Montag, 27. Oktober 2008

Rezension: "SEX - so machen's die Frauen"

von Katrin R.

zuerst erschienen bei der Mädchenmannschaft

“SEX - so machen’s die Frauen” von Melinda Gallagher und Emily Kramer war also nun mein zweites Projekt in Sachen Erotik für Frauen. Als kleine Anekdote möchte ich mit einem Experiment beginnen, zu dem ich durch das Buch animiert wurde: Schon im Klappentext wird davor gewarnt, das Buch sei nicht gerade dazu geeignet, in der U-Bahn gelesen zu werden. Wieso und warum wurde nicht gesagt, die Macherinnen des Alley Cat, von denen das Buch auch besprochen wurde, hatten die Information dahingehend interpretiert, dass das Cover etwas peinlich sein könnte, da steht schließlich in großen Lettern “SEX”. Nun, mich stört ja nicht, was die vielen Berliner, die ich nicht kenne, von mir denken, wenn sie mich in der U-Bahn sehen, also schleppte ich das Buch mit. Und las. Nun, nach dieser Erfahrung glaube ich entweder a) meine eigene Interpretation der Warnung gefunden zu haben oder auch b) die eigentlich gemeinte. Oder eben c) beides. Aber fangen wir von vorne an.


Ursprung des netten Büchleins, das davon handelt, wie es die Frauen machen, ist und war CAKE , eine Art Verein, in dem New Yorker Frauen über weibliche Sexualität sprechen und diese revolutionieren wollen. CAKE hat ein Blog, sie fertigten einen Report an, in dem sie online die Wünsche und Sexleben der Frauen abfragten und sie sind definitiv eines: irgendwie coole feministische Vorbilder. Nun haben also diese tollen Frauen ein Buch über all ihr Wissen, ihre Erfahrungen und mit den Geschichten ihrer Mitglieder herausgebracht und was soll ich sagen: Es ist ein wahrer Genuss! Begonnen wird mit der sehr netten “CAKE-Philosophie”, die da lautet:

» Frauen lieben es, Sex zu initiieren
» Wir können an jedem Tag der Woche erregt sein
» Wir haben Fantasien
» Wir wissen, wie wir uns selber zum Höhepunkt bringen
» Wir mögen Sex (mehr als Einkaufen!)
» Wir wissen, wie unser Körper funktioniert
» Nach einem Orgasmus ist der Sex noch lange nicht vorbei


Mit dieser Philosophie wird eine Reise angetreten, die durch den weiblichen Körper und wie man diesen bitteschön zu “bedienen” hat, über den Sex an sich und bis hin zu Tabu-Themen wir Porno, Bi- und Homosexualität, Machtspielchen und “Sandwiches” führt, eine Reise, die keine - *beeep* - trocken lässt. Also sagen wir: Kein Auge. Dabei schafft es das Buch, nicht mit dem Vibrator zu wedeln und zu erklären, warum Frauen möglichst geil sein sollten, sondern - um beim Beispiel zu bleiben - es wird sehr liebevoll und ein bisschen in “feministischer Tradition” dargestellt, warum ein Vibrator ‘ne feine Sache ist und frau sich nicht scheuen sollte, einfach mal auszuprobieren, wie nett es damit sein kann. Hier wird Sexualität nach den Bedürfnissen von Frauen durchdekliniert und nicht - wie es leider die meisten Frauen-Sex-Ratgeber sonst tun - nach denen von Männern. Hier werden bewusst alte und noch sehr natürliche Erinnerungen geweckt, um Lust auf eine genussvolle(re) Zukunft zu machen, in der frau selbst ihr Sexualleben in die Hand nimmt. Und all das wird mit wunderschönen wahren Geschichten der CAKE-Frauen untermalt, die zum Träumen und Fantasieren anregen…

Es liegt also auf der Hand, warum dieses Buch schlecht für die U-Bahn geeignet ist: Das verschmitzte Grinsen und die roten Ohren mögen ja noch in Ordnung sein, aber wenn man anfängt nervös auf dem Sitzplatz hin- und herzurutschen und sich nur schwer davon abhalten kann, an sich rumzufummeln, da dermaßen anregende Storys aufgetischt werden… sollte man es einfach zuklappen und in einem ruhigen, entspannten Moment, vielleicht in der Badewanne oder auf dem Sofa, weiterlesen.

Was ich persönlich sehr beachtlich fand, war die gleichzeitig gesellschaftskritische Seite des Buches: Zum Thema “Brasilianisches Wachs” wird zwar einerseits gesagt, dass diese Erfahrung den Schmerz durchaus wert sei, aber dennoch eher etwas, das man sich hin- und wieder gönnen kann, vielleicht bei besonderen Anlässen etc…

“Ebenso wie Rauschgift braucht man diese Erfahrung nicht jeden Tag und wir können uns stolz auf unsere Wurzeln bekennen, indem wir au naturel bleiben.”


Auch der Offene Brief an alle Frauenzeitschriften (Titel: “Werdet endlich normal”), in dem CAKE-Frauen erklären können, dass sie das Abo kündigen und die Zeitschrift so lange nicht mehr kaufen, bis normale Frauen darin vorkommen, gefiel mir sehr.

“Der weibliche Körper wird so hypersurreal dargestellt, dass unsere Augen darauf trainiert sind, natürliche, echte Körper abzulehnen, sollten wir sie überhaupt einmal erblicken.”


Die Art und Weise, wie immer noch viele Mädchen (und Jungen - aber die sind halt grad mal nicht die Hauptpersonen in diesem Buch - sorry guys) von der Entwicklung einer gesunden Sexualität abgehalten werden, indem man ihnen suggeriert, ihre Jungfräulichkeit sei so etwas wie ein Goldschatz, der unbedingt gehütet werden muss, wird kritisiert. Indem Frauen von ihren ersten Masturbationserfahrungen und -techniken erzählen, wird scheinbar “Verbotenes” normalisiert und entdramatisiert. Diese Philosophie zieht sich durch das gesamte Buch. Weg mit der Scham, her mit der Lust! Weg mit den drei Affen (Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen), her mit allen Sinnen und her mit den richtigen Worten, um dem Partner zu sagen, was einem gefällt (und was nicht)!

Kurz: Bitte der besten Freundin schenken und von ihr schenken lassen. Und einfach mal bei CAKE vorbeischauen, die haben z.B. gerade “Feuchtgebiete” entdeckt, das sie unbedingt übersetzt haben möchten, weil sie so gespannt darauf sind! Vielleicht hat jemand Lust, ihnen zu helfen?

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