Montag, 26. September 2011

Die Macht der Worte

Über Worte entfacht sich der Großteil unserer zwischenmenschlichen Interaktionen. Wir reden viel, wenn der Tag lang ist. Über alles mögliche. Oft sind Worte leere Hülsen, Floskeln. "Hallo, wie gehts?" zum Beispiel. Oft verschleiern sie Tatsachen, sie werden verwendet, um zu verletzen, oder um Verletzungen vorzubeugen.

Es gibt aber auch einen Umgang mit Worten, der so alltäglich nicht ist. Und für viele Menschen auch eine Hemmschwelle darstellt. In vielerlei Hinsicht.

Das Sprechen im Bett. Das Bitten um sexuelle Handlungen, die an einem Vollzogen werden sollen. Gerade das Spielen mit den Worten in diesem Zusammenhang kann jedoch einen besonderen Reiz haben und das Spektrum der sexuellen Spielweisen erweitern. Im Allgemeinen wird das wohl unter dem doofen Namen "Dirty Talk" zusammen gefasst. Ich für meinen Teil finde diese Bezeichnung zumindest eher abschreckend, als anziehend. Liegt aber vorallem an der deutschen Aussprache ("döaty tok"), glaube ich.

Mir ist aufgefallen, dass beim Sex Worte oft keinen Platz haben, dass eben eher körperlich getan wird, Hände in Positionen gerückt werden und eine Art "Stöhn-Skala" aufzeigt, ob das was da so passiert, auch das richtige ist. Wenn man diese Skala gut zu deuten weiß.

Dabei kann das Spielen mit Worten auch eine eigene Dynamik entwickeln, die ich vor allem auch im SM-Bereich zu schätzen weiß. In der Hinsicht, dass man als passiver Part zum Beispiel darum bitten "muss", dass etwas an ihm getan wird. Dass man als aktiver Part den passiven dazu auffordert, klar und deutlich zu vormulieren, was der denn möchte. Das ist in vielerlei Hinsicht schwierig und gleichzeitig so unglaublich reizvoll.

Einerseits leben wir in einer Gesellschaft, die eher darauf ausrichtet im persönlichen Miteinander, es anderen Recht zu machen. Anderen gut zu tun. Gerade als submissiver Part wird das auch etwas sein, was uns in der Hinsicht wohl auch auszeichnet. Um etwas zu bitten, was uns selbst gut tut ist schwierig, weil wir den Fokus nicht auf die eigenen Bedürfnisse setzen und oft auch in Frage stellen, ob wir das, was wir wollen, eigentlich verdienen oder das Recht haben, darauf Aufmerksam zu machen.

Schwierig ist es zudem auch gerade im sexuellen Bereich, weil der Umgang mit Worten hier nichts alltägliches ist. Vieles läuft "normal" nonverbal ab. Es kostet Überwindung und ist mit Scham verbunden über die triebhaften Dinge, das, was uns geil macht zu reden. Oder darüber, wie wir jetzt, in diesem Moment, sexuelle Erfüllung erlangen können. Worte zu verwenden, die im gesellschaftlichen Kontext etwas schmutziges, versautes, verruchtes an sich haben.

Die Barriere, die mit dem Gebrauch dieses Sprachwortschatzes verbunden ist, überwindet man oft nicht von sich heraus. Und viele Worte, die in bestimmten Situationen hätten gesprochen werden können, verhallen im Nichts. Zwang allerdings, sorgt dafür, dass wir es ja machen müssen und kann damit die Hürde aus Scham oder Angst senken und dazu führen, dass wir aussprechen, was wir brauchen, was wir wollen.

Ich denke, gerade die damit verbundene Scham macht dieses Spiel für die Beteiligten auch so reizvoll. Zu sehen, wie der Partner mit sich ringt, die Worte aussprechen möchte. Sich nicht traut. Rot anläuft. Im Gesicht, am Hals, an den Ohren. Anfängt zu stammeln. Einen ersten Versuch wagt. Inne hält. Sich sammelt. Die Worte leise ausspricht... Es setzt ein Adrenalinstoß ein, gefolgt von einer ersten Erleichterung. Zunichte gemacht mit der Mahnung, doch bitte etwas lauter zu sprechen, die Bitte sei gar nicht angekommen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Katze immer gewinnt. Die Maus letzten Endes aber auch. Sie hat sich ihrer Scham, ihrer Angst gestellt und hat es geschafft die Barriere zu überwinden.

Dieses Spiel lässt sich beliebig oft durchleben, es setzt viele Freiheiten frei in der Person, die sich der Überwindung stellt. Und auch wenn es im Umgang mit Freunden kein Problem ist, über Sex zu sprechen, kann es in der Situation, in der man aufgefordert wird eine explizit sexualisierte Bitte auszusprechen immer noch schwer sein, dem nach zu kommen und gleichzeitig wunderschön, wenn man der damit zusammen hängenden Spannung ausgesetzt ist. Die Erfahrung zu machen, "schmutzige" Bitten auszusprechen und dafür anerkannt zu werden, dass man sich überwinden konnte.

Kommentare:

  1. Ich mag dieses "erzwungene" Sprechen. Den Moment der Überwindung davor, die Erleichterung danach verbunden mit nervösem Gekicher und das kleine Portiönchen Stolz, es gewagt zu haben.

    Schön geschrieben, Mademoiselle!

    AntwortenLöschen
  2. Jonas, ich kann dir da nur voll zustimmen :-D

    AntwortenLöschen
  3. Spannendes Thema!Gut geschrieben und jederzeit Wert, unter die Lupe genommen zu werden...
    Ich finde auch,dass über Sprachstil,Stimme und vor allem Interpunktion erotische Spannung multipliziert werden kann.
    Dirty Talk oder wie auch immer dieses schmutzige Kind heisst ist grossartig!!!Man kommuniziert Dinge,die einen zutiefst beschämen und doch gleichzeitig kicken,da sie möglicherweise persönliche Tabus brechen oder Sehnsüchte entlarven -)

    AntwortenLöschen
  4. @Sanssouci: "Man kommuniziert Dinge,die einen zutiefst beschämen und doch gleichzeitig kicken,da sie möglicherweise persönliche Tabus brechen oder Sehnsüchte entlarven -) "

    Damit hast Du es sehr schön auf den Punkt gebracht, finde ich. :-)

    @all: Freut mich, dass Euch das Thema und die Bearbeitung dieses zusagt. :-)

    AntwortenLöschen
  5. Ich entdecke das gerade anders herum, die Macht der Ankündigung. Auch da kann ich meine Partner_innen sich winden lassen bzw. Scham induzieren, aber eben auch Dominanz ausüben: ich werde jetzt das und das tun, und du hast keine Wahl.

    AntwortenLöschen
  6. Ich finde auch den Kontrast spannend zwischen dem, was man sagt und dem, was man denkt. Da besteht häufig eine gewisse Diskrepanz,denn es ist manchmal enorm schwer die Dinge, die einem im Kopf herumspuken auch in adäquate Worte zu fassen. Das mündet in der Sequenz:"Ich weiß,was ich sagen will, nur nicht wie ich es am besten vermitteln kann..."
    Mißverständnisse bleiben dabei nicht aus, aber auch das kann stimulierend und anregend wirken und manch einer dürfte überrascht sein, wohin seine eigene Gedankenwelt letztendlich führt.

    Lieben Gruß von

    naughty belinda

    AntwortenLöschen