Dienstag, 30. September 2008

Letters

Ich bin ja eine Frau, die sich sehr für das Schicksal anderer Menschen interessiert, auch für andere Formen, zu leben. Auch, wenn ich einiges nicht nachvollziehen kann, so bin ich doch immer offen dafür, es mir erklären zu lassen.

Das Leben einer Prostituierten gehört beispielsweise zu den Dingen, die mir sehrwohl interessant erscheinen, mich gleichzeitig abschrecken, im Großen und ganzen aber doch irgendwie so außergewöhnlich ist, dass ich geneigt bin, mir persönliche Erfahrungen in diesem Beruf, durchzulesen.

So kam es mir garnicht ungelegen, dass ich letzens im Genderblog über die "Letters from Working Girls" gestoßen bin. Die US-Amerikanische Journalistin Susannah Breslin hat dieses Online-Projekt ins Leben gerufen, welches eben aus Briefen besteht, in denen Prostituierte ihren beruflichen Werdegang beschreiben, aussprechen, was die Prostitution ihnen bedeutet, und wie sie über ihre Kunden denken.

Jeder Bericht ist für sich anders, für sich interessant. Kritikpunkt ist in meinen Augen allerdings, dass - zumindest in den Berichten, die ich bisher gelesen habe - die Schilderungen durchweg positiv sind.
Einerseits hat dies für sich, dass eben gezeigt wird, dass Prostitution nicht zwangsläufig mit Gewalt, Erniedrigung und Misogynie zu tun hat, es wird somit mit dem Bild der Prostituierten als wahlloses Opfer aufgeräumt, es zeigt Frauen, die hinter ihrem Beruf stehen, dieses zum Teil sogar als Berufung sehen und in keinster Weise über ihren Werdegang beschämt sind. Nein, im Gegenteil sogar stolz darauf sind. "Non, je ne regrette rien" um Edith Piaf zu zitieren.

Einseitigkeit ist jedoch nicht mein Ding. Genau so wie es einseitig ist, immer nur darauf zu pochen, dass Frauen weltweit zur Prostitution gezwungen werden, dass Prostitution schlichtweg frauenverachtend ist, so finde ich es genau so schwierig ein fast schon idealisierendes, gerade zu romantisiertes Bild des Geschäfts mit der Sexualität, wieder zu geben. Ich fände es gut, neben den ganzen positiven Erfahrungen (es freut mich, dass es auch solche gibt!), auch negative zu lesen, denn die "Letters from Working Girls", die da einzusehen sind, sind fast schon zu schön um wahr zu sein.

Abrundend jedoch finde ich die Tatsache, dass auch die andere Seite der Prostitution beleucht wird, nämlich die Kunden. Ja, auch die "Johns" dürfen sich zu Wort melden, so gibt es das Parallelprojekt "Letters from Johns", in die ich allerdings noch nicht reingeschaut habe. In meinen Auge jedoch auch eine interessante Perspektive, die ebenfalls mit einigen Klischees aufräumen kann.

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