Dienstag, 2. November 2010

"Ohne ist's doch viel schöner!"

Aller, aller spätestens seit den 90er Jahren sollte das Kondom als erste Kontrollinstanz in Sachen Sex etabliert sein. Die Frage, ob man wen nach hause begleitet, kann in erheblichem Maße davon abhängen, ob die betreffende Person denn auch mit Gummis versorgt ist.

In meiner Teenager-Zeit war es sowas von cool, ein Kondom im Portemonait zu haben. Witziger Weise waren wir, die wir das Gummi parat hatten, selten die, die es auch wirklich brauchten. Aber wir konnten tatkräftig zur Seite stehen und paarungswütigen Exemplaren unserer pubertierenden Spezies mit einem coolen "klar" auf die Frage: "hast du mal ein Gummi?", antworten. Wir konnten abende, vielleicht sogar Leben retten. In jedem Fall fühlten wir uns toll, verantwortungsbewusst und reif dabei, Kondome mit uns mit zu schleppen. Und wir konnten andere, die selbst keine hatten, aus der Patsche helfen und sie auf safe Art und Weise zu ihrem Glück verhelfen.

Ein Kondom zu besitzen, Kondome zu kaufen, das waren Dinge, die zumindest mir das Gefühl vermittelten, erwachsen zu sein. Ich bin verantwortungsbewusst, bereit sexuell aktiv zu sein, es zumindest zu werden, bereit selbst in die Hand zu nehmen, wann und ob ich Sex habe, weil ich mich in Sachen Kondom nicht auf jemand anderes verlassen muss, sondern autark handeln kann. Es vermittelte mir wirklich ein Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit, sexuellem Selbstbewusstsein, mich mit Gummis zu versorgen. Und es hatte auch etwas von einer Bürgerpflicht. Sich nicht nur einer Schwangerschaft, sondern auch sexuell übertragbaren Krankheiten in den Weg zu stellen. Den Kampf gegen AIDS aktiv zu unterstützen.

Doch irgendwann neigt sich diese anfängliche Euphorie, das Erfolgserlebnis, dem Partner ein Kondom - sogar im Dunkeln - überstreifen zu können, dem Ende zu. Verantworungsvoller Sex hin oder her. Er hat auch Nachteile.
Man ist mitten drin. In einem extatischen Zustand, wild, ungehemmt, verschlingt sich gegenseitig mit den Mündern, Zungen, Händen, umschlingt sich mit Armen und Beinen und kann es kaum erwarten miteinander zu verschmelzen, sich in einer Leidenschaftzu vereinigen, die für sich genommen nicht wirklich alltäglich ist, sondern nunmal von vielen Faktoren abhängig ist. In dieser Situation nun, muss man unterbrechen. Das Kondom aus dem Schrank kramen, aus der Verpackung puhlen und schließlich überstülpen. Sich in Position begeben, darauf achten, dass es nicht verrutscht. Und dann kann es weitergehen.
Während dieser Unterbrechung kann sich so vieles dieser Energie, die sich aufgebaut hatte schon verflogen sein. Ein Kondom zu plazieren ist eine Aktion, die man auch nicht unbedingt voller Leidenschaft und Inbrunst ausüben sollte. Nachher reißt das Ding noch. Was also tun?

Es gibt viele weitere Situationen, in denen Kondome zu Schwierigkeiten kommen können. Manche Frauen werden durch die zusätzliche Reibungsfläche (schneller) Wund, manche Männer haben eine Schwellschwäche beim Überziehen. Oder können so nicht so gut kommen. Oder einfach schlichtweg der Grund: "Ohne ist's doch viel schöner!".

Ah, ja... für wen? Wie schon gesagt, ich sehe ein, dass es Nachteile gibt, was das Kondom betrifft. Ich denke auch, dass es in einer längerfristig angelegten Beziehung durchaus sinnvoll sein kann, vom Kondom abstand zu nehmen. Der Punkt dabei ist, wie wohl sich mit diesem Gedanken die betreffenden Personen fühlen und welche anderen Schutzvorkehrungen getroffen werden.

Für alles weitere würde ich unbedingt für das Kondom plädieren. Das frustrierende dabei ist ganz einfach, dass das Kondom zwar zum kleinen 1x1 des Sexuallebens gehört, es gerade für Jugendliche, die neu anfangen eine coole Sache ist, man überall mit "Gib AIDS keine Chance"-Plakaten konfrontiert wird, es sich beim Gummi aber dennoch um kein Utensil handelt, welches ordentlich in das Sexleben integriert ist. Gummi überziehen = Unterbrechung. Muss das so? Nichts muss! Ich bin da zwar auch noch nicht so weit mit, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es eine Möglichkeit gibt, auch dem Gummi eine sinnliche Komponente beizumessen, statt es als Störfaktor zu deklarieren. Genau so, wie ich auch der Meinung bin, das leidenschaftliche sexuelle Energien sich nicht im Koitus entladen müssen. Es wird halt so erwartet, aber man kann den Sex nicht oft genug neu erfinden.

Dann wären da noch die Medien: Einerseits Anti-AIDS-Kampagnen, es ist cool, eine rote Schleife zu tragen und prominent zu sein. Andererseits wird das Kondom in Büchern und Filmen gerne mal weggeschwiegen. Es ist so tief drin, dass es sich dabei um einen unerotischen, fast schon bürokratischen Akt handelt. Gerade dann in Pornos ist das Kondom selten, wobei es dort doch schon auch in den ein oder anderen Produktionen zu sehen ist.

Es ist paradox. Einerseits Kondom als Bürgerpflicht, andererseits als Störfaktor, den sogar Medien ausblenden, wenn es nicht gerade explizit um Sex mit Kondom gehen soll. Ein normaler Umgang wird damit allerdings nicht gepflegt. Erotisch ist auch weder das Kondom als Bürgerpflicht, noch als Störfaktor.

Kommentare:

  1. Oh, das war schön, als ich die ersten Kondome im Portemonnaie hatte. :) Ich war "bereit".

    Was mir manchmal auffällt, dass die Männer (und Frauen), die so gerne "ohne" wollen, das ja auch wunderbar können – Sex ist ja nicht nur Rein-Raus. Es gibt ja auch sicherere Spielarten, bei denen man eher auf Kondome verzichten kann.

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  2. Deine Forderung nach Kondomen in den Medien trägt eine Eigenschaft mit sich, die auch beim Sex mit Kondomen hervortritt. Verantwortung, und zwar zu wesentlichen Teilen für sich selbst. Deshalb Daumen hoch für die Aids-Kampagnen und dass die Botschaft immer wieder vermittelt wird. Auf der anderen Seite verlasse ich in meiner Fantasie gern mal die Grenzen der Verantwortung und eine gute erotische Fantasie enthält keine Momente, in denen ich irgendwas kritisch bedenken und beachten muss. Deshalb ein Hurra den AIDS-Kampagnen, aber keinen moralischen Zeigefinger in Buch und Film.

    Guter Sex ist auch gut vorbereitet. Das umfasst nicht nur gründliche Körperpflege, Ideen für das Setting (Musik, Licht, Leckereien, etc), sondern auch, dass man alle Utensilien (Spielzeug, Gleitgel, Kondome, etc.) in Reichweite legt. Natürlich gibt es dann mitten in der Rage einen kurzen Moment der Vernunft. Aber je kürzer der sich gestalt, desto weniger erinnert man sich daran.

    Kennt noch jemand den Spot mit Ingolf Lück und Hella von Sinnen "Tina, was kosten die Kondome"?

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  3. Ich finde es problematisch, dass Kondome immer nur im Zusammenhang mit solchen Kampagnen auf den Tisch kommen. Das lässt es nicht zur Normalität werden. Die "Botschaft" wird immer nur punktiert an gewissen Stichtagen im Jahr vermittelt, danach gerät es wieder in die Vergessenheit.

    Ich halte es auch nicht für einen "moralischen Zeigefinger" in Büchern und Filmen auf den Gebrauch von Kondomen zu verweisen. Ich würde nur davon ausgehen wollen, dass Kondome vollkommen normal und unproblematisch zum sexuellen Kontakt zwischen Menschen gehören, die sich noch nicht allzu gut kennen, weswegen sie in Büchern und Filmen auch ganz einfach zu integrieren wären. Ich würde mich ja auch darauf einlassen, dass in einem Disclaimer zu lesen steht, dass in der folgenden Handlung sexuelle Aktivitäten unter Gebrauch eines Kondoms stattfinden. Auch denkbar.

    Der Spot ist immer wieder sehenswert. =)

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  4. Ich frage mich, ob es nicht auch möglich ist, Kondome zu erotisieren und sie damit - zumindest ein Stück weit - zu entbürokratisieren.
    Also ich für meinen Teil z.B. finde Kondome inzwischen schon sexy, bzw. den Akt des Aufreißens, Überziehens, den Geruch etc. antörnend. So in den Akt eingebracht ist es gar nicht so sehr eine Unterbrechung, sondern eine weitere Facette der Leidenschaft.

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  5. Ich gebe zu, Kondome sind für mich ein ziemlicher Abturner. Sie sind sogar ein Grund, weshalb ich ausserhalb des Paysex (natürlich mit Kondom) nur mit meinem langjährigen Freund Sex habe (ohne Kondom). Ich mag langen piv- Sex, mit Kondomen fängt es allerdings schon nach etwa 5 Minuten an unangenehm zu werden. Wenn ich dann zwischendurch sogar nach Gleitgel reichen muss, ists mit der Lust endgültig vorbei.

    Vielleicht wäre dies anderst, wenn in all den romantischen Hollywood-Szenen Kondome vorgekommen wären und ich somit darauf konditioniert wäre, das es zu "gutem" Sex dazugehört...schön wärs.

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  6. nachdem wir in meiner letzten laengerfristigen Beziehung mit Kondom uber 10 Jahre langverhuetet haben, muss ich sagen, dass es zu einer natuerlichen Sache geworden ist.

    Ich hatte es nur zweimal, dass ohne Kondom explizit gewuenscht wurde ... und beidesmal von Frauen. Beide fanden es fast als persoenliche Beleidigung, als ich zum Gummi griff.

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  7. Ist erotisch und macht Spaß. IMHO

    Probiert mal, das ungeliebte Gummi mit dem Mund überzustreifen, da es an blasen erinnert, bleibt sein bestes Stück auch hart. ;)

    Lucia

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  8. Als jemand mit Schwellschwäche beim Überstreifen in einem von 5 Fällen kann ich nur sagen: es hilft (mir jedenfalls) nicht, das Kondom zu erotisieren. Es hilft aber, sich davon abzulenken, die sexuellen Energien eben nicht zu unterbrechen. In der Praxis sieht das so aus, dass ich auf dem Rücken bin und die Partnerin auf meinem Gesicht, da kann ich gar nicht mehr an das Kondom denken :p. Das ist dann nur noch wie Gangschalten im Auto.

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  9. @anonym: ich finde allerdings die Art, wie Du damit letztendlich umgehst doch in gewisser Weise erotisierend - zumindest scheinst Du da eine "Ablenkung" gefunden zu haben, die zweckmäßig ist.

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  10. Ohne Kondom ist einfach das gefühl viel schöner da kann man machen was man will.

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  11. @Kontakt: Ich muss hingegen sagen, dass ich selbst das Zum-Schrank-Gehen-und-Drauffummeln eigentlich ziemlich stimulierend finde - egal, wer von beiden das nun grad macht. Allein das Wissen darum, dass man sich Gedanken über Sicherheit macht und Verantwortungsbewusstsein zeigt, ist doch ein durchweg positiver Charakterzug, und mich spricht das auch auf erotischer Ebene an. Außerdem kann man sich dann umso mehr drauf freuen, wenn's weitergeht. Alles eine Frage der Einstellung. :)

    Grundsätzlich also volle Zustimmung zum Artikel, Chapeau!

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  12. In der heutigen Zeit sollte diese Frage nach dem "mit oder ohne" doch schon längst geklärt sein, oder? In jedem Fall sehr schön geschrieben.

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  13. "Witziger Weise waren wir, die wir das Gummi parat hatten, selten die, die es auch wirklich brauchten..."

    Wie wahr, wie wahr. ;-)

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