Freitag, 13. Juli 2012

Von Tuten und Blasen keine Ahnung

... hat offenbar der "spiegel online"-Journalist Daniel Haas.

Tatsächlich, ich bin etwas verstört und leicht verärgert über den Unfug, den dieser in Bezug auf SM auf Spiegel online unter dem Titel "Passt das Hundegeschirr auch meiner Frau?", verzapft. Das ganze trägt dann zwar noch die Überschrift "Satire zum SM-Buch 'Shades of Grey'", doch kann ich Sätzen wie diesen nur wenig Satire entnehmen:

"Ich komme also an der Themenwelt Hunde von Tchibo vorbei, mein Blick fällt auf die genoppte Beißschiene in mysteriösem Taubenblau. Und schon stellen sich verstörende Fragen ein: Wäre das ein passendes SM-Utensil für meine Frau? Gibt es bei diesen Knebeln und Schienen verschiedene Größen, so wie es verschiedene Zahnspangengrößen gibt? Was ist eigentlich mit der Zahnspange? Hat die jetzt auch ihre Unschuld verloren?"
Wahrscheinlich bin ich zu humorlos. Vielleicht missinterpretiere ich ja auch die witzige Wirkung der Pseudo- Verklemmtheit. Oder ich bin zu naiv davon ausgegangen zu sein, dass man mit SM-Romanen heutzutage niemanden mehr schockt. Dass da heute kein Hahn mehr nach kräht.

Daniel Haas tut allerdings ziemlich verstört. 

"Wer eine progressive, aufgeklärte Sexbeziehung führen will, der muss jetzt, dank "Shades of Grey", sadomasochistische Spiele lernen. Es genügt nicht mehr, nach Hause zu kommen mit ein paar Blumen: "Sorry, Schatz, ich weiß, ist spät geworden, aber hey, mach doch mal nette Musik an und ein paar Kerzen, dann schauen wir weiter."

Den Dreh, von einem Buch, was derzeit große Beachtung findet und Sex beinhaltet, der vom als "normal" angesehenen Sex abweicht, hin zu einem Zwang, eben diese Praktiken als neues must have ins eigene Sexualleben zu integrieren, verstehe ich ebenfalls nicht. Und um nochmal darauf zurück zu kommen, dass es sich hierbei um eine Satire handelt: Ich finde das weder lustig, noch zum Nachdenken anregend. 

Es mag ja sein, dass es Prozesse gibt, die dazu führen, dass vielleicht auch gerade "Männer" sich in den an sie gestellten Erwartungen hinsichtlich dessen, was "Frauen" in einer (Sexual-)Partnerschaft von ihnen erwarten, verunsichert fühlen. Nicht wissen, wo sie dran sind. Solche Unsicherheiten aber derart durch den Kakao zu ziehen halte ich für ziemlich kontraproduktiv.

Mehr als ein Aufzählen und Bedienen von Klischees gelingt Daniel Haas in diesem Zusammenhang leider auch nicht:

"Denn das ist es doch: Arbeit. Komplizierte Geräte bedienen (Geißelstuhl, Strafbox), eine Fachsprache lernen (Bonding, Gagging), Verträge aushandeln, riskante Entscheidungen fällen (den Riemen weiterziehen oder lockerlassen?) - nach gängiger Definition sind das Prozesse, die nach der Logik der Arbeit ablaufen."

 Auch hier frage ich mich, woher die Sichtweise rührt, es würde sich um einen Zwang handeln, sich mit SM auseinander setzen zu müssen. Kalte Schauer jagt es mir über den Rücken, meine Fußnägel rollen sich ein, bei der Vorstellung mein Partner würde sich auf eine solche Art, wie es der Satiriker hier tut, mit dem Thema auseinander setzen. 

SM ist nun einmal eine Veranlagung. Es kann sein, dass man sich mit dem Thema nie auseinander gesetzt hat und durch Zufall, durch einE PartnerIn, dazu kommt, dies auszuprobieren und gefallen daran findet. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass man schon früher merkt, dass einen bestimmte Dinge reizen, die mit zufügen/erdulten von Schmerz und/oder Zwang und/oder  Demütigung und/oder Fesseln usw. zu tun haben. Dann ist eben die Frage, ob dies zugelassen wird, der Selbstzensur unterzogen, unterdrückt oder sublimiert wird.

Selbstbestimmte Sexualität sollte doch das sein, worum es in einer aufgeklärten Gesellschaft, wie ich sie naiver Weise propagieren möchte, geht! Der Wunsch nach selbstbestimmter Sexualität ist es, der solche Bücher populär macht - neben dem Lockruf des Verbotenen, wobei das Verbotene in diesem Zusammenhang ja doch immer erstaunlich nah an der selbstbestimmten Sexualität dran ist.

Selbstbestimmte Sexualität bedeutet allerdings nicht, dass man sich nun neuen Zwängen, "devianter Praktiken" hingeben muss, wie es offenbar (aus "männlicher" Perspektive?) zu befürchten gilt...

Kommentare:

  1. Die füllen alle bloss ein riesige Sommerloch und vor allem Spiegel pusht den Mist durch ich weiss nicht wie viele Artikel in den letzten Tagen. Weiss nicht, was ich davon halten soll...

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  2. Ich halte davon gar nichts. Vor allem, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel über die Aufstände der Bergleute in Spanien in den offiziellen Medien nichts kommt...

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    1. Deutschlandfunk, 10.7
      http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/07/10/dlf_20120710_0920_359ac397.mp3

      tagesschau, 11.7.
      http://tagesschau.de/redirectid.jsp?id=sendungsbeitrag181252

      heute.de, 11.7.
      http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/23418080/f42a2a/Der-lange-Marsch-der-Minenarbeiter.html

      Zeit Online, 11.7.
      http://www.zeit.de/video/2012-07/1729414915001

      Nur eine kleine Auswahl. Immerhin mehr als "nichts". ;)

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  3. Genau das ist der Punkt: dass manche Leute anscheinend der Meinung sind, abweichendes Verhalten zu akzeptieren, führe zwangsläufig dazu, dass man dieses Verhalten auch selbst leben müsse. Unvergessen der Aufschrei der Konservativen nach dem Wowereit-Outing, dieses halbironisch-billige "Ach ja, schwul, das muss man ja heutzutage sein ..."

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  4. Ich glaube, dass sich der Autor primär darüber wundert, dass das Buch mit diesem Inhalt eine primär weibliche Leserschaft findet.

    Wobei man dazu eigentlich erst mal herausbekommen müsste ob die Geschlechterverteilung unter der Leserschaft dieses Buches überhaupt anders als als im Durchschnitt.
    Oder zeigt sich im Fakt "Das Buch hat mehr Leserinnen als Leser" nur der Punkt "Frauen lesen im Mittel mehr Romane als Männer".

    Wenn es aber stimmt dass der Roman primär ein Frauenbuch ist / Leserinnen überproportional anspricht, dann ist es doch eigentlich eine durchaus interessante Frage warum das so ist.
    Liegt es eher an der Handlung?
    Warum ist die Handlung dann für Frauen attraktiver als für Männer?
    Hat es was mit der Identifikationsmöglichkeiten zu tun?
    (Wenn es stimmt was du schreibst ist die Protagonistin eher eine normale Frau und somit eher darauf angelegt, dass sich Leserinnen leicht mit ihr identifizieren können.
    Im Gegensatz hierzu ist der Protagonist wohl als eher "außergewöhnlich" definiert, was männliche Identifikation eher erschwert.)

    Allgemeiner könnte man die Frage formulieren welche Geschlechterunterschiede es im Hinblick auf Vorlieben bei erotischen Büchern so gibt und ob die größer oder kleiner sind als bei anderen Bereichen.

    Gruß Jast

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  5. Tja das Buch hat wahrlich einen unerwarteten Hype ausgelöst. Schon allein der Verkauf von Handschellen hat sich seit Veröffentlichung des Buches exponentiell gesteigert. Das der Spiegel die ganze Sache auch noch unterstützt ist schon wieder etwas verwunderlich.

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  6. Ich denke, es ist das Problem: "Erkläre einem Blinden die Farbe Rot" - Einem Blinden dürfte es schwer fallen, eine Satire über die Farbe "Rot" zu schreiben...

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