Sonntag, 12. Oktober 2008

Interview mit Roman Kasperski

Über Roman Kasperskis erotische Photographie habe ich vor einigen Wochen schon einen Artikel geschrieben. Letze Woche Donnerstag war der aus Oberhausen stammende Photograph so freundlich, mir in einem Café in seiner Heimatstadt ein Interview für "Les petits Plaisirs" zu geben. Wir unterhielten uns über seinen Beruf, Kunst und nicht zuletzt auch über erotische Photographie und den Weg zum "Porn-Schick".
Nun möchte ich Euch das Ergebnis nicht mehr länger vorenthalten.

Mademoiselle Nocturne: Roman, wie bist Du zur Photographie im Allgemeinen und insbesondere zur erotischen Photographie gekommen?

Roman Kasperski: Zur Photographie im Allgemeinen bin ich über den Journalismus gekommen. Ich wollte Journalist werden und habe ein Praktikum gemacht bei dem ich einen Photographen kennen gelernt habe und fand es dann wesentlich interessanter was die Photographen gemacht haben, als die Schreiber. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich da ein Händchen für habe. Als ich dann bei der NRZ in Oberhausen anfing, haben die auch direkt einen Photographen gesucht, ich hab mir dann eine Ausrüstung gekauft, und losgelegt. Die ersten Bilder waren dann im Grunde direkt für die Tageszeitung.
Zur erotischen Photographie kam es dann eigentlich darüber dass ich meine eigene Freundin photographiert habe, die in der Fetisch-Szene unterwegs war. Ich habe die Bilder dann mal bei einer „SMart“- Veranstaltung in Oberhausen ausgestellt, wo auch ein Redakteur von den „Schlagzeilen“ war, der direkt ein paar Bilder kaufen wollte. Naja, so hatte ich dann den Einstieg.

M.N.: Ist Photographie für Dich Beruf oder Berufung?

R.K.: Sowohl als auch. Ich glaube, ohne Leidenschaft für die Photographie und ohne Begeisterung für diese, schafft man es in dem Job einfach nicht. Es ist halt auch ein so hart umkämpftes Business, dass man, ohne sich berufen zu fühlen, da nicht klar kommt. Man muss doch schon sehr viel Eifer mitbringen.

M.N.: Welche Motive stehen in Deinen Werken im Vordergrund?

R.K.: Die Sache ist ja die: Ich photographiere nicht nur Fetisch Sachen, ich hab da ja auch das ganze Spektrum von Architektur, Innenarchitektur, Produkte – also den ganzen kommerziellen Kram mache ich auch. Den braucht man auch, um überleben zu können.
In der erotischen Photographie sind es schon mehr als zwei Drittel Frauen. Wobei ich auch gerade in letzter Zeit dran interessiert bin, mehr Männer zu photographieren. Das finde ich eigentlich sehr spannend, weil es nicht so ein beackertes Feld ist. Und irgendwie ist man es dem eigenen Geschlecht auch schuldig.

M.N.: Wie salonfähig ist Deine Kunst?

R.K.: Ich würde sagen, sie wird ständig salonfähiger. Nicht speziell meine Sachen, sondern erotische Photographie im Allgemeinen. In den letzten 5 Jahren ist es eigentlich immer liberaler geworden. Ich hatte z.B. auch auf der größten holländischen Kunstmesse ausgestellt. Auch in richtigen Galerien und das war auch wirklich überhaupt kein Problem, ganz im Gegenteil. Ich denke, dass es mittlerweile wirklich absolut salonfähig geworden ist.

M.N.: Gab es mal ein Ereignis, bei dem jemand wirklich Anstoß an dem, was Du machst, genommen hat?

R.K.: Ein konkretes Ereignis eigentlich nicht. Es gibt immer mal Leute, die das ein oder andere Bild krass finden. Aber das hat immer mehr was mit den Leuten selbst zu tun. Also es gab jetzt nicht den großen Aufschrei wegen einer Veröffentlichung. Das eigentlich nicht.

M.N.: Woher nimmst Du Deine Inspiration?

R.K.: Bei den freien Arbeiten - wenn wir jetzt vom erotischen ausgehen - entsteht das in Zusammenarbeit mit dem Model selbst. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, das Model als Projektionsfläche für Ideen zu nehmen. Was dann sinnvoll ist, wenn man wirklich eine ganz konkrete Vorstellung hat und eine Rolle erfüllt haben will. Das ist ein wenig so wie die Besetzung für einen Film zu suchen. Wenn es eine freie Idee ist, finde ich es viel interessanter, mit dem Model selbst die Ideen zu entwickeln und auch auf die Persönlichkeit des Models einzugehen, über die Person etwas aus zusagen. Das ist dann wirklich eine Kooperation. Und ansonsten ist man natürlich auch inspiriert durch Literatur, Filme, eigene Erlebnisse.

M.N.: Was macht in Deinen Augen Kunst aus?

R.K.: Inzwischen finde ich den Ausdruck Kunst schon so unglaublich verwässert. Ich sehe auch mich nicht als Künstler. Ich finde den handwerklichen Aspekt in der Photographie sehr wichtig. Durchs digitale finde ich das fast schon ein wenig verwaschen, weil früher durch das Arbeiten in der Dunkelkammer, das richtige Vergrößern der handwerkliche Aspekt viel mehr im Vordergrund stand. Mittlerweile ist dies ja mehr an den Computer heran getreten, was ich nicht so richtig mit Handwerk assoziiere. Der Begriff Kunst an sich ist nie wirklich geklärt und definiert worden. Neulich hatte eine Kommilitonin mal geschrieben „Kunst kommt von Krankheit“ was ich ganz interessant fand. Ich finde es ist dann Kunst, wenn es eine Meta-Ebene erreicht. Wenn es mehr ist, als die Summe seiner Teile, wenn es über das Gezeigte hinaus geht.

M.N.: Und wodurch kommt genau der erotische Aspekt zu Stande? Was ist erotisch und was ist schon zu explizit oder vielleicht im Gegenteil, noch zu subtil?

R.K.: Was zu explizit oder zu subtil ist, liegt sehr stark im Auge des Betrachters. Nehmen wir jetzt Tony Ward zum Beispiel. Der hat früher im Penthouse Schwarz-Weiße Stecken publiziert, die schon eindeutig pornographisch waren. Mittlerweile kann er damit offizielle Ausstellungen machen und hat wunderschöne Bildbände raus gebracht. Es gibt auch schon seit etlichen Jahren den Begriff „Porn Art“. Den hatte damals Dahmane, ein französischer Photograph, geprägt. Dadurch wurde halt auch gesellschaftlich akzeptiert, dass wirklich auch Hardcore-Sachen gezeigt wurden.
Die Grenzen verwischen. Pornographie ist tatsächlich gesellschaftsfähig geworden, auch in der Werbephotographie hat man letzten Endes sowas wie einen „Porn-Schick“. Die einzigen Tabus, die es da wirklich noch gibt, sind Kinder, Tote und Tiere. Ansonsten haben wir schon alles durch.

M.N.: Was muss ein Mensch haben um vor Deine Linse zukommen?

R.K.: Eine gewisse Ausstrahlung. Gut, ich mache letzten Endes auch Jobs, ich bin auch ein kommerzieller Photograph, so gesehen vielleicht auch wie Newton mal sagte: „A Gun for hire“. Aber bei freien Arbeiten geht es wirklich auch um eine gewisse Ausstrahlung. Ich habe schon auch eine Vorliebe für einen gewissen Modeltyp, allerdings ist mir da Abwechslung wichtig. So gesehen ist es auch interessant, verschiedene Typen zu bringen. Letzten Endes ist wirklich eine gewisse Ausstrahlung das Entscheidende.

M.N.: Kannst Du Dich auch durch Auftragsarbeiten verwirklichen?

R.K.: Hier und da, ja. Es ist so, dass während des Studiums einheitlich dazu geraten wurde, die Vorgaben der Auftraggeber 1 zu 1 umzusetzen. Ich habe da andere Erfahrungen gemacht. Viel öfter kriege ich zu hören, dass ich es so machen soll, wie ich es will, da ich der Photograph bin. Da vertraut man meinem Auge. So gesehen ist es schon möglich eine eigene Gestaltung mit ein zu bringen und die persönliche Handschrift zu hinterlassen. Wobei es tatsächlich auch diese Auftragsarbeiten gibt, bei denen man eine Skizze vorgelegt bekommt, die man dann nach photographiert.

M.N.: Gibt es auch Motive, die Du nicht photographieren würdest? Welche wären das?

R.K.: Im kommerziellen Bereich habe ich so ziemlich alles gemacht, sogar mal einen Prospekt für Verkehrsblitzen gemacht, so gesehen ist da die Unschuld bestimmt schon verloren. Klar, Sachen die eindeutig illegal sind würde ich nicht machen. Was an der Grenze, an Tabus schabt an sich schon. Wobei ich Pädophilie in keiner Form bedienen würde. Ansonsten gibt es nicht allzu viel.

M.N.: Was war Dein herausragenstes Shooting?
R.K.: Das ist schwierig zu beantworten. Es gab da schon einige Sachen, die mir sehr gut gefallen haben, die auch wirklich eine Eigendynamik entwickelt haben. Aber ein spezielles Shooting raus greifen kann ich nicht.

M.N.: Wie einfach ist es, die persönlichen Empfindungen außen vor zu lassen, wenn sich ein hübsches Modell lasziv vor der Kamera räkelt?

R.K.: Photographie kann unglaublich technisch sein. Dann ist man wirklich eher im Photo-Modus, arbeitet am perfekten Bild und blendet so etwas vollkommen aus. Ja, es ist dann wirklich eher dieser Ärzteblick.

M.N.: Ist es schwierig heut zu Tage Erotik rüber zu bringen, ohne explizit zu werden?

R.K.: Ich glaube sogar, dass es wichtig ist, Erotik rüber zu bringen, ohne explizit zu werden. Der Kanal ist voll, die Pegel sind wirklich am Anschlag, es ist alles gezeigt, jede Körperöffnung ist ausgeleuchtet. So gesehen ist es wirklich interessant wieder einen Schritt zurück zu gehen, sich auf eine Meta-Ebene zu begeben und es intelligenter an zu gehen. Ich glaube das Authentizität das ist, was interessant ist. Und eine Geschichte rüber zu bringen. So gesehen läuft sich das explizite langsam ein bisschen tot.

M.N.: Also würdest Du schon sagen, dass wir in einer übersexualisierten Gesellschaft leben?

R.K.: Wir leben in einer absolut übersexualisierten Gesellschaft, ja.

M.N.: An was für Projekten arbeitest Du derzeitig und was steht in der nächsten Zeit an?

R.K.: Wie gesagt, ich hätte Lust mehr Männerportraits zu machen. Von einfachen Portraits bis zu Akten. Ich kann mir durchaus auch vorstellen ein paar explizitere Sachen zu machen, aber ich fände es schon interessant mehr an Stories zu arbeiten. Stories auszuarbeiten und sie um zu setzen. Auch ein bisschen filmischer zu arbeiten.

M.N.: Dann danke ich sehr herzlich.

R.K.: Gerne.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen