Sonntag, 1. August 2010

Bettgeschichten und der Mann

Es ist interessant, mit was für Vorstellungen man bezüglich der Sexualität beider Geschlechter konfrontiert wird. So wird die weibliche Sexualität oftmals übertrieben komplex dargestellt, während die männliche als geradezu lächerlich einfach verkauft wird. So handelt es sich bei einem Mann um großes Glück, wenn es ihm auf Anhieb gelingt, eine Frau zu befriedigen, ja, dies ist dann wirklich der 6er im Lotto, der Jackpot oder ähnliches, denn eine Zauberformel für die Befriedigung der Frau gibt es nicht. Hingegen ist hinlänglich bekannt, dass es nicht besonders viel Fertigkeit erfordert, einen Mann in Erregung zu versetzen und letztendlich auch zum Kommen zu bringen.

So zumindest das Bewusstsein für Sexualität, welches ich durch Gespräche und Medien erfahren durfte. Eine wirklich seriöse Auseinandersetzung mit männlicher Sexualität findet nicht statt, während die weibliche fast schon zu ernst genommen wird. Schließlich erfordert es wirklich großer Ausdauer sowie Frustrationstoleranz, bei weiblicher Sexualität nicht zu verzweifeln, wo doch jede Frau einer anderen Stimulation bedarf und ein Orgasmus oftmals ordentlich auf sich warten lässt.

Beim Mann hingegen soll es wirklich einfach sein. Ins Zeug legen braucht sich keine Frau, schließlich müssen Männer im Gegensatz zu ihnen geradezu ein großes Maß an Beherrschung hinlegen, um nicht zu früh zu kommen. Die Zauberformel ist hierbei also direkte Stimulation der Eichel, monotone Vor-und-Zurück-Bewegungen der Hand, des Mundes oder eben der Vagina. Sollte es doch nicht so einfach sein, kann etwas mit dem Mann nicht stimmen. Oder frau sucht das Problem in ihrer Attraktivität. Im Falle des Falles handelt es sich jedenfalls nicht um etwas, was als Normal gesehen wird.

Ähnliche Vereinfachung kann wahrgenommen werden, wenn man sich das Repartoire an Sexspielzeug anschaut, welches getrennt nach Geschlecht angeboten wird. Hier hat man schon lange festgestellt, dass Frauen einer großen Vielfalt bedürfen. Leider scheint dies für die Wahrnehmung männlicher Sexualität nicht zu gelten. Während Frauen die Auswahl über Dildos, Vibratoren, Liebeskugeln, Vibro-Eier in allerlei Formen, Farben und Größen haben, gibt es speziell auf (heterosexuelle) Männer zugeschnitten lediglich "Fleshlights", welche meist der Form und Farbe nach einer Möse nachempfunden sind und im besten Fall die Hand ersetzen. Großen Einfallsreichtum was Design und Funktion angeht, sucht man hierbei vergebens. Denn eigentlich sollte man nicht vergessen, dass Sexspielzeug nicht dazu da ist, den Penis oder die Vagina zu ersetzen, sondern die Möglichkeit bieten soll, allein aber auch mit Partner Variation ins Sexleben zu bringen.

Homophobie ist im Sexualempfinden vieler heterosexueller Männer auch verankert. Während Analverkehr mit der Partnerin nicht mehr selten zum guten Ton gehört, geradezu das Paradebeispiel für eine offene, aufgeklärte, tabulose Sexualität ist, ist der eigene Anus für viele Männer ein Tabu. Zu sehr ist der männliche Analverkehr einzig und allein mit homosexueller Sexualität verbunden. Obgeleich die Veranlagung, dort Reize als erregend zu empfinden, unabhängig von der sexuellen Orientierung ist.

Auch wenn ich der Meinung bin, dass gängige Frauenzeitschriften sich unverhältnismäßig viel damit auseinander setzen, wie die Frau es dem Mann besorgen kann, statt die weibliche Sexualität zu thematisieren, muss ich betonen, dass männliche Sexualität nicht in einer angemessenen, seriösen, ernstnehmenden und pluralisierenden Form Würdigung findet. Durch Sextipps in Zeitschriften werden Stereotype bedient, die "auch" ein Mann nur selten erfüllt. Und wenn er dies tut, dann vielleicht auch nur deswegen, weil Stereotypen identitätsbildend wirken können. Sextipps in Zeitschriften ersetzen nicht die direkte Kommunikation, das Auseinandersetzen mit den Wünschen und Bedürfnissen des Partners. Nur weil der Partner ein Mann oder eine Frau ist, heißt das nicht, dass wir natürlich wissen, was unser Gegenüber braucht, weil es ja "klar" ist, was Mann und Frau sich jeweils wünschen oder was sie bringen sollen.
Erfolgsdruck im Bett ist ein im hohen Maße Männern vorbehaltenes Problem. Zwar stressen sich auch Frauen oft in Fragen der eigenen Attraktivität, schämen sich für ihren Bauch, wenn sie auf ihrem Partner sitzen oder haben das Problem, dass ein Orgasmus auf sich warten lässt, oder garnicht erst auf den Plan tritt. Anhand der Leistung der Männer hingegen, misst sich der Erfolg des Aktes. Und oft auch aufgrund der Größe ihres Geschlechts. Geschlechtsverkehr ist dann "gut", wenn er lang andauert, abwechslungsreich und befriedigend ist. Vor allem aber die Länge des Aktes hängt vom Mann ab. Kommt er zu früh, war der Sex schlecht und er hat versagt. Kriegt er keinen hoch, ist das Projekt an seinem Versagen schon gescheitert, bevor es überhaupt begonnen hat. Auch wenn es viele Menschen gibt, die es nicht direkt so schwarz oder weiß sehen, gibt es viele, die dennoch so denken, denn es ist ein Bild, was wir stehts vermittelt bekommen, es sind Ängste, die Männer begleiten, sobald sie meist im Teenageralter damit beginnen, sich sexuell mit Mädchen oder Frauen auseinander zu setzen, einen oft nicht los lassen, oder sich erst im Laufe der Jahre relativieren.
Dass ich mich in diesem Artikel auf die männliche Seite fokussiere, hängt in keinster Weise damit zusammen, dass ich meine, weibliche Sexualität sei nicht mit Vorurteilen und gesellschaftlich konstruierte Problemen belegt. Im Gegenteil. Die männliche allerdings auch. Somit ist es in meinen Augen doch auch sehr wichtig, sich mit den Problemen, die männliche Sexualität mit sich bringt auseinander zu setzen. Doch den Ursprung allen Übels, das was männliche und weibliche Sexualität erst zum Problemherd macht, ist die geschlechtliche Zuordnung, welcher gewisse Merkmale zugesprochen werden, die nichts mit der biologischen Beschaffenheit zu tun haben.

(Bild mit freundlicher Genehmigung von Roman Kasperski.)

Kommentare:

  1. Oh, neues Layout!

    Es gibt für Männer aber sehr gute Prostata-Stimulatoren. Was natürlich wieder die Sache mit dem männlichen Analverkehr ins Spiel bringt...

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  2. Ja - was mich dann im Umkehrschluss wieder auf ein neues Thema bringt. ;-) Kennst Du Dich denn mit derartigen Stimulatoren aus? Das einzige was ich so sagen kann ist, dass Sex-Spielzeug für Männer doch meistens recht teuer ist.

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  3. Der Beitrag hat sehr viele Gedanken in mir ausgelöst, Du bist zig mal an meiner jüngeren sexuellen Vergangenheit angeeckt. Beispielsweise, als ich neulich Sex mit einer Frau mit eher spezieller Attraktivität hatte. Sie war zwar nicht wirklich mein Fall, aber in dieser Perfektion hat mir noch nie eine Frau den schwanz geblasen. Das spricht wirklich für sie, weil sich nahezu alle anderen Frauen in meinem Leben damit sehr schwer getan haben, trotz Hinweise, etc. Und: Sie hatte ihre Qualitäten angekündigt! Insofern glaube ich schon, dass es bestimmte Techniken gibt, die zumindest vielfach bei Partnern gut ankommen (ich habe z.B. bis jetzt ausschließlich schaudernde Reaktionen auf Nackenbisse erhalten). Aber der Fehler dabei ist zu glauben, für alls gebe es den einen richtigen Weg.

    Und ich teile mit Dir die Klage nach dem Leistungsdruck, nachdem ich fast immer dazu gedrängt werde, so lange weiter zu machen, bis ich gekommen bin. Daei habe ich manchmal keine Lust dazu. Um Umkehrschluss haben mir schon mehrere Bettgefährtinnen gesagt, dass sie sich nicht entspannen können, wenn man von ihnen einen Höhepunkt erwartet. Deshalb erwarte ich sowas nicht mehr (versuche es im vertretbaren Maße aber doch zu erreichen)

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  4. Was einigermaßen schick und trendy ist, sind momentan cock rings. Da hat man auch eine gute Auswahl.

    Sonst kauft man halt "unisex" Toys, und die meisten BDSM Spielsachen sind auch relativ geschlechtsneutral.

    Und ich habe den Eindruck, dass die meisten Partner(innen) schon registrieren, dass männliche Sexualität nicht so einfach ist, wie sie in der Gesellschaft weitläufig so dargestellt wird ... wobei Ausnahmen die Regel bestätigen.

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  5. Leider wollen einem "SexTips" glauben lassen, dass es einen Masterplan gibt. An und für sich, wird sich wahrscheinlich oft auf Anleitungen Verlassen, während Intuition und Kommunikation wahrscheinlich auch gut weiter helfen.

    Dein letzter Abschnitt inspiriert mich doch zu einem neuen Artikel, bezogen auf den Orgasmus. Ich hoffe, ich finde die Zeit.

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  6. @yellobird: ich habe oft den Eindruck, dass sich viele Menschen doch eher vereinfacht mit dem Thema auseinander setzen. Zumindest Medien kommen oft nicht über das Niveau schambehafteter Schulhof-Plaudereien hinweg.

    Also mit CockRings habe ich mit meinem damaligen Partner keine so guten Erfahrungen gemacht. Derzeit wird ja doch auch recht viel neues auf den Markt geschmissen, aber doch eher hochpreisig. Wobei die Markensachen für Frauen auch nicht günstig sind.

    Als unisex-Toy kann ich echt den Wicked wand empfehlen. Die starke Vibration soll am Hoden sehr angenehm sein und auch die Eichel sehr gut stimmulieren.

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  7. Habe den Artikel mit Interesse, aber auch mit einem breiten Grinsen gelesen.

    Sicher ist es so, dass die weibliche Sexualität als komplex und das männliche Sexualverhalten als simpel in der Öffentlichkeit dargestellt werden. Doch ganz so einfach ist das nicht...
    Ein goßes Stück sind wir Männer nämlich selber schuld an dieser Vorstellung! Wie immer gilt, wer sich keine eigene Meinung bildet, sondern nur konsumiert, darf sich auch nicht beschweren. Sehr zu empfehlen sind z.B. die Bücher "Der Pinsel der Liebe" oder "Die neue Sexualiät der Männer". Es gibt also durchaus eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Thema, man kann nur nicht erwarten, dass alles auf einem silbernen Tablett serviert daherkommt.
    Solche Literatur hilft zu verstehen, was da gerade im Körper passiert. Welche Funktion die Prostata hat, ist für viele meiner Geschlechtsgenossen ein Rätsel (was ich an dieser Stelle nicht lösen werde *g*) und ein vorzeitiger Orgasmus ist nicht zwangsweise gottgewollt, sondern kann durch Training vermieden werden.
    Jaja, ich höre euch schon stöhnen "Och nö, keine Körperarbeit". Aber genau das erwartet ihr auch von den Weibchen liebe Brüder, also tut was!
    Und das meint nicht, dass ihr euren Body stählern trainieren sollt. Schon mal probiert ohne Hände zu wichsen? Probiert es aus, und dann...
    Erzählt eurer Partnerin davon!

    Und wenn ihr solche Bücher gelesen habt, dann seit ihr bestimmt nicht mehr homophob, denn dann könnt ihr verstehen, dass die anale Stimulation beim Mann sehr reizvoll ist. Und das sogar medizinisch belegen. Super, oder? :-) Und dann wollt ihr es wissen. Aber dafür braucht ihr keine Hightech-Toys (Frau übrigens auch nicht zwangsweise). Bestimmt hat die Dame an eurer Seite einen Dildo etc. Man(n) glaubt es kaum, der passt auch bei euch ;-) Die Trennung nach Geschlechtern findet nur im Kopf statt!

    Und wie Mademoiselle Nocturne ganz richtig schreibt, ersetzen all die Anleitungen die Kommunikation nicht. Sagt eurer Partnerin was euch gefällt, ganz egal, ob es euch abartig oder pervers vorkommt. Niemand kann Gedanken lesen, auch nicht in einer langjährigen Partnerschaft. Das ist eine Illusion!

    Und wer sagt, dass mit dem Kommen des Mannes alles vorbei sein muss? Habt ihr keine Zunge, keine Finger? Meinetwegen benutzt auch Toys, aber wenn ihr euch umdreht und einschlaft, dann bestätigt ihr genau das Bild von der einfach gestrickten männlichen Sexualität.
    Und dieser Gedanke setzt sich im Netz fort. Solange ihr Sätze wie "Ey, Allde, zeig` ma Titten." schreibt, wird sich nie etwas ändern und die nachvollgenden Generationen von Männchen berufen sich auf Bravo, Coupe etc.
    Wer sagt eigentlich, dass der Mann überhaupt abspritzen muss?

    Ich bin mir nicht sicher, ob der "Problemherd" tatsächlich die geschlechtliche Zuordnung ist. Aber ganz sicher ist es die "Schere im Kopf". Zensiert und reduziert euch doch nicht selber!

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  8. "ist der eigene Anus für viele Männer ein Tabu."

    Stimmt leider, da entgeht vielen Männern aufgrund von Vorurteilen etwas. Allerdings ist es auch bei viele Frauen eine gewisse Hemmung vorhanden, ihren Partner dergestalt zu befriedigen, selbst wenn sie wissen, dass er es mag und auch Analsex bei sich dabei sind.

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  9. Einen recht "aufschlussreichen" Roman über ein Lieblingshobby unserer Männer hab ich unlängst im Bücherregal meines neuen Freundes gefunden: "Pornos machen traurig" von Peter Redvoort - sehr interessante Einblicke in die Männerpsychologie ...

    Jeanny

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  10. Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich bin beim Sex noch nie gekommen und es ist gar nicht so einfach einer neuen Partnerin klarzumachen dass das nicht an ihr liegt und sie es auch ruhig sagen kann wenn sie genug hat.
    Es scheint in der Gesellschaft als normal betrachtet zu werden dass der Sex mit dem männlichen Orgasmus endet, weshalb sich offenbar viele Frauen verpflichtet fühlen weiter zu machen bis auch der Mann gekommen ist.

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  11. Ein wunderbarer Eintrag, dem ich auch nicht viel hinzuzufügen habe. Eigentlich nur einen Literaturtip: "Die Prinzenrolle: Über die männliche Sexualität. Vom Jungen bis zum Mann". Vielleicht kennst du das aber auch bereits, dein Eintrag erinnerte mich stellenweise sehr daran. So oder so, ich hab gern bei dir gelesen.

    lieben Gruß,
    p.

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