Dienstag, 28. Oktober 2008

Erotik

Ich war recht erstaunt, als ich letztens einer Freundin das Konzept meines Blogs vorlegte, nämlich das eines erotischen Blogs, und sie mit relativ starker Ablehung reagierte. Was war los? Weswegen so verhalten? Denn sonderlich konservativ hatte ich sie nicht in Erinnerung. Schließlich brachte sie etwas Licht ins Dunkel, indem sie mir erklärte, weswegen ihre Reaktion so negativ ausfiel. Das lag daran, dass der Begriff "Erotik" für sie schier negativ belegt war. Mit dem Begriff "Erotik" verband sie die Bilder wasserstoffblonder Busenwunder, welche sich in knappen Dessous mit lüsternem Blick auf den Plakaten so genannter "Erotik Messen" tummelten. Was diese Bilder sowie diese Messen mit Erotik zu tun haben, ist mir schleierhaft. Jedoch konnte ich verstehen, dass besagte Freundin mit dem Begriff unter Berücksichtigung der Assoziationen nichts wirklich positives und sinnliches verband. 

"Erotik Messen" haben mit Erotik im Grunde nur wenig zu tun. Was auf diesen geboten wird, ist mehr Sex in all seinen Formen und Stellungen, mit all seinen Hilfsmitteln, die käuflich erworben werden können. "Sex Messe" würde es also viel eher treffen. Zuweilen findet dieser Begriff ja auch Verwendung. Ich denke, mit dem Begriff "Erotik", lügen sich die Besucher solcher Messen einfach nur selbst in die Tasche. "Erotik" ist schlichtweg nicht so explizit wie "Sex" oder "Porno" - was meist auch zutreffend wäre - somit ist es auch nur halb so wild, halb so anstößig sich auf so einer Veranstaltung herum zu treiben. Man fühlt sich besser, die Hemmschwelle eines Besuches sinkt und die Veranstalter haben höhere Besucherzahlen zu vermelden. Dies ist zumindest ein Erklärungsversuch.

Erotik an sich ist nicht käuflich. Auf einer "Erotik Messe" kann also keine Erotik angeboten werden. Höchstens Utensilien jeglicher Art, die unter gewisser Verwendung, erotische Stimmung, erotische Gefühle auslösen können. Denn Erotik hat eben damit zu tun; mit Gefühlen, mit Stimmung, mit Ambiente, mit dem Einbezug der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Person. 

Erotik muss jedoch nicht unbedingt an eine oder mehrere bzw. die eigene Person gekoppelt sein. Eine erotische Stimmung kann sich beispielsweise einstellen, wenn man mit einem Ort oder einer Situation konfrontiert ist, die die Phantasie in sinnlicher oder sexueller Art beflügelt. Die Situation kann im weitesten Sinne sinnlich und daraus resultierend erotisch sein. Sinnlich kann ich mir z.B. ein in Teelichter getauchtes Badezimmer vorstellen, in welchem eine mit heißem Wasser und weißem Schaum gefüllte Badewanne steht. Das flackernde Licht der Kerzen reflektiert sich hier und da im Schaum und lässt diesen glitzern. Die Luft ist erfüllt vom Aroma des Lavendel- oder Rosenöls, ohne dass der Geruch schwer wiegt und das Atmen im angenehm beheizten Raum, erschwert. Vervollständigt wird dieses Bild für mich, durch klassische oder barocke Musik und ein Glas Sekt. Diese durchaus sinnliche Kulisse-  denn unter welchen Umständen werden mehr Sinne angesprochen - kann im Gedankenspiel beliebig, in jede Richtung hin erweitert werden, sodass sie einen erotischen Reiz auslößt. Denn diese Kulisse läd zumindest mich dazu ein, sie mit Erotik auszufüllen. Illustriertes Szenario war nun frei jeglicher sexueller Handschrift. Es ist also nicht im direkten Sinne sexuell. Aber es läd mich, als Erschafferin dieses, dazu ein, in ihm sexuell (im weitesten Sinne) aktiv zu werden. 

Was als erotisch empfunden wird, ist im höchsten Maße individuell, und das ist auch gut so! Medien aller Art versuchen, Erotik, genau so wie Schönheit, zu normieren, zu standardisieren, um sie effektiv vermarkten zu können, bzw. über ein bestimmtes Bild von Erotik effektiv zu vermarkten. Ob mein Badewannen-Szenario nun besonders individuell oder nicht doch von Medien inspiriert ist, mag ich nicht beurteilen, aber es spricht mich zumindest an. Doch ist es nur eines von unzähligen Beispielen, welche in unzählige Richtungen gehen, die im Stande sind, meine Phantasie zu beflügeln. Subtilere und auch explizitere in großer Vielfalt.

Erotische Gefühle können also an eine Kulisse, wie das Badewannen-Szenario gekoppelt sein, aber auch an eine Situation, wie in folgendem Beispiel, "Badewannen-Szenario: extended": Ich liege nun in der Badewanne. Das heiße Wasser umgibt meinen Körper nahezu vollständig. Lediglich Schultern, Hals und Kopf befinden sich außerhalb dieser Wärme, welche in mir eine Gänsehaut auslößte, als ich in sie hinab stieg. Noch immer ist meine Haut hypersensibilisiert, ich spüre die sanfte Liebkosung des schwappenden Wassers an den Stellen, an denen mein Körper aus dem Wasser in die Luft hinaus ragt. Mein linker Arm schneidet das Wasser, um das Sektglas zu ergreifen. Vollkommen verinnerliche ich den Kontrast, zwischen der kalten, perlenden Flüssigkeit, die meinen Gaumen, meine Kehle hinunterläuft, und der heißen, in welche mein Körper gebettet ist. Um der Situation einen weiteren Reiz zu geben, stellen wir uns vor, dass die Wanne mitten im Raum und nicht an die Wand verankert, steht. Sie ist somit, von allen Seiten zugänglich, und so liege ich in dieser Wanne, mit dem kühlen Sektglas in der Hand, dem Lavendelduft in der Nase und spüre, wie sich ein ebenfalls kühler, geschmeidiger Stoff über meine Augen legt. Die laute Musik hat mich keine Schritte hören lassen und nun merke ich, wie sich eben dieser Stoff um meine Augen legt, mich meiner Sehkraft beraubt und mich in vollkommender Dunkelheit zurück lässt. In vollkommener Dunkelheit und mit stark beanspruchten Sinnen. Wo doch meine Ohren der atemberaubenden Vielfalt der klassischen Musik lauschen, meine Nase mit den aus dem dampfenden Wasser steigenden Aromen, mein Gaumen mit dem zarten Nachgeschmack des Sekts beschäftigt ist und mein Tastsinn vom Wasser und den warmen Händen, welche sich nun an meinem Nacken, meinen Schultern, meinen Brüsten zu schaffen machen, beansprucht wird. 

Das "Badewannen-Szenario: extended" unterscheidet sich als Situation von der Kulisse in soweit, dass es eine oder mehrere Handlungen, die Teilhabe am Szenario impliziert. Auch wenn noch eine weitere Person agiert, was für den Tatbestand einer Situation nicht unbedingt notwendig ist, ist es nicht an diese Person gekoppelt. Es ist eine - für mich - durchaus erotische Situation, die ich mir da ausgemalt habe, doch ist sie von der Person und dem Gefühl zu dieser Person, unabhängig.

Auch Gefühle sind wieder hochgradig individuell. Denn ob erotische Situationen mit bestimmten Personen durchlebt werden, hängt in hohem Maße von den Gefühlen zu dieser Person ab. Beziehungsweise davon, welche Bedeutung man diesen Gefühlen beimisst. So wird es für den oder die eine/n wichtig sein, die andere Person zu lieben. Erotik auf der Basis von Liebe. Für den oder die nächste/n ist Sympathie entscheidend. Oder Vertrauen. Oder ledigliche Duldung der anderen Person. Es mag sogar Menschen geben, für die es vom erotischen Standpunkt aus gerade wichtig ist, dass zu der Person gar keine oder sogar negative Gefühle empfunden werden. Aber unabhängig davon, welchen dieser Gefühlen man selbst Bedeutung beimisst, sind auch diese für eine erotische Situation mit einer (un)bestimmten Person, wichtig.

Ich denke, was in meiner Ausführung allerdings noch nicht hervorgehoben wurde ist, worin für mich der Unterschied zwischen Erotik und Sex ist. Oftmals schreibe ich etwas, wie: "erotische bzw. sexuelle Empfindungen".  Der Punkt ist, dass Erotik Sex mit einschließen kann, aber nicht muss. Zudem es auch nochmals - wie könnte es anders sein - individuell ist, wo Sex anfängt. Jedenfalls muss auch Sex Erotik nicht unbedingt einschließen. Oftmals geht aber beides Hand in Hand. Und dies ist in meinen Augen eben der Fall, wenn die Persönlichkeit(en) der beteiligten Person(en), die individuellen Wünsche und Bedürfnisse, Phantasien und Präferenzen in die Situation mit einspielen. 



(Bilder mit freundlicher Genehmigung von Roman Kasperski.)

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