Sonntag, 20. September 2009

Rezension: "Feuchtgebiete" - Charlotte Roche

Ein Klassiker aus meinem ersten Blog. Ursprünglich erschienen am 28.04.2008.

Auch ich habe es nun endlich einmal geschafft, "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche zu lesen. Nach allem, was man über dieses Buch gehört hat, habe ich es beinahe als Pflicht wahrgenommen. Ich war äußerst neugierig auf die Schweinereien, die mich erwarten würden, darauf, wie ich selbst auf dieses Werk reagieren würde.

Und? Den Hype um dieses Werk, kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Wenn man mal von Helens Hobbys absieht, die die Verbreitung und Aufnahme von Bakterien mit einschließen, fand ich das alles wirklich nicht besonders wild. Einiges kam mir doch erstaunlich bekannt vor. Dinge, über die ich gewiss nicht reden werde, die allerdings in meinen Augen alles andere als furchtbar ekelerregend sind.

Was ich somit wesentlich schockierender finde, als das Buch mit seiner Helen, das sind die Reaktionen, die es ausgelöst hat. Jene zeigen mir doch sehr deutlich, wie verdammt verklemmt unsere hightech- und pornofixierte Welt eigentlich ist. Sie erinnern mich daran, wie man als Kinder, wenn man in einer Gruppe gepupst hat, immer den anderen unterstellte, sie wären es gewesen - selber lässt man natürlich nie seinen Blähungen freien Lauf. Schon garnicht als Mädchen.

Nein, Mädchen furzen nicht, saubere Mädchen produzieren keine Vaginalsekrete - wissen schonmal garnicht, wie diese schmecken (pfui!, bäh!), masturbieren nicht und haben keinerlei eigenen Körpergeruch zu verströhmen. Unsere Körper sind auf Pflegeprodukte genormt. Schon von Kindheit an, ab der Pubertät erst recht!

Wir Frauen sind die haar- und geruchslosen, sterilen und hyperhygienischen, furzfreien Übermenschen, Göttinnen in Pastelltönen, wir sind
himmlisch riechende Frauen, heilige Frauen, die nach Efeu duften

um es in F.J. Wagners Worten zu sagen.

Es hat den Anschein, dass Männer, aber auch Frauen es lieber hätten, weibliche Sexualität würde in gummipuppenhafter Weise, nämlich frei jeglicher Sekretabsonderung (mit Eigengeruch!), ablaufen. In meinen Augen ist das doch eine ziemlich verzerrte Vorstellung von Sexualität. Die Aufregung, die "Feuchtgebiete" allerdings verursacht, legt ein solches Bild allerdings ziemlich nahe.

Häufig habe ich in Bezug auf "Feuchtgebiete", gelesen, es sei vollkommen daneben, ein Buch über "sowas" zu schreiben. Warum denn? In meinen Augen ist Literatur eine Form der Kunst. Somit stehen ihr, genau so wie der Kunst doch auch alle Themenbereiche offen. Es steht Charlotte Roche und jedem anderen Schriftsteller auch frei, über alles zu schreiben, was ihm in den Sinn kommt. Und wenn es Vaginalsekrete sind - nur zu! Es ist das erste Buch, was ich in meinem Leben gelesen habe, in denen solche überhaupt Erwähnung finden. Abgesehen davon, das in dem ein oder anderen Roman eine Frau mal beim Sex als "feucht" beschrieben wird. Uff, das ist aber gewagt! Ja, im Grunde ist es auch das erste Buch, was ich gelesen habe, in dem ein Mensch das macht, was alle Menschen tun: Stuhlgang verrichten. Ich habe noch keinen Roman gelesen, in denen Menschen wirklich Dinge tun, die sie als Menschen ausmachen. Auf Klo gehen, ausgiebig Essen, rülpsen, furzen, evtl. auch masturbieren. Nein, sowas scheint irgendwie kollektiv ausgespart zu werden. Steht das in irgendwelchen literarischen Konventionen drin? In der Filmindustrie ist es ja das selbe. Wer mit sowas nicht umgehen kann, sollte nicht die Schriftstellerin mit ihrem Roman dafür verantwortlich machen, sondern selbst ersteinmal seine eigene Einstellung hinterfragen oder, sollte das zu viel verlangt sein, die Finger davon lassen.

Somit fand ich "Feuchtgebiete" relativ realistisch. Helen macht vollkommen normale Dinge. Dinge, die wohl so normal sind, dass sie nirgendwo Erwähnung finden. Was regen sich die Kritiker also auf? Müssen diese nie kacken?

Ein weiterer Kritikpunkt war die Sprache, die im Buch Verwendung findet. Illustriert werden die Gedanken eines 18-jährigen Mädchens. Jawohl, ihre Gedanken. Ich weiß ja nicht, wie andere Menschen denken. Wenn ich denke, schmeiße ich in meinem Kopf jedenfalls nicht unbeding mit Fachbegriffen um mich. Somit finde ich es alles andere als empörend, dass Helen von ihrer "Muschi" denkt, und von ihrem "Arsch". Es wäre alles andere als realistisch, wenn Helen von ihrer "Vagina" denken würde. Das muss man einfach so sehen und da wird mir jeder zustimmen können.

Desweiteren: Was die Gedanken der guten Helen angehen, so finde ich es auch alles andere als verwunderlich, dass sich diese die größte Zeit ihres überaus langweiligen Krankenhausaufenthalts auf Sex beziehen. Auch das ist ziemlich realistisch. Man müsse sich nur mal selber beobachten, über sich selber reflektieren, wenn man im öffentlichen Verkehrsmittel sitzt, im Wartezimmer der Praxis oder anderorts, wo Spaß und Spannung nicht gerade vorprogrammiert sind, wohin die eigenen Gedanken abschweifen. Wenn man sich nicht gerade das Hirn über schwerwiegende Probleme zermartern muss.

Wer eine weitere, von meinem Standpunkt aus, sehr gelungene Besprechung zu "Feuchtgebiete" lesen möchte (mit vielen Zitaten), sollte hier im Mädchenblog vorbei schauen. Kritischer sieht das Schmitti Roches Werk, vor allem eben in Hinblick auf den Exsessiven Austausch von Körperflüssigkeiten, der dem HIV-Risiko vollkommen bedachtlos gegenüber steht. Eine Gefahr, die trotz Helens mutiger Selbstexperimente wirklich nicht außer Acht gelassen werden sollte.

Alles in allem fand ich das Buch nicht schlecht. Es hat mir doch eigentlich ganz gut gefallen, weil es ein absolut sinnloses Tabu bricht. Ich kann den Vorwurf bezüglich der Provokation nur bedingt verstehen. Wieso es provozierend sein sollte, die Tatsachen auf den Tisch zu legen, entzieht sich meinen Geisteskräften. Dass Helen jedoch ziemlich rumsaut und durchaus auch mehr als denkwürdige Aktionen veranstaltet, ist künstlerische Freiheit.

Kommentare:

  1. ich fand das Buch jetzt nicht den literarischen Hammer, dafuer ist die Story ein bisserl zu flach. Aber wie du schon geschrieben hast, hat es mal nicht geschadet, dass die Allgemeinheit sich ein bisserl mit ihrem verklemmten Verhaeltnis zu sich selbst beschaeftigt ... besonders bei euch in Deutschland ;-)

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  2. Also ich finde es gut, wenn jemand auch über Baginalsekrete, Masturbation, Kacken, Pinkeln und alltägliche Dinge schreibt und klar denke ich persönlich auch an Sex und Co... aber ich finde es in dem Bezug einfach ein bisschen übertrieben was das Verbreiten von Bakterien anbelangt. Ich schmiere meine Muschi nicht unbedingt über einen öffentlichen Toiletenrand, noch lege ich meinen vollgesogenen Tampon in einem Fahrstuhl ab. Ich finde ab hier hört es auf, dass ich mich als Frau damit identifizieren kann. Hygiene mag vielleicht in vielen Teilen übertrieben sein, gerade wenn es um die natürlichen Gerüche und Sekrete angeht (da stimme ich dir zu), aber dennoch finde ich sie wichtig und auch gerade bei einer Frau und Ihrer Vagina... ich möchte mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn man sich gar nicht da unten waschen würde... für mich nicht unbedingt ansprechend ;)

    Ich finde eine ausgewogene Mischung zur Hygiene, wie aber auch zu seinem eigenen Körper und dessen Ausscheidungen gut - also Sekrete wie auch Gerüche und Co.

    ^^

    Grüßles...

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  3. Fande das Buch jetzt auch nicht so wild wie drüber gerdet wurde. War wohl am Ende vielleicht auch bloß eine Werbemasche. Meine Freundin fand es allerdings viel wilder als ich und war zum teil schockiert. Ich gar nicht, dagegen. Es gibt wohl einfach wirklich zu viele verklemmte Menschen, wer weiß.

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  4. naja also ich fand das buch auch ganz gut, überraschenderweise
    der schreibstil und die story sind nicht überragend, vielmehr fand ich es gut, dass man mal dieses "tabu" gebrochen hat und alle welt über diese dinge reden musste ^^
    die szene im fahrstuhl etc. ist natürlich übertrieben, wie das mit der toilettenbrille
    es ist etwas abstoßend, hat dadurch aber eine wirkung, denn man denkt drüber nach, wie weit das mädel im buch recht hat... sie benimmt sich mit einer art ätsch-einstellung an die saubere, zivilisierte welt, dass es mich gefreut hat, ich hatte jedenfalls viel zu lachen in dem buch und es las sich schnell...

    liebe grüße :)

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