Freitag, 26. September 2008

Das Korsett

In der Gothic-Szene sowie auch in der SM- und Fetisch-Szene, erfreut sich das Korsett großer Beliebtheit. Im Grunde könnte man fast schon sagen, dass das Korsett ein "Must have"-Utensil genannter Szenen ist. Zumindest für die Frauen, wobei auch Männer schonmal Korsetts tragen.
Ich weiß noch, wie ich nach einem solchen Kleidungstück gelechzt habe, wie schön ich es fand, mir Fotos und Bilder von geschnürten Frauen anzusehen. Schließlich dann der erhöhte Herzschlag und die damit einher gehende Euphorie, als ich mein erstes Korsett bei Ebay für 50 Euro ersteigert hatte, wobei es in einem Gothiconlineshop gut 80 Euro gekostet hätte.

Heut zu Tage gehört das Korsett schon lange nicht mehr zu den gängigen, alltäglichen Kleidungsstücken. Doch noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehörten Korsetts in allen möglichen Formen und Abwandlungen in den Kleiderschrank und die tägliche Garderobe einer jeden Frau. So schön ein Korsett mal, zum Weggehen, als Blickfang und Bauchwegzauberutensil auch sein mag: Ich wünsche mir diese "alte" Zeit nicht zurück.

Wenn wir uns heute für ein Korsett entscheiden, tun wir es bewusst. Egal, ob wir es nur ab und an tragen, oder es in unseren Alltag fest einbauen. Es ist unsere Entscheidung, die wir gerne fällen. Doch haben wir die Möglichkeit, es wieder ab zu legen, uns "frei" zu bewegen, durch den Bauch zu atmen.
Unsere weiblichen Vorfahren hatten diese Möglichkeit nicht. Erst Anfang des 20. Jahrhunders lockerte sich die Mode in dieser Hinsicht. Ein Befreiungsakt des weiblichen Körpers bahnte sich jedoch erst nach und nach an. Bis dahin bedeutete das Korsett die Einschnührung, Einengung, Einschränkung und damit die Unterdrückung der weiblichen Person. Frei zu atmen, sich uneingeschränkt zu bewegen ist mit einem Korsett nicht möglich. Es gab nicht die Option, es abzulegen, Ohnmachtsanfälle bis hin zu Organschäden waren oft eine Folge dieser Mode, die sich durch die vergangenen Jahrhunderte zog.

Ganz klar: wir gehen in einer romantisierenden Form mit dem Korsett um. Wenn wir uns freiwillig einschnüren, verbinden wir das nicht direkt mit Unterdrückung. Wir fokussieren den ästhetischen Aspekt. Die Tatsache, dass uns ein Korsett die perfekten Kurven schaffen kann, den Bauch minimiert, die Taille verengt und dadurch Brust und Hüfte betont. Wir verbinden die Mode der vergangenen Jahrhunderte nicht mit der geringeren gesellschaftlichen Stellung der Frau, mit den Nachteilen, die ein bodenlanger Reifrock, ein Korsett haben können, die körperlichen Einschränkungen, auf die wir uns durch diese Kleidungsstücke einlassen. Wir baden uns viel eher darin, dass diese Mode so viele Details darlegt, so viel Mühe ausdrückt, was in der heutigen, uniformen Massenproduktion der Textilindustrie vollkommen untergegangen ist. Ein Korsett vermittelt Stil. Extravaganz. Es macht interessant.

Allerdings gibt es nicht nur den romantisierenden Umgang. Einige KorsettträgerInnen zeigen bewusst auf, dass das Korsett die natürliche Form des menschlichen Körpers negiert. Im Grunde sind die Formen, die ein Korsett zaubert, grotesk. "So" sieht kein normaler, gesunder Mensch nackt aus! Es findet eine Überzeichnung, eine Karikierung der weiblichen Attribute statt. Der Busen wird angehoben, durch den flachen Bauch und die schmale Taille zusätzlich betont, genau so, wie das Becken nun ebenfalls betont wird und breiter erscheint. Barbie lässt grüßen. Leider ist das Ideal 90-60-90 noch fest in den Köpfen vieler Menschen verankert und nicht wenige Frauen fühlen sich dauerhaft besser und schöner, wenn sie ein Korsett tragen. Es wird oft verdrängt, dass das Korsett eigentlich nur eine Illusion, die Illusion des "perfekten" Körpers zaubert, welche vergeht und wieder dem Frust Platz macht, wenn man es wieder ablegt.

Das Korsett ist toll! Keine Frage. Doch sollten wir unserem Anspruch an uns, als tiefgründige und reflektierende Menschen, genügen, und uns mit dem, was das Korsett einst bedeutete, was es nun bedeutet, denn glücklicher Weise hat es in unserer Gesellschaft als Instrument zur Einschränkung ausgedient, auseinander setzen. Wir sollten auch nie vergessen, dass das Korsett im Grunde nur eine Illusion ist und dass der "perfekte" Körper so auch garnicht aussehen sollte.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen