Sonntag, 29. Juli 2012

Penis, Nacktheit und Porno

Interessantes am Sonntag: Der Zeit-Artikel über Penisse, bzw. das Verstecken eben dieser. Es geht im Großen und Ganzen darum, dass der Penis in unserer Gesellschaft ziemlich unsichtbar ist. Also abgesehen vom Porno. Währen die Darstellung von Frauenkörper im Akt "normal" sei, ist die Darstellung komplett nackter Männer dies nicht. Frauenzeitschriften schmückten ihre Seiten nicht mit gepflegten Männerakten, ein Penis im Spielfilm sorgt für mehr Aufsehen, als eine nackte Frau. Lediglich die Schwulenszene habe den Penis als ästhetisches Moment in Kunst und Kultur etabliert.


Die Bedrohlichkeit des Penis und Männer von Format


Der Penis also. Tatsächlich. Ein wenig Sagen umwoben fand ich ihn auch. Damals, als ich begann mich für die Körper zu interessieren. In meinem Aufklärungsbuch stand drin, der Penis könne im erregten Zustand vielleicht etwas bedrohlich auf mich wirken, ich solle aber keine Angst haben. Das habe ich mir gemerkt. Das mit der Bedrohlichkeit. In der Tat: Der Penis war mir lange nicht geheuer. Natürlich habe ich in der Zwischenzeit begriffen, dass er nicht gefährlich ist. Aber diese Formulierung alleine schon, die hat sich einfach eingebrannt. Ich frage mich ehrlich gesagt auch, welche PädagogInnen da nochmal über den Text geschaut haben. Den Penis nämlich mit Bedrohlichkeit in einem Satz zu erwähnen, dies jungfräulichen, pubertierenden Mädchen gegenüber, ist ja schon etwas kontraproduktiv für einen angstfreien, stressfreien Umgang zwischen den Geschlechtern.

Wenn wir irgendwann anfangen Pornos zu sehen, werden wir sehr, sehr viele Penisse sehen. Wobei in Pornos tatsächlich die reinste Monokultur herrscht. Nein, ich wüsste keinen Darsteller, den ich anhand seines Penis erkennen würde. Länge, Umfang, Neigungswinkel sind meist ziemlich gleich. Dildos sind dem nachempfunden. Rocco Siffredis und Manuel Ferraras, Männer von Format, setzen die Standards, geben das Ideal vom großen Schwanz weiter. Klar, wenn Erektionen von Pornodarstellern als Vergleichsmaßstab dienen, weitaus öfter gesehen werden, als diejenigen echter Männer, so ist es ein Leichtes, den eigenen Penis, den Penis des Partners, der Jungs in der Dusche, in der Sauna, klein zu finden. 


Ein Penis soll groß sein. Zumindest im erigierten Zustand. Mehr Penis = mehr Männlichkeit. Mehr Brüste = mehr Weiblichkeit. Eine Rechnung, die für beide Geschlechter hinsichtlich ihrer auffälligsten Geschlechtsmerkmale aufzugehen scheint. 


Die Reduktion des Mannes auf seinen Penis


Aber ehrlich gesagt fällt mir gerade auch in Hinblick auf den Artikel aus der Zeit auf, dass der Mann hierbei tatsächlich auch wieder auf seinen Penis reduziert wird. Wie es in Pornos der Fall ist, wie es in gängigen Sextips seitens Frauenzeitschriften der Fall ist, in denen es meistens um die direkte Stimulation des Penis geht. Moniert wird das Nicht-Zeigen des Penis. Dass keine Hoden gezeigt werden ist offenbar nicht so schlimm. Zudem: Vulven werden so oft tatsächlich auch nicht gezeigt. Und wenn: Sobald innere Schamlippen sich durch den "Schlitz" der Äußeren in die Sichtbarkeit drängen, sobald sich die Klitoris ihren Weg ins Blickfeld bahnt, müssen die Bildbearbeiter eine digitale Beschneidung via Retusche vornehmen, damit die Bilder nicht FSK 18 gerated werden. Meistens sehen aber auch die Vulven alle gleich aus. Vielleicht wegen der Retusche - die aber auch erst seit der Intimrasur in dem Umfang nötig ist. Denn vorher hat schützendes Schamhaar -lippen und Klitoris verdeckt. Doch Schamhaar gibt es ja nicht mehr.

Zurück zum Penis. Wird er tatsächlich zu wenig gezeigt? Geht es überhaupt um den Penis an und für sich? Ich finde nicht. Die Reduktion auf den Penis ist genau so scheiße, wie die auf Brüste. Ich will nicht mehr oder weniger Brüste sehen. Es sollen nicht mehr Penisse gezeigt werden. Was im Vordergrund stehen müsste sind einfach komplette Menschen. Was der Zeitartikel nämlich ebenfalls nicht berücksichtigt ist, dass die öffentlichen Darstellungen nackter Frauen sich zumeist auf Frauen beziehen, die gewissen, gängigen Idealen entsprechen. Wahrscheinlich würden auch die Männer, die komplett nackt dargestellt werden, gewissen Idealen entsprechen. Hinsichtlich ihres Körperumfangs, ihres Körperhaars, der Optik des Penis im nicht erigierten Zustand. Obwohl: Männer können jenseits des Ideals noch mit Charakter trumpfen. 

Der Artikel der Zeit geht auch darauf ein, dass scheinbar seitens der Frauen recht großes Desinteresse am Penis besteht. Also zumindest auf den Penis anderer Männer als dem eigenen Partner bezogen. Gut, wenn ich den Penis rein auf funktionellen Gründen betrachten mag, habe ich auch keinen Vorteil davon, mich mit anderen Penissen auseinander zu setzen, außer denen, mit denen ich Sex habe. Auch hier wieder: Reduktion auf das Geschlechtsorgan. Interessant finde ich Akte, weil sie einen Menschen an sich darstellen. In seiner körperlichen Ganzheitlichkeit. Es ist nicht primär das Geschlechtsorgan, was mein Interesse weckt. Wobei dieses einen Blick natürlich auch Wert sein kann. Weil es dazu gehört, zum Menschen. Weil es Ästhetisch sein kann. Wobei für mich der Reiz eines Penis tatsächlich nicht in der reinen Betrachtung liegt. Es ist viel mehr der Kontext, in dem ich ihn sehe. Kopfkino, das angesprochen wird, Stimmungen, die durch Bilder generiert werden. Nicht das pure Fleisch. Und da denke ich nicht, dass dies ein geschlechtsspezifisches Phänomen ist.


Die Darstellung des Penis und die Bewertung der Männlichkeit


Öffentliche Darstellung setzt Menschen Bewertungen aus. Huldigungen funktionieren doch nur durch Abgrenzungen zum Gewöhnlichen oder gar zum Hässlichen. Frauenkörper, ihre sekundäre Geschlechtsorgane werden schon lange bewertet. Immer und immer wieder. Ein komplett nackter Mann wird auch bewertet. Nicht zuletzt ob seiner Männlichkeit. Fast schon zynisch finde ich es, Männern als Nachteil auszulegen, dass sie dieser Wertung in dem Ausmaß nicht unterzogen werden, da sie sich nicht komplett nackt zeigen, bzw. nicht nackt gezeigt werden. Frauen sind es ja immerhin schon gewohnt. Und es sind ja nur die Brüste, die in Proportion zum Rest des Körpers stimmen müssen. Beim Mann hingegen, hängt doch alles, worauf es ankommt, was ihn ausmacht, ihn zum richtigen Mann macht, zwischen den Beinen. Gemein, wenn man dann auch noch ohne Erektion gemessen wird.

Wenn der Penis jedoch einfach nur ein Körperteil wäre... Ohne dass in ihn so viel rein interpretiert würde, ohne an seine Größe, seine Funktionstüchtigkeit, seine Leistungskraft das Konstrukt der Männlichkeit festzumachen, könnte ich mir die Darstellung nackter Männerkörper einfacher vorstellen. Für alle Beteiligten. 

Zur Feier des Tages habe ich einen Penis gezeichnet. Fehler in den Proportionen sind nicht dessen geschuldet, dass ich einen großen Penis malen wollte, sondern einfach nicht gut zeichnen kann und das mit den Proportionen nicht so gut drauf habe. Ich wollte einfach mal einen Penis zeichnen. Einfach so. Das habe ich noch nie zuvor gemacht. Die Proportionen habe ich ein wenig angepasst. Das Zeichnen hat Spaß gemacht. Das Original hänge ich mir an die Pinnwand. 

Kommentare:

  1. Ideal: Ist das Ideal im Porno größer als der Durchschnitt, so ist es in der öffentlichen Darstellung oft kleiner als der Durchschnitt. Das beginnt schon beim David von Michelangelo. Oder ist es nur in den Ateliers immer so kalt? :-)

    Im Porno hat ein großer Penis auch praktische Vorteile: bestimmte - vor allem für die Darstellung und nicht unbedingt für ein gutes Gefühl - relevante Stellungen lassen sich leichter durchführen.

    Häufigkeit: Sogar in FKK-Zeitschriften sind Frauen öfter komplett frontal zu sehen. Bei Männern ist oft irgendetwas davor. Sei es der angewinkelte Fuß, sei es die Hand, sei es der Tisch, die Flasche, oder andere Gegenstände. Wie der Fußball in der Cosmopolitan. Oder es ist weggedreht.

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  2. Das war mein erster Artikel den ich über Penisse gelesen habe und ich muss sagen er war wirklich unterhaltsam. ;)
    Vielleicht ist es wirklich langsam an der Zeit den Penis mehr ins Rampenlicht zu stellen.

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  3. Da sehe ich eine klare Benachteiligung der Männer. Männer finden aber noch einen Trost bei GogoMil.
    http://www.gogomil.com

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  4. "Ein Penis soll groß sein. Zumindest im erigierten Zustand. Mehr Penis = mehr Männlichkeit. Mehr Brüste = mehr Weiblichkeit. Eine Rechnung, die für beide Geschlechter hinsichtlich ihrer auffälligsten Geschlechtsmerkmale aufzugehen scheint. "

    Das hat schon was...

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  5. ich fotografiere und zeige der welt schon seid jahren meinen penis, und dabei gebe ich mir mühe das schöne organ in szene zu setzen.
    ich distanziere mich von den schlecht gemachten "schwanzfotos" die es leider zu hauf gibt, und in erster linie dem besitzer des penis als sexuellen hintergrund dient.
    bei mir ist es nur bedingt sexuell, ich will ihn einfach gut aussehen lassen und sein schlechtes ansehen (wie hier gut erläutert) in der gesselschaft entgegen wirken...

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  6. lächelt... interessanter und unterhaltsamer Vortrag.
    ein Penis allein macht noch keinen Mann....
    ich mag eher die Ganz Körper Darstellungen.. aber dann bitte auch mit PENIS

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  7. Richtig gut geschrieben! Sowohl Feigenblatt als auch der Blog haben mich überzeugt, hab dich mal in meine Linkliste mitgenommen :)

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  8. Genial geschrieben. Das macht direkt Lust auf mehr. Da ich mich auch gerne zeige, bin ich schon am überlegen eine eigene sex DVD zu produzieren. Da heisst es aber vorsichtig sein. In meinem Spiesserdorf würde eine Welt zusammenbrechen

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