Montag, 1. November 2010

Rezension: "Das Ghetto-Sex-Tagebuch" - Sila Sönmez

Derzeitig toben in Deutschland ja bekanntlich die Integratios-Debatten. Pünklich dazu erscheint Sila Sönmez Roman über die sexuellen Freizügigkeiten, Reflektionen, Wünsche und Ängste Aylas, einer jungen Türkin, die in einem kölner "Ghetto" aufwächst, das Gymnasium in einem anderen nicht näher benannten Stadteil, besucht.

Ayla ist in therapeutischer Behandlung und schreibt therapiebegleitend ein Tagebuch, in dem sie einerseits über ihre Erlebnisse berichtet, andererseits aber auch über sich und ihr Umfeld nachdenkt. Ayla trifft sich ab und an mit älteren, unattraktiven Männern zum Sex, weil ihr Sex mit hübschen Kerlen einfach nichts mehr gibt. Sie probiert es mit Pärchen und Mädchen bis sie sich schließlich in einen Freund verliebt und beginnt darüber nachzudenken, ob es nicht doch einen anderen Umgang mit Sexualität für sie geben sollte.

Aylas sexuelle Eskapaden, Sex mit vielen Männern jenseits der Fünfzig, sorgen für Schlagzeilen. Ich habe mich darüber gefreut, über derartiges zu lesen. Weil es das so selten gibt. Die Vorstellung Sex mit "alten" Männern zu haben, ist so mit das schmutzigste, was eine junge Frau sich vorstellen kann. Ayla setzt es um. Ayla ist die Figur eines Romans, die sich so etwas nunmal erlauben kann. Sie kann Sex haben, mit wem sie möchte, sie kann die Verkörperung der schmutzigsten Gedanken sein, zu denen wir jungen Frauen jemals gewichst haben.

Aber auch wenn ich drohe, mir zu wiedersprechen: Die Tatsache, dass jede sexuelle Handlung in diesem Buch ohne die Verwendung eines Gummis beschrieben wird, sorgt bei mir für Scheidenkrämpfe. Klar, es ist Fiktion. Ayla kann machen was sie will, sie kriegt kein AIDS und wird auch nicht schwanger, wenn die Autorin das nicht möchte. Dennoch, sie ist ein 17-jähriges Mädchen und es handelt sich um ein Buch, welches vielleicht auch von anderern 17-jährigen Mädchen gelesen werden kann. Im Endeffekt ist es auch egal, wer es ließt. Aber Sex mit Junkies ohne Gummi finde ich einfach abturnend.

Ayla reflektiert nicht nur über Sexualität, sondern auch über Herkunft, über Sozialisation, über das, was sie als die Person, die sie ist, ausmacht. Und wie es ist, quasi in zwei Kulturkreisen aufzuwachsen, aber für den einen zu türkisch, für den anderen zu deutsch zu sein. Gerade auch die Bedenken bezüglich ihrer Sexualität, ihrer Vorliebe für schmutzige und erniedrigende Szenarien formt sie nicht zuletzt auch vor ihrem kulturellen Hintergrund.

Der Schreibstil des Buches ist nichts für jeden. Ich fand ihn sehr anstrengend, weil das Buch, als Tagebuch nunmal eine sehr subjektive Schreibweise an den Tag legt, die sich zudem auch stark an der Jugendsprache orientiert. Komisch das zu sagen: Aber ich glaube, da bin ich einfach zu alt für. Einen weniger umgangssprachlichen und an gesprochener Sprache orientierten Schreibstil hätte mir das Buch schmackhafter
Hinzu kommt, dass es hier und da Zeitsprünge gibt, die den Lesefluss erheblich stören und man sich ersteinmal neu orientieren muss, ob es denn nun die nächste Szene ist, man was überlesen hat oder es doch eher ein Stolperstein im Schreibstil ist.

Ja, was eine potenzielle Zielgruppe für dieses Buch angeht, so bin ich überfragt. Ich denke, es ist doch etwas für jüngere Menschen, die Frage dabei allerdings, wie jung. Auf Volljährigkeit würde ich plädieren, weil ich das Ignorieren von Verhütungsmitteln sowie ein wahllos anmutendes Sexualverhalten nicht unbedingt unproblematisch finde.

Sıla Sönmez
DAS GHETTO-SEX-TAGEBUCH
ANAIS Band 19
ISBN 978-3-89602-565-4
9,95 EUR (D) 


Kommentare:

  1. So korrekt der Gedanke an mangelnde Verhütung ist, er passt vielleicht einfach nicht ins literarische Konzept. Denn er würde den Gedanken, die ein oder andere "Abnorm" zu beschreiben, kontrastieren.

    Vielleicht kauf ich mir das Buch. Solche Bücher gefallen mir.

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  2. Mach Du mal, bin gespannt ob es Dir gefällt.

    Gut, es passt vielleicht nicht ins Konzept, wenn man sich ohnehin von einigen älteren Männern ins Gesicht spritzen lässt.

    Bei mir ist es in jedem Fall so: Wenn ich mir Kopfkino fahre, denke ich ehrlich gesagt auch recht wenig über Verhütung nach. Auch bei Comics ist es mir unwichtig - da achte ich aber auch nicht sonderlich auf eine umfangreiche Handlung. Das Medium ist einfach zweidimensionaler.

    Wenn ich allerdings ein Buch habe, in dem es nicht einfach nur ums Ficken geht, sondern die Protagonistin einen Charakter hat, den noch andere Dinge ausmachen, sie mehrdimensional wird, sie menschlich wird, so wird sie für mich eben auch ein Stück weit "realer" oder eben menschlicher, runder, greifbarer. Es wird für mich zu einem anderen Erlebnis, darüber zu lesen und es turnt mich dann richtig ab, wenn es zu in hohem Maße unsaferen Sex kommt. So wie ich auch regelmäßig traurig werde und bei Romanen heule, wenn jemand stirbt. Es greift einfach tiefer und ich mache mir in solchen Schilderungen einfach Gedanken darüber, ob die Protagonistin sich nicht AIDS oder anderes einfangen könnte.

    Zumal ich es wie im anderen Artikel beschrieben, eben auch problematisch finde, dass Gummis entweder eine Kampagne sind und wegen einer solchen thematisiert werden, oder man sie einfach wegschweigt.

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