Dienstag, 22. Januar 2013

Von den Männern und den Frauen und den Menschen

Öfter lese ich, Männer seien verunsichert. Verunsichert über die Rolle, die sie spielen. In der Gesellschaft, im Leben von Frauen. In Beziehungsgefügen und Machtkonstellationen. Allgemein, überhaupt. Das fällt mir im ersten Moment immer schwer nachzuvollziehen. Denn ich habe einen anderen Blickwinkel darauf. Ich denke mir: "Wieso denn das??? Es ist doch wunderbar, dass Männer selbst nicht mehr auf starre Geschlechterrollen fixiert sind! Sogar die Wehrpflicht, die größte Ungerechtigkeit gegenüber dem Mann in unserem Lande, ist nun abgeschafft. Warum singen und jauchzen und tanzen sie nicht?" Vielleicht weil sie sich nicht trauen. So viel Ausdruck von Gefühlen könnte unmännlich wirken. Und Männlichkeit ist, wie Weiblichkeit nunmal auch, identitätsstiftend. Und, wie ich finde leider, leider eine Kategorie, die festschreibt was etwas/jemand ist/zu sein hat und was nicht. Sie arbeitet mit ausschließende Kriterien.


DER. MANN.


Aber mal langsam. Also der Mann. DER MANN. Der Mann, als homogene Einheit hat denn Boden unter den Füßen verloren. Seinen Orientierungsrahmen. Egal wie er sich verhält, es ist falsch. Orientiert er sich an alten Rollenbildern, so eckt er an. Und dient höchstens noch als Deckhengst um es den Frauen zu besorgen, deren Softie daheim (der es natürlich auch falsch macht) sie, um es ganz direkt zu formulieren, nicht ordentlich fickt. Ist er ein Softie (was auch immer das sein mag), so läuft er Gefahr, dass seine Freundin ihn nicht respektiert, oder so. Eigentlich macht er vieles richtig, uneigentlich kriegt er seine Stute nicht gezähmt. Frauen brauchen Grenzen, an denen sie sich reiben können. So die Theorie. Und oft leider auch die Praxis. Hier beißen sich Neigung und Sozialisation gegenseitig in den Schwanz. 

Männer sind, als Spezies betrachtet, die Wesen der Extreme: Null oder Eins. Schwarz oder Weiß. Homo oder Hetero. An oder aus. Macho oder Softie.

Und doch frage ich mich immer wieder: Wo ist das Problem? Früher gab es Menschen und Frauen. Heutzutage gibt es Männer, Frauen und Menschen. Die meisten sind sich darüber einig, dass Männer und Frauen Menschen sind. Warum können sie sich nicht einfach als solche sehen? Warum können sie ihre Identitäten nicht unabhängig von ihrem Geschlecht aufbauen, festigen. Sich als jemand betrachten, ohne das Geschlecht dafür verantwortlich zu machen? Verdammt - dann mag ich halt Rosa. Und bin eine Frau. So what? Viele Frauen mögen Rosa nicht. Und es gibt Männer die die Farbe ganz gut finden. 

Ich finde, über Versuche, DEM MANN ein neues Standing zu verleihen, wird die Unsicherheit nur noch weiter verstärkt. Geschlecht wird nicht als Teil der Identität betrachtet, sondern als identitätsstiftend. Und wieder werden Vorschriften reproduziert, die Dir sagen, wie Du Dich verhalten sollst. 

Souveränität: ja bitte. 


In einem stimme ich aber einigen Vertretern der sogenannten Emannzipation sogar zu. Wenn es um Souveränität geht. Ja, ich finde ein Mann sollte souverän sein. 

Doch was heißt das? 

Souveränität hat einiges mit Selbstbestimmung zu tun. In den Köpfen vieler eben auch mit Selbstbewusstsein oder Dominanz. Dominanz möchte ich in meiner Betrachtung außen vor lassen. 

Eine souveräne Person ruht in sich und lässt sich nicht auf der Nase herum tanzen. Eine souveräne Person hat ein Standing. Sie hat ihre Prinzipien. Sie hat ihre Vorstellungen vom Leben, vom Zwischenmenschlichen. Sie ist so selbstbewusst, dass sie es aber auch ertragen kann, ihren Horizont zu erweitern, wenn sie jemand davon überzeugen kann, dass sie sich irrt. 

Souveränität bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit oder die Eigenschaft, sich um jeden Preis durchsetzen zu wollen. Vor allem bedeutet Souveränität nicht, sich bei Anbahnungen intimer Situationen, auf jeden Fall durchsetzen zu wollen. Wer souverän ist, muss nicht überreden. Er kann überzeugen.

Souveränität heißt, ein Nein zu akzeptieren.



Wenn die andere Person mit dem Nein, eigentlich etwas anderes meint, so kann man es doch an ihr belassen, dieses Missverständnis aufzulösen und bis dahin so souverän zu sein, die andere Person als mündiges Wesen zu betrachten, welches aus eigenem Willen die Entscheidung getroffen hat, mit einem Wort ein Stopp-Zeichen zu setzen. 

Souveränität heißt vor allem eben auch selbst Nein zu sagen.

Wer es ständig anderen recht machen will, läuft Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Und missachtet vor allen Dingen auch die eigenen Bedürfnisse. Und zerreißt sich in den Versuchen, sich nach allen Seiten zu strecken. 

Doch das alles hat nichts mit Geschlecht zu tun.


Anerkennung


Wenn wir uns selbst zurück nehmen, und eigentlich gar nicht wissen wer wir sind, und wo wir hinwollen und was uns ausmacht und überhaupt ausmachen darf, so sind wir doch ziemlich verloren. Und wenn Personen uns in einem gewissen Licht sehen wollen, möchten dass wir uns auf eine bestimmte Art ihnen gegenüber verhalten, die uns aber nicht zusagt - wieso lassen wir es nicht einfach?

Wenn eine Frau von Dir verlangt, dass Du die Hosen an hast. Das Kommando übernimmst. Sagst wo es lang geht. Sie protegierst, sie ausführst, sie einlädst, sie beschützt - aber Du das alles nicht willst. Dich nicht so siehst, Dir das zu viel von was auch immer ist - lass es doch einfach! 

Es gibt viele, viele, viele potenzielle Partnerinnen, die alle auch sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was eine Partnerschaft leisten soll und was ein Partner darstellen soll. Wieso versuchst Du nicht einfach  nach Deinen Vorstellungen und Bedürfnissen zu handeln, unabhängig davon, ob sich das mit dem deckt, was allgemein als männlich aufgefasst wird? Sei Mensch! Du kannst, sollst und musst es auch nicht jeder recht machen. 

Vieles hängt mit dem Wunsch nach Anerkennung zusammen. Wir alle wollen anerkannt werden. Als die, die wir sind. Als Unikum. Nicht als der x-te Mann oder die x-te Frau, die in das kleine Geschlechter-Förmchen passt. Genormt ist. 

Wir wollen Anerkennung und geliebt werden. Und umarmt und geküsst und gewollt sein. Weil wir sind, wer wir sind und wie wir sind.

Und nicht "WAS" wir sind. 

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel, vielen Dank dafür! Ich kann ihn eigentlich nur so unterschreiben, besonders das "Sei Mensch! Du kannst, sollst und musst es auch nicht jeder recht machen."

    AntwortenLöschen
  2. Die Welt des Mannes war mal ganz einfach: 100.000€ im Jahr sind mehr als 50.000€, 10sec auf 100m sind besser als 12sec und 18cm sind mehr als 14cm.
    Jeder konnte sich sehr exakt auf Skalen einordnen und wusste genau: Um Anerkennung zu erreichen, muss man mindestens auf einem Gebiet gut sein.

    Und in der Hinsicht wird ja nicht nur das Weltbild modifiziert in dem Frauen sagen: "10.000€ und 14cm sind auch ok, weil ich dich Liebe"
    es ist noch viel dramatischer: Die Skalen und die Fragen danach brechen komplett weg!
    Einfach weil die Frau inzwischen selbst die Freiheit hat, diese Skalen für sich zu nutzen. All diese Hard-Facts spielen somit zunehmend (beim Balzverhalten) gar keine Rolle mehr.
    Übrig bleiben Soft-Facts die rasant an Bedeutung gewinnen. Männer fragen intern verzweifelt nach den allgemeinen Skalen dafür und finden keine schlüssige Antwort, wie sie da das maximale erreichen können...DAS ist dann der Kern der Verunsicherung.

    Ob das männliche Hirn vielleicht sogar fundamental anders gestrickt ist(/gesellschaftlich wurde!), muss ich selbst noch mal überlegen.
    Ist es vielleicht so, dass der Mann Anerkennung in erster Linie durch Vergleich versucht zu erringen (es also immer ein Streben nach Verbesserung geht) und das dieses Denken bei einer Frau gar nicht so einen großen Platz einnimmt bei dem Wort "Anerkennung"?

    Eingedampft in Sachen "Anerkennung" würde das heißen:
    Männer wollten immer der 1ste-Mann sein aber Frauen nicht die x-te Frau.

    Es ist hart zuzugeben als Mann, aber so fühle ich mich zumindest...und bin immer ganz überrascht, wenn jemand auf mach zukommt und mir Anerkennung gibt, obwohl ich doch nur der x-te Mann war und gar nichts weltbewegendes geschafft habe. Und als Grund bekommt man zu hören: "Weil du so bist wie du bist! *argh* Alles noch sehr verwirrend! ^^

    Da waren jetzt natürlich viele Verallgemeinerungen in diesem Kommentar, wozu die Überschrift zugegeben auch eingeladen hat. :)

    AntwortenLöschen
  3. Guter Artikel, da ist was dran. Männer hat es aber immer schon zu GogoMil getrieben. Das war so und wird immer so bleiben.

    AntwortenLöschen
  4. Huhu,

    ich finde der Artikel ist absolut klasse und einer der besten, die ich seit langem gelesen habe. Ich möchte ihn gerne so wie er ist unterschreiben!
    Ich bin ebenfalls absolut der Ansicht jeder Mensch sollte so sein dürfen, wie er oder sie wirklich ist, ohne dabei auf irgendwelche genormten Vorgaben der Gesellschaft achten zu müssen.
    Wichtig ist nur, dass man sich in seiner Haut wohlfühlt und zwar unabhängig davon ob man männlich oder weiblich ist.
    Am Rande könnte ich noch anführen, dass Geschlechtsidentität nicht immer nur eine Frage des Körpers ist, in dem jemand geboren wurde. Es gibt auch Männer in Frauenkörpern, Frauen in Männerkörpern oder Zwitter, die sich irgendwie zwischen den Geschlechtern befinden und ich möchte nicht wissen, wie man sich dann in so einer Situation des geschlechterspezifischen Zuordnungswahns heutiger Zeit fühlt...
    Und zu den Kommentaren : Bitte bitte nicht schon wieder diese Pauschalisierungen - oder habt ihr nicht richtig gelesen? ;)
    Es gibt einfach nicht 'die' Männer und 'die' Frauen - jeder Mensch ist individuell unabhängig vom Geschlecht!

    Belinda

    AntwortenLöschen
  5. Sehr schöner Artikel. Toll zu sehen, dass es noch andere Menschen gibt, die so denken! Auch ich glaube, dass jeder einfach individuell so sein sollte, wie er ist! Und das unabhängig von irgendwelchen Geschlechterrollen. Ich schraube gerne an Autos, liebe aber auch rosa, pink und Glitzer :)

    AntwortenLöschen
  6. Hallo,

    von mir gibts auch ein fettes Lob für diesen erstklassigen Artikel, der eigentlich schon alles wesentliche auf den Punkt gebracht hat, so dass ich dem nichts mehr hinzufügen möchte.
    Leben und leben lassen egal welches Geschlecht man hat, dass sollte doch eigentlich nicht allzu schwer sein,oder?
    Und im übrigen : Pink ist eine grossartige Farbe und nebenbei...ich besitze sogar ein paar Herrenröcke, nur um mal festzuhalten, dass diese auch Männern ganz toll stehen!
    Soviel zu den Geschlechterrollen ;)

    LG
    Manuel(Dunkelschein)

    AntwortenLöschen
  7. Abgesehen von meinen Genitalien habe ich nicht allzuviel gemein mit dem, was so allgemein als "Mann" gilt...

    Das Problem dabei: Fürchterlich viele Leute da draußen gehen davon aus, daß ich einer bin, und sind total verwirrt, wenn ich nicht in ihr Schema passe... oder sie halten mich für eine Frau, bis sie mit mir sprechen, und sind dann noch verwirrter.

    Warum immer dies Entweder-Oder? Gender mit 1-Bit-Auflösung ist doof. 8 Bit sollten da mindestens drin sein.

    AntwortenLöschen
  8. Wenn Frau Amesti ihren Artikel noch einmal in Ruhe liest, könnte sie eventuell auf den Gedanken kommen, das die Argumentation von DEM MANN als abstrakter Essenz nicht auf das individuelle Unikum, als das, WAS jede einzelne möchte, schlüssig sein kann.

    Oder so herum gesagt: Bei der Abstraktion gehen immer individuelle Merkmale verloren. Umgekehrt ist es schlicht dumm, wenn solche Abstraktionen plötzlich individuelle Merkmale tragen sollen (und womöglich noch Passende zu einer konkreten Frau).

    AntwortenLöschen