Dienstag, 26. Juni 2012

Rezension: "Make Love. Ein Aufklärungsbuch"

Ihr erinnert Euch wahrscheinlich noch an die Zeit, in der sich hinter den drei Buchstaben S, E und X ein ganzes, großes Mysterium verbarg. Wahrscheinlich waren Pornos damals noch nicht so verfügbar, wie heute, die Informationsbeschaffung mangels Internet schwerer. Doch die Fragen, sind die selben geblieben. 

Der Inhalt


So widmen sich die auf Paar- und Sexualtherapie spezialisierte Psychotherapeutin Ann-Marlene Henning und  die Kulturwissenschaftlerin und freie Journalistin Tina Bremer-Olszewski in ihrem Aufklärungsbuch "Make Love" der gesamten Vielfalt des sexuellen Erlebens und Erfahrens auf einer sehr liberalen Art und Weise. Sie vertreten dabei die These, dass sexuelle Erregung zwar angeboren ist, die Fähigkeit zum Genuss von Lust allerdings erst erlernt werden muss. Und an diesem Punkt gelingt es den Autorinnen sehr gut, die nützlichen und interessanten Informationen bereit zu stellen, die für Newbies in Bezug auf Sex relevant sind: Von der Selbstbefriedigung über Hormone, Anatomie, Verhütung, Petting, das erste Mal, Oral-, und Analsex, Körperempfinden und sexuelle Identität, Pornographie sowie auch die Schattenseiten der Sexualität werden alle Bereiche abgedeckt und mit wirklich viel fundierten Informationen unterfüttert. So fehlen keine Statistiken zur Körperrasur oder dem Durchschnittsalter beim ersten Mal, und im Anhang findet sich auch eine sehr ausführliche Liste mit weiterführenden Links und Literatur.

Schöne Bilder

Sehr schön ausgestattet ist das Buch auch mit Bildern der aus Korea stammenden Photographin Heji Shin von jungen, echten Paaren, die miteinander intime Momente genießen und nicht nur ein ästhetischen Genuss sind, sondern in ihrer Authentizität auch einen  Kontrast zu den Sexualitäts- und Körperdarstellungen in der Pornographie, mit der die Jugendlichen heute wahrscheinlich eher konfrontiert sind, wenn es um die bildliche Vermittlung von Sex geht, bilden.

Etwas zu anspruchsvoller Schreibstil, zu nüchternes Layout


Ich glaube, es fällt mir mittlerweile schwer, mich in mich als Jugendliche hinein zu versetzen, aber ich habe dies beim Lesen von "Make Love" versucht und muss nach diesem Experiment doch in jedem Fall die optische Darstellung, also das Layout des Buches kritisieren: In meinen Augen ist der Anteil an Fließtext viel zu hoch, die Untergliederung in Absätze, Abschnitte mit Zwischentiteln zu klein. Ich, die ich gerne lese, habe da jetzt zwar kein Problem mit, aber die Eye-Catcher fehlen mir größtenteils. Das Buch wirkt im Layout sehr modern, sehr steril, was mich als Jugendliche allerdings wohl eher nicht angesprochen hätte, weil der Fließtext mich nicht fängt, mit provokanten Verheißungen, kurzen und kompakten Basikinformationen, sondern ich mich durch schätzungsweise "Times New Roman" 12 Punkt Schrift durchlesen muss.
Im Inhaltsverzeichnis liest man zudem zwar abstrakte, gut klingende Kapitelüberschriften wie "Finde dich - die sexuelle Identität", was da aber so alles drunter fällt bleibt schleierhaft. 

Auch der Stil des Buches spricht schlichtweg die kleine Bildungsbürgerin in mir an. Die Sprache ist zwar gut, wirkt zum Glück auch nicht krampfhaft  auf das jugendliche Publikum abgestimmt, die Formulierungen, der Satzbau, lassen mich als potenzielle Zielgruppe allerdings ausschließlich an Mädchen und Jungs in der gymnasialen Oberstufe denken, was ich etwas schade finde.

Keine Kondome

Schade finde ich auch, dass bei den Bildern Kondome komplett fehlen oder zumindest komplett nicht sichtbar sind. Das ist eine Feinheit, die ich gerne kritisiere, weil ich es sehr schade finde, dass Kondome doch noch nicht in der Normalität angekommen sind und sich das immer wieder dadurch zeigt, dass sie in Darstellungen intimer Momente stiefmütterlich behandelt werden. 

Fazit:

Sehr gut aufbereiteter Inhalt, der die ersten aber auch die folgenden Schritte des sexuellen Erkundens der Welt wirklich super begleiten kann, weil er nicht moralinsauer, sondern sehr offen und einfühlsam transportiert wird und die für Jugendliche relevanten Fragen und Themen behandelt, auf die Wichtigkeit der Kommunikation beim Sex, eingeht. 
Leider wird dieser tolle Inhalt durch das Layout zu kompakt und auch durch die Sprache etwas zu kompliziert gehalten und ist damit eher was für Leseratten.

Äußerst positiv hervorheben möchte ich allerdings, dass dieses Buch gleichermaßen hetero-, homo-, und bisexuelle Jugendliche anspricht und unter diesem Aspekt wie auch durch die Breite der Themen viele andere Aufklärungsbücher in den Schatten stellt.

Make Love
Ein Aufklärungsbuch
Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski
256 Seiten

Euro 22, 95 €

ISBN 978-3-95403-002-6


Kommentare:

  1. Klingt auf jeden Fall interessant, auch wenn der eigene Nachwuchs noch n bisschen Zeit hat...

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  2. Allein schon beim lesen, wird einem klar, dass es so schöne Dinge im Leben gibt, da muß man nicht immer nur an arbeiten denken..;)Schön geschrieben, ein dickes Komliment!! LG Petra

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  3. Also, ich habe das Buch gelesen und fand es interessant, allerdings sind mir als Homo keine besonderen Textstellen zum Thema aufgefallen.
    Mein Vater und seine Freunde hatten sehr viel Spaß mit dem Buch und haben sich sehr darüber amüsiert, ich fand die Sprache zwar ansprechend aber oft ein wenig zu "hart".
    Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich ein eher romantisch eingestellter Mensch bin und mich die Begriffe "hart wichsen" und wiederholtes "Fick mich!" Geschreie nervt.
    Als Aufklärungsbuch ist "Make Love" meiner Meinung nach nicht geeignet, da ein wenig Vorwissen vorhanden sein muss, allerdings kann man seinen Horizont gut erweitern.
    Am lustigsten fand ich allerdings die Gespräche, die über dieses Buch entstanden sind, wenn Anekdoten erzählt wurden war das schon oft viel interessanter und aufschlussreicher als "make Love".

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