Mittwoch, 28. September 2011

Rezension: "Spieler für immer" - Cornelia Jönsson

Seitdem es von Harry Potter keine neuen  Abenteuer zu erwarten gibt, gibt es auch nur noch wenige Neuerscheinungen, auf die ich mich sehnsüchtig freue. Zu diesen Raritäten gehört allerdings Cornelia Jönssons neuster Roman "Spieler für immer", der auch den Abschluss der "Spieler"-Triologie darstellt. Im Folgenden möchte ich gerne meine Eindrucke zu diesem Roman und zur gesamten Reihe wiedergeben.

Spieler für immer

Inhalt: 

"In einer Berliner Dachgeschoss-WG wohnen in trauter Viersamkeit Pauline, Franzi, Mo und Marius. Pauline lässt sich treiben, Franzu etabliert Orte der Lust im urbanen Raum. Mo und Marius kümmern sich um Gestrauchelte. 
Keine sadomasochistische Spielwiese ist vor den vieren sicher und Polyamorie ist wunderbar, solange alle mitspielen. Doch eine fünfte bringt das amouröse Netz zum Zerreißen und eine sechste will auch Liebe, wo bisher nur Leidenschaft war. So werden Spielräume erweitert, bis am Ende alles ganz anders ist."

Der Einstieg ins Buch war etwas schwierig. Wie immer, wenn zwischen dem Lesen des Vorgängerromans und dem aktuellen eine gewisse Zeit liegt. Da denkt man glatt drüber nach, den Vorgänger ersteinmal anzulesen, um wieder in Stimmung zu kommen. Verschwert wurde der Einstieg für mich allerdings auch, weil Cornelia Jönsson im dritten Teil was die erzählerischen Stilmittel angeht noch eine Spur experimenteller wird. Sich auf die Perspektive des Geschehens beobachtender Rotkehlchen einzulassen kenne ich noch von Theaterstücken. War allerdings im Bezug auf das Lesen etwas irritierend.


Dennoch tun die Rotkehlchen und Katzen der Handlung keinen Abbruch. Sie tauchen zu Beginn neuer Kapitel und Abschnitte auf, darauf konnte ich mich einlassen. Die Handlung hat mich mal wieder vollkommen mitgerissen. Die Höhen und Tiefen der Charaktere mit zu erleben. Die Handlung an sich, ist wie schon in den Vorgängern streng genommen nicht sonderlich üppig. Geschildert werden die Träume und Ängste, die Leben von Berlinern, die SM leben und lieben, ihre Beziehungen wahlweise offen gestalten, wahlweise deren Sinn in absoluter Selbstaufgabe und Hörigkeit erfüllt sehen. Die mit Geschlechtergrenzen koquettieren oder sie gleich sprengen wollen. Oder für die sie keine größere Bedeutung haben.

Eine große Stärke des Buches, wie auch der gesamten "Spieler"-Triologie sehe ich in der Darlegung der Gedanken- und Gefühlswelten der ProtagonistInnen. Es wird möglich, sich in jeden Charakter hinein zu versetzen. Sie sind dreidimensional. Sie sind unglaublich menschlich. Keine blassen Heroinen, die viel können, die kennen zu lernen beim Lesen aber garnicht  möglich ist, weil der Autor deren Innenleben nur oberflächlich Preis gibt.

Vor allem in Bezug auf die Gedankenwelten leistet Cornelia Jönsson Großes. So schafft sie es jedes mal aufs neue, philosophische Herangehensweisen, Sichtweisen auf SM, auf Polyamorie, auf Geschlechtergrenzen in das Erleben und Erfahren der ProtagonistInnen einzupflechten. Was daraus entsteht ist etwas, was für mich zumindest über den einfachen aber sehr entspannenden Genuss eines Romans hinaus geht. Ich werde zum Nachdenken angeregt. Ich erkenne eigene Sichtweisen in den Gedanken der Handelnden wieder. Ich lerne Perspektiven kennen, die ich vorher noch nicht eingenommen habe, die mir allerdings nachvollziehbar erscheinen. Kurzum: Ich nehme etwas mit. Und für einen "Erotik-Roman" ist das ja schon eine Menge.

Von meinem Standpunkt aus spielt die Autorin auch mit den Wünschen und Sehnsüchten der LeserInnen. Die Räume, die Partys, die Menschen sind zumindest das, was ich mir so oft von einer intakten, poly, kinky und queeren Szene erhofft habe. Sie schafft Schutzräume und Traumlandschaften, die zum Verweilen und zum Schwelgen einladen und in ihrer Offenheit und Wärme schon auch über das hinaus gehen, was die SM-Szene im Allgemeinen zu bieten hat. 

Etwas kitschig und konstruiert allerdings fand ich das Ende des Buches, wenngleich es meinem Harmonie-Bedürfnis doch sehr entgegen kam. Doch möchte ich dazu nicht zu viel verraten. 

Fazit

Alles in allem kann ich "Spieler für immer" nur wärmstens empfehlen. Irritierend fand ich diese Tier-Perspektiven, die letzten Endes doch etwas von Theater haben, aber das tut dem weiteren Lesefluss und -genuss sowie der Handlung keinen Abbruch. Das Buch reflektiert sehr stark Vorzüge aber auch Nachteile von Sadomasochismus und Polyamorie. Es lässt Geschlechtergrenzen nicht so stehen, unkommentiert, sondern spielt mit ihnen. Beziehungsgepflechte in diesem Buch sind geschlechterumfassend. Der Fokus steht nicht auf einem konkreten Handlungsstrang sondern auf den ProtagonistInnen, ihrer Gedanken- und Gefühlswelt sowie ihrer Beziehungsgepflechte.

Ein sehr intelligentes Buch, welches zum Nachdenken anregt, die Phantasie anregt, Lust in den Mittelpunkt des Lebens rückt, ohne dass andere Aspekte des Lebens verblassen.

Cornelia Jönsson
Spieler für immer
ANAIS Band 20
ISBN: 3896025686
9,95 € (D)

Kommentare:

  1. nach der Rezension, muss ich das glatt bestellen :-)

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  2. ...gut geschrieben,meine Liebe -)
    Eigentlich ging es etwas an mir vorbei-aber nach deiner Rezension bekomm ich doch Lust,mal reinzuschauen!

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  3. Also,

    »intakten, poly, kinky und queeren Szene«

    klingt ja super! Da bin ich schon neugierig...

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