitte Zwanzig, die Generation Praktikum. Zum anderen sehen die Menschen in der Serie recht normal aus. Es gibt "schlanke" Menschen, es gibt "normale" Menschen, es gibt "dicke" Menschen. Die Gesichter könnten einem auf der Straße begegnen. Auf das Lachen aus der Konserve wird ebenso verzichtet, wie auf klamaukigen Humor. Die Gespräche sind zum Teil etwas absurd, aber oft werden auf schöne, gedankenvolle und realistische Art zwischenmenschliche Probleme behandelt. Es geht um Beziehungen, um die Arbeit, um den Lifestyle und um Sex. Der Lifestyle-Aspekt ist das einzige mich an der Serie störende - andererseits auch ein bisschen reizvoll: Die Serie spielt in New York, diese jungen Leute, die gut ausgebildet sind aber keine ordentlichen Jobs finden, führen ein Leben, welches mir als Studentin in einer westdeutschen, vom strukturwandel gegeißelten Großstadt unter 500.000 Einwohner tatsächlich ganz schön verheißungsvoll vorkommt. Und obwohl das Geld immer knapp ist, ist der große Kaffee-to-go-Becher immer voll, die Parties werden immer besucht und der modische Hippie-Gammel-Style sitzt auch. Letzterer ist dabei viellleicht noch das preiswerteste. Und Modebewusstsein hat möglicherweise tatsächlich nichts mit monetären Reichtümern sondern mit der Einstellung zu tun. Das ist in Bochum, Wanne-Eickel, Herne und Umgebung nur noch nicht angekommen.
Dieses Zitat von Lena Dunham brachte mich zum Nachdenken. Ja, in welcher Wechselwirkung steht sie denn, unsere, meine Sexualität zur Pornographie. Ist überall Porno drin? Und wenn dem so ist: Ist das denn schlimm? Wäre es wichtig, mich mal mit meiner Mutter auszutauschen, über ihre Herangehensweise an die eigene Sexualität?
Aufklärung
Da ich nun niemanden sonst hierzu gefragt habe, kann ich nur von mir ausgehend versuchen die Fragen zu beantworten. Meine ersten Pornos dienten mir persönlich tatsächlich einer Art visuellen Aufklärung. Sie waren das Praxis-Beispiel für das, worüber ich lesen konnte. Natürlich haben sie mich auch erregt, keine Frage. Aber der Konsum ging immer mit einer Neugierde daher, mit dem Wunsch zu erfahren, "was geht".
Die kritischen Dimensonen des Porno habe ich erst später kennen gelernt und begriffen. Meine ersten Sequenzen und Bilder, die ich mit fünfzehn gesehen habe, hatten für mich die körperlichen Aspekte im Vordergrund. Ob der Umgang zwischen den Akteuren aggressiv war, oder von Machtgefällen geprägt - hat mich nicht interessiert, es ist mir allerdings auch nicht aufgefallen.
Die kritischen Dimensonen des Porno habe ich erst später kennen gelernt und begriffen. Meine ersten Sequenzen und Bilder, die ich mit fünfzehn gesehen habe, hatten für mich die körperlichen Aspekte im Vordergrund. Ob der Umgang zwischen den Akteuren aggressiv war, oder von Machtgefällen geprägt - hat mich nicht interessiert, es ist mir allerdings auch nicht aufgefallen.
Natürlich beeinflusst das, was man in Pornos sieht das eigene Sexleben. Immerhin treten dort Praktiken ins Blickfeld - über die niemand redet. Ganz unabhängig davon, ob Analsex oder ein Gangbang nun alltagsrelevant sind, sie gehören nicht in der Form zum "normalen" Sex dazu, wie Oralverkehr und die Missionarsstellung. Darüber zu urteilen, ob das nun gut oder schlecht ist, liegt mir fern.
Im Internet ist mir gleichermaßen alles verfügbar. Nahezu wertungsfrei kann ich mir Anschauungsmaterial zu allen möglichen Praktiken sichern. Das problematische sind dabei nicht die Praktiken an sich, sondern wie sie dargestellt werden, was daraus gemacht wird.
Mythos
Von der Umsetzung her, sind die meisten Pornos ganz schön reaktionär. Die Mädels sind die dauergeilen "Schlampen", um deren sexuelle Befriedigung sich keinen Deut geschert wird - was auch nicht nötig ist, da sie ja sowieso immer Bock haben und quasi auf natürliche Art und Weise durch die Befriedigung des Mannes selbst zu dieser gelangen.
Wenn also ein Mädchen meint, dass dieser Typ "verlangt" wird, dann ist das ein Problem. Wenn ein Junge meint, dass in Pornos erfüllendes Sexleben gezeigt wird, ist das ebenfalls problematisch. Aber dann stimmt noch etwas anderes nicht: Nämlich die Kommunikation. Das ist doch immer der Knackpunkt: Ich kann mir noch so viel ansehen, anlesen, anhören - und im Zweifelsfall, im Fall der Fälle weiß ich überhaupt nichts darüber was die Person, an der ich konkret interessiert bin, gerne mag.
Oder was ich gerne mag.
Das funktioniert auch mit dem Porno: Ich kann über das, was ich auf der Leinwand gezeigt bekomme, reflektieren. Ich kann benennen, was mir gefällt, und was nicht. Welche Darstellungsformen mich aus welchen Gründen ansprechen, und welche nicht. Ich kann Praktiken auf der visuellen Ebene kennen lernen und in der praktischen Umsetzung merken, dass das nicht meins ist. Ich kann ihn auslachen, den Porno, für das was er mir als Sex verkaufen will. Dafür, dass er offenbar nichts von der Existens einer Klitoris weiß, zum Beispiel.
Dialektik
Vielleicht ist es wirklich nicht das Schlechteste, sich mit den eigenen Eltern mal über deren Heranführung an Sex zu unterhalten. Aber nicht, weil diese "natürlicher" gewesen ist - nein, natürlich fand auch deren sexuelle Sozialisation als eben solche nicht im luftleeren Raum statt, sondern war geprägt von Normen, Tabus und Grenzen.
Vielleicht gab es auch sehr schöne, überraschende Momente, die wir aufgrund der vermeindlichen Aufklärung wirklich niemals erlebt haben. Weil wir schon alles gesehen haben, bevor wir irgendwas ausprobieren konnten.
Möglicher Weise können sie uns mit den Herausforderungen helfen, die wir selber haben, wenn es um unser Sexleben geht, wenn es darum geht, wie wir dahin gekommen sind. Zwar nicht aktiv, aber wir könnten unsere eigene Erfahrungen vor deren Hintergrund neu beleuchten, neu ausleuchten. Uns neu die Fragen stellen, ob Pornos unser Sex leben "gut" oder "schlecht" beeinflussen.
Doch wahrscheintlich hat Lena recht - und wir möchten dieses Gespräch nicht führen.


