Dienstag, 2. Dezember 2008

Gefühl von Freiheit

Gestern kam ich in eine merkwürdige Situation. Eine gute Freundin von meiner Mutter war zu besuch, da sie meiner Mutter für einen Radiobeitrag eine Frage stellen wollte. Nennen wir sie einfach Barbara. Da ich im Laufe des Abends dazu stieß, wollte Barbara auch mir die Frage stellen. Doch nach kurzer Überlegung, entschied ich mich dafür, die Frage nicht beantworten zu wollen. Ein Verhalten, welches mir überhaupt nicht ähnlich sieht. Schließlich bin ich ein sehr mitteilungsbedürftiges Fräulein. Was war also die Frage, welche mir unbehagen bereitetete? Wieso wollte ich sie nicht beantworten? 

"In welchen Situationen fühlst Du Dich frei?" 

Eigentlich eine recht harmlose Frage. Doch wäre die Antwort in keinster Weise für Barbaras Ohren und erst recht nicht für die meiner Mutter gedacht. Denn diese hats in sich. Es ist wirklich erstaunlich, wie intim und persönlich, eine Frage sein kann, ohne dass sie darauf abziehlt.  Wieviel man von seinem Innersten offenbaren kann, an Menschen, die einen kennen, die sowas allerdings in keinster Weise wissen wollten. 

Wenn ich hier nachher meine Antwort niederschreibe, ist es für mich etwas anderes. Denn hier bin ich einiger Maßen annonym. Gut, der ein oder andere Leser mag mich auch persönlich kennen, aber zumindest sitze ich hier nicht zwischen Barbara und meiner Mutter von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Das macht in einigen Dingen einen gewaltigen Unterschied. Einen solchen Unterschied eben, wenn es um die Frage nach Freiheit geht. 

Ich fühle mich nicht frei, wenn ich auf einer Klippe stehe, auf das Meer hinaus blicke, die grüne, bergige Landschaft des Baskenlandes in meinem Rücken habe, vor mir die Weite des Ozeans. Ich fühle mich nicht frei, wenn ich auf dem Dom stehe und bei gutem Wetter bis nach Bonn und Aachen schauen kann. Ich fühle mich nicht frei, wenn die Ferien anbrechen, und ich über einen Monat keine Verpflichtungen mehr habe. Ich fühle mich nicht frei, wenn mein Portemonait gefüllt ist, und ich das Geld für was-auch-immer verprasseln kann. 

Frei fühl ich mich, wenn meine Arme auf meinem Rücken gebunden sind, ich auf dem Bauch liege, mein Blickfeld ebenso wie meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Ich vielleicht sogar einen Knebel im Mund habe. Oder ähnlich effektives. Wenn ich so da liege, meinem Partner vertraue, dass er die Grenzen nicht maßlos überschreitet. Aber weiß, dass ich in dieser Situation handlungsunfähig bin. Dass ich ihm einfach vertrauen muss! In so einer Situation, in der ich die Kontrolle abgebe, fühle ich mich verdammt frei. Trotz aller vermeindlicher Einschränkungen. Ich kann mich fallen lassen. Ich kann mich gehen lassen. Ich kann abschalten. Ich brauche mir keine Gedanken machen. Mein Denkapparat hat Sendepause. Ich lasse mich ein, auf das was ist, was wirklich ist. Was mit mir geschieht. Mit meinem Körper. Und gleichzeitig auch mit meinem Geist. Doch ist jegliches Nachdenken überflüssig. Was geschieht ist wichtig. Was geschieht ist das einzig relevante. Durch meine Handlungsunfähigkeit bin ich nicht verantwortlich für die Dinge, die passieren. Ich kann nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Ich bin "Opfer". Und als dieses bin ich frei von jeder Verantwortung, frei von jeder Schuld, frei von jeder Frivolität, frei jeglicher Gewissensbisse. Ich konnte ja nichts dafür. Auch wenn ich es immer so wollte, und nicht anders...

Das sind sie, die Momente, in denen ich mich frei fühle. Doch ist es in meinen Augen wirklich fraglich, ob Barbara und meine Mutter, eine solche Antwort hören wollten. Nein, ich fühlte mich nicht frei, die Frage nach gefühlter Freiheit zu beantworten. 


(Bild mit freundlicher Genehmigung von Roman Kasperski.)

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