Sonntag, 29. Mai 2011

"Nur" Knutschen!

Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit ein paar Freunden bei Bier nach dem Fußballschauen. (Was tut man nicht alles, um unter Menschen zu kommen?) Und zwar hatten sie sich darüber unterhalten, inwiefern Knutschen, auf einer Party, beim Weggehen, nicht impliziert, dass man mit einer Person auch Sex haben möchte. Diejenigen, die sich darüber unterhalten hatten, führten an, dass sie oft gehemmt seien, mit einer Person auf einer Party „rumzumachen“, wenn sie nicht wirklich auch absehen könnten, dass da zumindest an dem Abend auch mehr draus wird. Dem voran gehe eine unausgesprochene Erwartungshaltung, welcher sie sich ausgesetzt sehen.

Ich habe einen Augenblick lang darüber nachgedacht und mir wurde klar, dass ich es so ähnlich sehe. Auch ich habe das Gefühl, einer Person mit dem Knutschen ein Ticket für weitere sexuelle Aktivitäten zu stempeln. Gleichzeitig fällt mir auf, dass das eine überhaupt nicht erstrebenswerte Haltung ist. Wenn ich knutsche, knutsche ich. Allerdings ist das Knutschen oft auch die erste Stufe eines anregenden Eskalationsprozesses. Zunächst küsst man sich sanft, lernt die Lippen der anderen Person kennen, den Rhythmus, die Zunge, den Mund, die Intensität, man stellt sich aufeinander ein, findet einen gemeinsamen Rhythmus und ehe man sich versieht wandern auch schon die Hände über den Körper des/der anderen. Wenn es toll läuft, so kann man weiter machen. Wenn nicht, dann bricht man ab. Geht auf Toilette. Oder findet passende Worte.

Es kann aber auch sein, dass man einfach nicht weiter machen möchte. Aus welchen Gründen auch immer. So ist es doch schwierig, die passenden Worte zu finden, finde ich. Und vielleicht ist es auch nur eigene Feigheit, dass man sich der Situation gar nicht erst stellt und damit einem Knutschen und damit verbundener möglicher Diskussion, einem Abbruch und/oder Enttäuschung aus dem Weg geht.

Andere Freunde am gestrigen Abend sahen den Konflikt überhaupt nicht. Sie führten an, dass für manche Menschen Knutschen einfach auch etwas ganz anderes ist, als Sex. Also das eine gar nicht in das andere übergehen kann, für einige. Weil sie beispielsweise in einer Beziehung sind, in der Knutschen mit anderen ok ist. Alles was darüber hinaus geht jedoch nicht. Diese Menschen wären dann ja immer diesem Konflikt ausgesetzt. Vielleicht sind sie es auch. Ich weiß es nicht.

Aber mir fiel in diesem Zusammenhang auch noch etwas anders auf: „Erfolgreiche“ Abende werden meistens auch darin gemessen, ob man Sex mit einer Person hatte. Zumindest soweit „abgeschleppt“ hat, dass sich Sex daraus hätte entwickeln können. Manchmal werden solche Überlegungen ja auch von übermäßigem Alkoholkonsum torpediert. Seltener rühmt man sich damit, dass man wundervoll herum geknutscht hat.

Und wie schon gesagt: Häufig hält man sich schon mit dem Knutschen zurück, weil man damit kein implizites Versprechen geben möchte. Ich finde das traurig und denke, dass diese Einstellung zumindest bei mir auch ein kleines Umdenken einfordert. Ein Stichwort in diesem Zusammenhang ist nämlich folgendes: Erwartungshaltung.

Erwartungshaltung ist eine Einstellung, die häufig gar nicht bewusst in Erscheinung tritt. Sie ist verknüpft mit unseren Wünschen. Dem was wir Wollen, oder was unserem Bedürfnis entspricht. Wir möchten, dass eine andere Person sich dem entsprechend verhält. Eine Erwartungshaltung misst eine Person, bzw. deren Handeln also daran, inwiefern dieses auch unseren Bedürfnissen entspricht. Damit jedoch blenden wir aus, dass diese Person wiederum ihre eigenen Bedürfnisse hat, die ja gar nicht mit unseren korrespondieren müssen. Enttäuschung kann dann daraus resultieren, dass unsere Erwartungshaltungen nicht befriedigt werden. Dabei geht es uns aber auch nicht um die andere Person als solche, sondern als Bedürfniserfüllerin.

Wenn nun also jemand enttäuscht ist, weil wir es „nur“ beim Knutschen belassen wollen, so liegt dies daran, dass wir ihren Erwartungen nicht entsprechen, bzw. diese nicht erfüllen (wollen). Das Problem haben allerdings nicht wir, sondern die Person, die diese Ansprüche an uns stellt. Wer also aus Knutschen gleich auf Sex schließt, als logische Konsequenz quasi, der berücksichtigt nicht, dass Knutschen eben auch als eigenständige Handlung begriffen werden kann. Sowie auch alle „darauf folgende Stufen“, wenn man sie als solche bezeichnen mag, wobei auch dem wiederum eine Art der Wertung unterliegt, für sich alleine stehen können.

Es wird möglicherweise schwierig sein, wenn nicht sogar unmöglich, jemand anderes davon zu überzeugen, dass auch „nur“ Knutschen eine geile Angelegenheit sein kann, die nicht automatisch in genitale Aktivitäten mündet. Es ist allerdings möglich selber darüber zu reflektieren, ob man nicht selbst Knutschen lediglich als „Vor-Vorspiel“ betrachtet, welches wiederum ein Vorspiel nach sich zieht und den Hauptakt im Geschlechtsverkehr verkörpert sieht.

Kommentare:

  1. Echt? Nur Knutschen???
    Mmmm, nJaa!

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  2. danke für diese Gedanken.
    mehr knutschen ohne f.....!
    und
    mehr f...... ohne knutschen!

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  3. Schöne Artikel. Gut finde ich auch, dass du den moralischen Standpunkt der Erwartungshaltung hervorhebst. Hier liegt nämlich der Hund (oder eben der Wunsch nach Sex) begraben ;)!

    Die Frage ist doch, wie wir überhaupt herausfinden können, und das ohne dem Ganzen den Zauber zu nehmen, was sich der andere wünscht und im besten Fall mit unserer momentanen Stimmung einhergeht.

    Kompliziert. Ja und das ist auch das Schöne daran. Ich wage die These: Mit dem Kuss spinnt sich gleich das Netz der Lust!

    Beste Grüße

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  4. Knutschen schafft den Wunsch nach mehr und weckt die Erwartung bei den Männern, behaupte ich jetzt mal.
    Liegt es vielleicht daran, das Frauen generell die "Kommunikation" wichtiger ist und Männer "zielorientiert" sind?

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  5. Sehr schlau Herr Vogel,
    den Kommentar hätten sie sich auch sonst wo hinstecken können!

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  6. Ach, "Anonym" beschimpfen - das ist doch arm.

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  7. Wenn Knutschen zwingend eine Erwartung dann auch Sex zu haben implizierte, hätte ich wohl einige mir wichtige Menschen vor den Kopf gestoßen.

    Zumindest für mich kann Knutschen einfach auch Selbstzweck sein. Ein intimer Kuss kann schlicht Ausdruck einer (durchaus sinnlichen) Vertrautheit sein. Ein körperliches "Ich mag dich sehr gern". Oder ein spielerisches Sich-Nahe-Sein, oder ein schöner Abschied, oder ...
    Ich knutsche jedenfalls ab und zu mit einigen guten Freundinnen ohne weitere Absichten und hatte auch nicht den Eindruck, dass ihnen dann etwas gefehlt hätte.

    Natürlich gibt es auch Knutschen als Vorspiel, um die Lust zu wecken und geht dann in Sex über, aber das muss nicht zwangsläufig so sein.

    Es kommt also mal wieder darauf an, die eigenen Erwartungen zu erkennen und passend zu kommunizieren :)

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  8. In meinen Augen kann man das nicht so verallgemeinern! Entweder die Chemie stimmt oder nicht und in meinen Augen spielt das Alter einen entscheidenen Faktor. Auch wenn diese Altersbarriere immer weiter sinkt.

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  9. Nun ein wirklich guter Eintrag. Was mir dazu noch einfällt ist vielleicht das man, natürlich auf höfliche Weise, andeuten könnte, das man es gerne auf das knutschen belassen möchte.

    Gerade das knutschen an sich kann ja schon pure Erotik sein, ein erstes kennen lernen. Und wenn das Gegenüber genauso interessiert ist und gefühlsmäßig zumindest involviert, wird er/sie es verstehen. Wichtig ist da sicher Ehrlichkeit ohne verletzend zu sein. ( Ist ja nicht jedes Geknutsche gleich gut :) )

    Schöne Grüße

    House-Of-Mystery

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  10. "Küsst mehr!" http://www.zeitjung.de/MENSCHEN/artikel_detail,6865,K%C3%BCsst-mehr.html

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  11. In der Tat glaube ich auch, dass Knutschen oft ähnlich wie ein Versprechen wirkt oder interpretiert wird: wenn wir jetzt & hier rumknutschen, läuft da noch mehr.
    Das Problem ist meines Erachtens nicht, dass knutschen diese Hoffnung weckt (die entsteht ja auch über tausend andere Sachen & ist an sich etwas Schönes), kritisch sehe ich ebenfalls dass Hoffnung zu leicht in Erwartung überwechselt. Erwartung funktioniert nämlich Hand in Hand mit dem Gefühl, ein Anrecht auf etwas zu haben, und ein Anrecht auf Sex gibt es nicht.
    Gerade im Hinblick auf die Slutwalks, die vor wenigen Tagen in vielen deutschen Städten stattgefunden haben, finde ich es wichtig zu betonen, dass egal wie lange, intensiv, schön oder sexy geknutscht wird - wer danach Sex erwartet, keinen hat & wütend o.ä ist, ist im Unrecht.

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  12. Interessanters Gedankenspiel Nocturne. Vielleicht ist es wirklich ein Problem unserer Gesellschaft, das man zwischen Erfolg und Glück unterscheidet. Menschen können glücklich sein, aber trotzdem sind sie Materiel wenig Erfolgreich. Da man das Glück eines Menschen nicht mässen kann, begnügen sich die meisten eben damit, dass zu beurteilen, was sie mässen können.

    Gerade in der Sexualität ist dies wohl ein wichtiger Punkt, der aber auch bei vielen zum Frust führt. Ein Höhepunkt muss eben nicht immer im Sexuellen Orgasmus liegen. Manchmal ist es auch einfach nur ein Gespräch mit einem wertvollen Menschen.

    lg
    Krystan

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  13. Ich finde knutschen ja eigentlich noch viel intimer als f***en (darf man das hier schreiben?). Liegt das daran, dass ich eine Frau bin?

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  14. @Jennifer: Wenn Du es schreiben möchtest, kannst Du das ruhig schreiben. :-)

    Dass Du Küssen intimer findest, als Ficken, ist eine sehr subjektive Einschätzung und wenn Du Dich damit näher auseinander setzt wirst Du bestimmt auch konkreter fassen können, was genau Du da intimer findest.

    Ich für meinen Teil denke nicht, dass es etwas damit zu tun hast, dass Du eine Frau bist. Ich bin auch eine Frau und halte es da eher andersrum. ;-) Es gibt bestimmt auch Männer, die Küssen intimer finden.

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  15. Ich finde "Knutschen" auch sehr intim, vor allem, weil ich finde, so wie ein Mann die küsst, ob zärtlich, hektisch oder oder oder, das sagt eine Menge über die Person aus. Und ihr wisst doch, wahre Männer nehmen unser Gesicht zwischen beide Hände wenn sie uns küssen ;)

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  16. Auch ein toller Eintrag. Dieses "Balzverhalten", in dem alles allgemein geregelt sein soll, ist oft mehr Einschränkung als Hilfe. Gerade wenn du schreibst: "Häufig hält man sich schon mit dem Knutschen zurück, weil man damit kein implizites Versprechen geben möchte." Der allgemeine Anspruch, über bestimmte Handlungsweisen "zum Ziel" zu kommen, immer auf die gleiche Weise und dem gleichen Weg bei allen Menschen, verliert den_die Gegenüber als Subjekt völlig aus den Augen und degradiert ihn_sie zum beliebigen Objekt, dem gegenüber man sich verhalten könne wie man es allen anderen gegenüber auch tut. Die Beziehung zueinander, die in diesem Moment aufgebaut wird, verliert dabei alles Individuelle. Für eine gute Antwort darauf halte ich das Zustimmungskonzept, das ja explizit die Möglichkeit verschiedener Bedürfnisse einschließt. Dass ein Flirt oder das, was man dafür hält, also noch keine Einladung ist, den anderen plötzlich zu küssen. Und dass ein Kuss nicht automatisch heißt, dass man dem anderen Menschen unters T-Shirt greifen darf. Und dass ein Mensch nicht zwangsläufig mit einem anderen schlafen will, nur weil er ihn mit nach Hause genommen hat. Diese ganzen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten wären aufgebrochen, würde man offen über Bedürfnisse sprechen bzw. anderen explizit den Raum geben, dies zu tun, indem man nachfragt.

    lieben Gruß,
    p.

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  17. Huhu,
    Bin gerade auf deinen Blog gestoßen und lese mich so durch. Auch wenn dieser Artikel schon älter ist möchte ich anmerken was mir aufgefallen ist. Vielleicht ist das in anderen Artikeln auch so aber hier sprang es mir ins Auge: die Verwendung von "man". Ich finde dieses Wort schwierig da so nicht deutlich wird auf wen du dich beziehen möchtest-deine Bezugsgruppe, Menschen in deiner Partyszene,Dich, Alle (den das wird eigentlich impliziert-trifft aber nicht zu da ich in manchen Dingen gar nicht der Aufassung bin die "man" in deinem Text ist:)) ??
    Ansonsten: sehr interessant zu lesen,
    liebe grüße :-)

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