Donnerstag, 24. Dezember 2009

Rezension: "Der Gedanke" - Anouk S.

Sadomasochismus, die Lust an der Unterwerfung, werden so schön und frei von Klischees thematisiert, wie nur selten zuvor. Ohne schwülstig ins Reich des Nicht-Umsetzbaren abzudriften und emanzipatorische Gedanken außen vor zu lassen.

Bei diesem Werk handelt es sich in vielerlei Hinsicht um etwas ganz besonderes. Anders als bei den bisher von der ANAIS-Reihe des Schwarzkopf&Schwarzkopf-Verlages rezensierten Büchern, hat man hier keinen Roman vor sich liegen, sondern einen Band mit 3 Erzählungen rund um die Unterwerfung.

Die Handlungen

Stahl auf der Haut: Die erste Erzählung hat ausschließlich Frauen als Protagonisten. Es geht um die Liebe und Hingabe einer jüngeren Frau an eine Ältere, die Zwanziger dieser älteren Frau in den siebziger Jahren, ihr Spagat zwischen Frauenbewegung und sadomasochistischer Sexualität sowie ihre spezielle, von Neid und Eifersucht geprägte Freundschaft zu einer Frau, die in der Beziehung zu der Jüngeren ihren Zenit erreicht.

Eine Reise für Marie: Die zweite hat mit der ersten nichts zu tun. Wir begleiten ein junges (heterosexuelles) Paar auf ihren Weg in die Szene. Schon seit Jahren leben diese Unterwerfungsspiele im geschlossenen Rahmen der Zweisamkeit. Doch schleicht sich Routine ein und Marie interessiert sich dafür, wie wohl andere Menschen mit ihren Neigungen umgehen. So entschließt Paul sich dafür, seiner Liebsten und sich in den Sommerferien eine Reise in ein SM-Camp in Holland zu buchen. Hier lernen sie allerlei verschiedene, tolle Menschen kennen, die ihnen ihre Art des Lebens und Liebens näher bringen. Und durch die Erfahrungen, die die Zwei dort sammeln, kommen sie sich selbst ebenfalls ein Stückchen näher.

Der Gedanke: Auch die dritte Geschichte unterscheidet sich stark von den vorangegangenen. Ein Herr kauft eine Sklavin. Die störrischste, die er finden kann, wovon ihn die Wärterinnen abhalten. Doch erweist sich diese störrischste Sklavin als dankbarer als vermutet. Sie ist soweit, sich endlich ein mal einem Herrn vollkommen hin zu geben. Sie weiß, dass es das ist, was sie glücklich macht, was sie doch so viel Überwindung kostet. Und so begleiten wir diese zwei Charaktere in ihrer sehr kompromisslosen und eigenen Beziehung zu einander.


Es ist sehr beeindruckend, wie unterschiedlich drei Erzählungen zum selben Thema von der selben Autorin geschrieben, ausfallen können. Alle sind in sich geschlossen, haben ihre eigenen erotischen Momente, die sich in der nächsten Geschichte nicht wiederholen. Gut, es ist eine Neigung zu großem Altersunterschied zwischen Frauen erkennbar. Homoerotik unter Frauen an sich ein Thema, welches sich in jeder dieser Handlungen findet, doch machen diese Parallelen die Handlung nicht aus.

Die Erzählungen leben von den Beziehungen, in denen die Charaktere zu einander stehen, wobei Anouk S. auch großen Wert auf die Innensicht jeder Person legt. Ich persönlich bin ja ein großer Fan von Innensichten! Für mich gibt es kaum etwas interessanteres, als in Geschichten zu erfahren, wie die einzelnen Charaktere denken und worüber. Warum sie so oder so handeln. Das ist mir oft viel wichtiger, als dass die Handlung weiter fort schreitet. Ein Ausgleich unter diesen Elementen ist allerdings noch viel besser, und das erreicht Anouk S. in ihren Erzählungen sehr gut.


Es ist auch sehr schön zu lesen, wie es Konflikte gibt, Spannungen und elementare Fragen, die im Rahmen der Innensichten abgewickelt werden. Wie jeder einzelne Charakter sich mit seinem Tun und Denken auseinander setzt. Mit der Zweischneidigkeit, die Sasomasochismus mit besonders in Kombination mit dem Spiel der Unterwerfung mit sich trägt - gerade unter emanzipatorischen Gesichtspunkten.

In jedem Fall finde ich dieses Buch gerade von einem emanzipatorischen Blickwinkel heraus hochgradig empfehlenswert. Besonders die ersten beiden Erzählungen. Fragen, die sich zwangsläufig Menschen, die für Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern einen Blick haben, stellen, beantwortet jede Figur für sich. Und das ist für mich eine sehr schöne Leistung.

Bei all den Fragen kommt die Erotik jedoch nicht zu kurz. Es gibt sehr lustvolle und Phantasie anregende Szenen, die das Lesen sehr freudvoll machen. Der Schreibstil ist komplex, flüssig, in keinster Weise plump sondern anspruchsvoll und eine Freude für den Leser.

Fazit:

"Der Gedanke" kann ich wärmstens weiterempfehlen. Auch wenn die ANAIS-Reihe sich vornehmlich einem weiblichen Publikum widmet, ist gerade dieses Buch in meinen Augen ebenso für Männer geeignet. Es ist sehr geistreich sowie auch erotisch. Ist dabei subtil und explizit gleichermaßen. Das Lesen hat mir sehr viel Spaß gemacht. Die erste Erzählung versetze mich in vornehmlich melancholische Stimmung, die zweite euphorisierte mich und die dritte erfüllte mich mit Nachdenklichkeit.

Sadomasochismus, die Lust an der Unterwerfung (passiv und aktiv), werden so schön und frei von Klischees thematisiert, wie nur selten zuvor. Ohne schwülstig ins Reich des Nicht-Umsetzbaren abzudriften und emanzipatorische Gedanken außen vor zu lassen.

Auch wenn heute bereits der 24. ist, wird es wohl auch Freundinnen und Freunde geben, die man erst nach den Festtagen beschenkt. Gerade in diesem Rahmen eignet sich "Der Gedanke" sehr gut als Geschenk. Oder für nachfolgende Geburtstage.

Anouk S.
Der Gedanke
ANAIS Band 10
9,90€

Weitere Rezensionen der ANAIS-Reihe:

Lucy früh am Morgen
Spieler wie wir

Kommentare:

  1. Wow, das klingt sehr gut. Das kommt auf meinen Wunschzettel bei Amazon. Danke!

    Übrigens, ich weiß nicht, ob du da Rezensionszugang bekommst, aber mich würde interessieren, ob das was taugt, und du hast ja ein gutes Auge: Filthy Gorgeous Things ist (u.a.) ein monatliches Magazin im Internet, und die haben bereits eine Ausgabe zu "Force" und eine zu "Restraint" gemacht...

    http://www.filthygorgeousthings.com/archive/restraint

    http://www.filthygorgeousthings.com/archive/force

    Schöne Feiertage!

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  2. Hey,

    leider war ich nicht ganz so begeistert wie du:
    http://p-pricken.de/2010/10/der-gedanke/

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  3. Freut mich total,beim Stöbern in deinem Blog auf eine Rezension zu Anouk S. Buch "Der Gedanke" zu stossen...
    Ich fand es vor 2 Jahren,nachdem ich es gelesen hatte, mehr als begeisternd gut!!!Umso überraschter war ich,dass es offensichtlich nicht allen so ging...was ich bis heute nicht nachvollziehen kann?!
    Vielleicht liegt es daran,ohne irgend jemandem zu Nahe treten zu wollen,dass Anouk S.'s Erzählungen überraschend anders sind...
    Es ist halt kein "rein/raus" Buch-und vielleicht ist damit die Erwartungshaltung mancher Leser enttäuscht?Es ist so kunstvoll und intelligent und sensibel geschrieben -ich finde es grossartig!Es widerlegt das Billig - und Schmuddelimage,dass der SM Ecke oft im Volksglauben anhaftet-und mir in der Form eigentlich selten real begegnet-im Gegenteil-)
    Hab es schon oft weiterempfohlen und finde deine Rezension dazu sehr gut!!!
    Wenn du nichts dagegen hast,würde ich Anouk gerne auf diese hinweisen-sie war damals sehr enttäuscht über die diesbezüglichen Amazonbewertungen ihres Buches.

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