Montag, 5. Januar 2009

Sexuelle Eigenerkenntnis und -akzeptanz

Man stelle sich vor, man ist ein junger Mensch. Ein Mädchen, dessen Sexualität erwacht, die Pubertät kündigt sich an - eine neue Ära beginnt. Eine Zeit, die neue Empfindungen im Körper und Geiste weckt. Berührungen und Gedanken lösen bestimmte Gefühle aus, die tierisch neu sind, die man vorher nicht kannte. Ein aufregender Prozess, den nahezu jeder Mensch auf dem Weg zum Erwachsenwerden durchlebt.

Besonders sind es die Gedanken, welche die neuartigen Empfindungen in dem Mädchen auslösen. Leider hat es das Pech, dass eben diese Gedanken ziemlich von dem abweichen, was gängig als richtig gesehen wird. Das Mädchen ist schwer verunsichert. Wie kann es sein, dass es auf Zwangssituationen, auf Erniedrigungen, auf körperliche Gewalt, sexuell reagiert? Wie ist es möglich, dass es gerade solche Szenen in Filmen sind, dass es Vorstellungen von derartigen Ereignissen, welche es selbst durchleben könnte, sind, die es in Wallungen versetzen? Es schämt sich sehr dafür. Hält sich für krank, nicht normal, gestört. Es redet nicht darüber, wenn es sich mit seinen Freundinnen trifft und sie sich über intime Dinge unterhalten. Es ist ihm bewusst, dass sein Empfinden in keinster Weise entschuldbar ist, und es sich ändern muss, wenn es nicht endgültig abstürzen möchte. Es denkt, dass es jetzt, wo es noch so jung ist, noch an der Zeit ist, sich diese Gedanken und Reaktionen ab zu gewöhnen. Wie das Lutschen an den Fingern, als es ein Kind war. Das ging schließlich auch.
Und so entscheidet es sich dafür, es sich ab zu trainieren. Den Gedankenfluss zu zensieren. Besonders bei der Masturbation. Doch will ihm das nicht gelingen. Wenn es nur an normale, richtige, gesunde Dinge denkt, bringt ihm dies nichts. Immer wieder schleichen sich die verbotenen Vorstellungen ein, immer wieder sind es letztendlich diese, die es in Wallungen versetzen. Und so bleiben sie bei ihm. Es arrangiert sich mehr oder minder damit, behält sie für sich. Redet nicht darüber. Mit niemandem. Hat ein schlechtes Gewissen.

Irgendwann reift das Mädchen zur jungen Frau heran, beginnt sexuelle Kontakte mit einem Partner. Es ist eine normale Sexualität, die sie erfährt. Eine Sexualität, die ihr zeigt, wie ein anderer Mensch, wie ein Mensch des anderen Geschlechts, reagieren kann, wie Zweisamkeit auf sexueller und Beziehungs-Ebene funktioniert. Und es ist eine Sexualität, die ihr mehr und mehr bewusst macht, dass es wirklich andere Dinge sind, die sie braucht. Dass ihr die Gedanken allein nicht reichen, wo partnerschaftliche Sexualität gegeben ist. Dass sie das, woran sie denkt, wirklich erleben will.

Und mit diesem Bewusstsein wird ihr auch ein weiteres bewusst: Sie kann sich nun wirklich mit ihrer Sexualität, mit ihren Bedürfnissen, anfreunden. Denn ihr wird klar, dass sie gewisse Dinge erleben will zum einen, zum anderen, die aussehen, als ob sie erzwungen wären. Und auch die Erniedrigung ist nur eine scheinbare. Was zwei Menschen wollen, so ihre Ratio, ist unbedenklich, solange es keine langfristigen und schwerwiegende Folgen für das geistige und gesundheitliche Wohlergehen hat, sowie es keine Beeinflussung auf weitere Lebewesen hat, die unbehelligt bleiben wollen oder sollten. All dies wäre somit bei ihr gegeben. Und da dies gegeben ist, schlussfolgert ihre Ratio weiter, ist es auch nicht krank oder falsch. Krank würde es sie machen, es weiter zu leugnen, zu unterdrücken. Und genau das ist es, was falsch wäre.

Dennoch fragt sie sich immer, und immer wieder, weshalb sie so und nicht anders empfindet. Weshalb ihre Sexualität sich nicht weniger kompliziert manifestieren konnte. Und tatsächlich gibt es nichts offensichtliches, was sie um eine Erkenntnis reicher gemacht hätte. Abgesehen von der Tatsache, dass ihr sehr stark bewusst wird, was sie für eine glückliche und behütete Kindheit gehabt hat. Mit der nötigen Distanz zu sich selbst konnte sie erkennen, dass es niemals um tatsächlichen Zwang, tatsächliche Gewalt und Erniedrigung ging. Beziehungsweise, dass Teile von diesen drei Dingen, in Zusammenhang mit bestimmten Personen, von ihr ausdrücklich positiv aufgefasst wurden, statt, wie normal, negativ.

Und mit diesen Erkenntnissen im Gepäck, begab sie sich auf die Reise zu sich selbst. Zur Befreiung ihrer Sexualität. Zu ihrer eigenen Emanzipation. Und diese Reise hat gerade begonnen.

(Bild mit freundlicher Genehmigung von Roman Kasperski.)

Kommentare:

  1. In "Exit to Eden" von Anne Rice wird die Idee aufgebracht, dass das Ausleben symbolischer Gewalt über BDSM die Menschen vor richtiger Gewalt schützen kann. Fand ich einen sehr interessanten Gedanken. Das wäre praktisch deine Idee andersrum.

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  2. Hallo Neeva!

    Danke, für Deinen Kommentar. :-)

    Das Buch habe ich nicht gelesen, deswegen kann ich da nicht so viel schreiben. Aber ich verstehe nicht genau, wie da denn der passive Part eingebunden ist. Also "Gewalt" übt ja mehr der aktive Teil aus. Oder soll das heißen, dass passive Menschen mehr zur Autoaggression neigen?

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