Dienstag, 9. April 2013

Knutschen im öffentlichen Raum. Ein Politikum.

Gestern nacht konnte ich nicht einschlafen. Ich kam erst spät nach Hause und trieb mich dann viel herum, in den Weiten des Netzes. Und da stieß ich auf ein Thema, welches unter #knutschverbot gerade seine Runde in der Welt der Tweets und Blogs macht.

Worum es geht? Es geht, soweit ich das verstanden habe darum, dass es wünschenswert wäre, wenn Personen in Heterokonstellationen ihre Praxis und Performance dahingehend überdenken würden, ob es wirklich notwendig ist, im öffentlichen Raum zu Knutschen oder andere Pärchenaktivitäten auszuüben, und damit weiter eine Normalität zu konstituieren, die andere Begehrensgruppen, vor allem eben homosexuell begehrende Menschen, marginalisiert.

Der Gedanke dahinter: Wenn ich mit einem Mann in der Öffentlichkeit rumknutsche, dann ist das "normal". Wir fallen damit nicht sonderlich auf und wenn wir es nicht zu weit treiben wird sich an uns auch niemand stören und erst recht werden wir nicht angefeindet werden. Wenn ich allerdings mit einer Frau in der Öffentlichkeit rumknutschte und Zärtlichkeiten austauschte, dann wäre das nicht "normal", da wir in einer heteronormativen Gesellschaft leben, in der nicht-heterosexuelle Praktiken von der Norm abweichen und somit häufig Anfeindungen ausgesetzt werden. Das wiederum kann dazu führen, dass Personen, die nicht heterosexuell Begehren in der Öffentlichkeit eben nicht den Raum nutzen können, um vor allen anderen Zärtlichkeiten auszutauschen. Sie sind strukturell benachteiligt.

Wesentlich ausführlicher und wie mir scheint, auch theoretisch fundierter schreibt hierzu Anna-Sarah von der Mädchenmannschaft.


Mir leuchtet das alles ein.

Aber... (ich habe wirklich lange wach gelegen.)

ich bin mir sehr unsicher, was das nun für die Praxis bedeuten kann. Überhaupt: Ich mag den Punkt mit der Heteronormativität der Gesellschaft noch darum ergänzen, dass eben auch Monogamie normstiftend ist. Also Personen, die beispielsweise zu Dritt ein Paar bilden, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mit Anfeindungen bzw. der Tatsache, dass sie nicht der Norm entsprechen, konfrontiert werden. Wobei sich das natürlich nicht ausschließt: Bei zwei Geschlechtern und drei Personen wird hier der Aspekt der Gleichgeschlechtlichkeit auch im Vordergrund stehen.

Und dann gibt es noch das Alter: Wenn ich einen Mann in der Bahn sähe, der seines Äußeren nach in den Zwanzigern ist und der mit einer Frau knutscht die des Äußeren nach deutlich älter ist, so wird das ebenfalls meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und bei vielen Personen ein Kopfschütteln hervor rufen. Umgekehrt mit Sicherheit auch.

Oder auch die ethnische Herkunft: Wenn ein arabisch aussehender Mann mit einem dicken dunklen Bart mit einer blonden Frau in der Bahn sitzen würden und sich küssten, so könnte das ebenfalls einigen Anlass für Stirnrunzeln etc. pp. geben. Und die ganzen Gedanken im Hinterkopf: Wie dieser Macho erst mit seiner Frau umgehen wird, wenn er sie geheiratet hat. Ob die überhaupt jemals heiraten werden, oder er nur zum Spaß mit ihr rummacht und sich dann für die Ehe ein zahmes und fügsames, devotes Weibchen des eigenen Kulturkreises suchen wird.

Behinderungen: Der Mann ohne Beine im Rollstuhl knutscht mit seiner Freundin. Und alle sind gerührt oder erfüllt von Mitleid aufgrund des schweren Schicksals dieser Personen. Und fragen sich, wie sie das nur aushalten. Und wie sie ihren Alltag meistern, wie es für ihn wohl ist, von seiner Frau abhängig zu sein. Und wie es für sie wohl ist. Ob sie aus Mitleid mit ihm zusammen ist. Oder man fragt sich, ob man selbst in der Lage wäre, so wenig Oberflächlich zu sein. 

Und beim knutschenden dicken Paar fragt man sich wohlmöglich, wie die miteinander Sex haben. 

Die Ressentiments, Vorurteile, Stereotypen sitzen tief. Sie werden Tag für Tag, von Situation zu Situation erneut konstruiert, sind habitualisiert, sind automatisiert.

Ganz schön grauenhaft.

Und dann komme ich wieder zur Praxis. Also wäre es besser, wenn ich im öffentlichen Raum nicht mehr mit einem Mann knutsche, weil homosexuell begehrende Paare angefeindet werden? Bzw: Wäre es besser, wenn ich darüber nachdächte und zu dem Entschluss käme, dass es besser wäre, wenn ich dies nicht täte? (Immerhin geht es ja nicht wirklich um ein "Knutschverbot" sondern um einen kritischen Umgang mit gängiger Praxis)

Da ich hier nur für mich überlegt habe und nur für mich sprechen kann: Nein.

Nein, ich will das nicht. Ich will nicht nicht knutschen, wenn ich das Begehren habe, es doch zu tun. Ich will nicht knutschen, um Revier zu markieren, oder um Normalitäten zu konstituieren (auch wenn ich das offenbar tue, weil ich "zufällig" einen Mann küsse, wir zufällig ähnlich alt sind, auf den ersten Blick der selben ethnischen Herkunft angehören und nicht behindert sind und tatsächlich gerade zu zweit sind). Ich will Knutschen, weil ich das Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit oder was auch immer habe.

Den Weg zu gehen, ein politisches oder gesellschaftliches Zeichen durch die Unterlassung von Praktiken zu setzen, in denen andere Personengruppen benachteiligt sind, entspricht nicht meiner Vorstellung dessen, wie Inklusion oder Veränderung der "Normalzustände" funktionieren kann. Zumal ich es - für mich - überhaupt nicht gut finde, meine persönlichen Bedürfnisse zu politisieren und in diesem Sinne zu instrumentalisieren.

Lieber möchte ich darüber nachdenken, wie es möglich sein kann, dass alle an allem teilhaben und teilnehmen können. Unabhängig von Geschlecht(erzugehörigkeit), Alter, Herkunft, körperlicher Konstitution, sexuellem Begehren, sozialem Milieu. Wie es möglich sein kann Privilegien in dem Sinne abzuschaffen, dass sie keine mehr sind, weil alle sie haben können.

Wie kommen wir dahin?

Kommentare:

  1. An sich finde ich die Aktion interessant, aber ich weiß nicht, ob das Unterlassen vom Küssen in der Öffentlichkeit als Zeichen der Solidarität für Homosexuelle tatsächlich etwas bringt... Wäre es nicht sinnvoller, sich für die homosexuellen Paare einzusetzen, wenn man mitbekommt, dass jemand sich abfällig darüber äußert?

    Samya von www.sexintheair.de

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  2. Ich erwarte von niemandem, dass er-sie sich meinem Verhalten anpasst.
    Ich erwarte, dass ich über mein Verhalten selbst entscheiden kann. Dabei gelten nur gesetzliche Grenzen. Sorry aber wenn Solidarität immer wieder in der Einschränkung meiner Freiheit verstanden wird, dann fühle ich mich dadurch diskreminiert.

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  3. In dem Moment, in dem ich nicht küsse, um Solidarität zu zeigen, bleibt diese Solidarität ungesehen. Und ungesehene Solidarität bringt deutlich weniger (bis nichts), als gesehene.
    Wie soll denn von außen unterschieden werden, ob nicht geküsst wird, weil Solidarität, oder nicht geküsst wird, weil keine Lust?

    Das einzige Pro-Argument, das ich habe: Nur noch öffentlich knutschen zu dürfen, wenn man irgendwie diskriminiert wird, ist ein Privileg.
    Also wird diskriminierten Menschen ein Privileg "gegeben", damit sie auch welche haben (und werden damit die anderen nicht auch irgendwie diskriminiert und haben jetzt auch Recht auf rumknutschen?)

    Ich finde es sehr richtig, dass sich Mensche ihrer Privilegien bewusst werden und darüber reflektieren. Aber ich glaube nicht, dass es nützt, das mit nicht-Küssen zu zeigen.

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    1. Im 3. Absatz meinte ich wichtig, nicht richtig. Ahrg.

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  4. Nicht zu vergessen alle die, die sich wegen sexueller Gewalterfahrungen grundsätzlich von zur Schau gestellter Sexualität unangenehm berührt fühlen. Oder die Einsamen, denen beim Anblick von Paaren die Einsamkeit noch bewusster wird.

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  5. Es ist nicht nur ein "wie kommen wir dorthin ( die freie teilnahme für alle)" sondern in diesem zusammenhang, mit dieser Praxis, auch ein wo kommen wir hin.

    Mal angenommen (und sehr utopisch gedacht), jeder hielte diese Aktion für super, würde sie umsetzen...zärtlichkeiten würden aus der öffentlichkeit verschwinden und somit nicht unbedingt eine gleichstellung erzeugen sondern vorallem ein vergessen und somit auch ein vergessen des grundes.

    Es ist durchaus schwer, eine breite akzeptanz der verschiedenhaftigkeit zu erzeugen, aber ich denke nicht, dass ein verstecken der rechte weg ist.

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  6. Warum sollte ich in der Öffentlichkeit darauf verzichten meinen Mann zuküssen. Also nicht die Zunge bis zum Anschlag in den Hals oder so. Ich möchte die Freiheit besitzen ihm wann ich möchte einen Kuss geben zu können. Wir wollen uns nicht nur in unseren vier Wänden verkriechen.
    Der Kommentar bzgl. Gewalterfahrungen und Singles ist doch nicht ernst gemeint oder? Dann darf auch niemand mehr mit Kind in die Öffentlichkeit, da sich sonst alle Frauen die keine bekommen können dann auch solidarische Verhaltensformen erwarten dürfen.
    Für mich dürfen auch in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten ausgetauscht werden, ein Kuss, den nacken streicheln oder sanft über das Gesicht des Partners streicheln.
    Alles weitere gehört nur zwischen den Paaren ausgelebt und nicht auf öffentlichen Plätzen oder ähnlichem.

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  7. Mir fällt dazu ein, daß es in weiten Teilen von Ostasien starke gesellschaftliche Tabus gegen den öffentlichen Austausch von Zärtlichkeiten gibt - oft begründet damit, daß man Rücksicht auf die Gefühle von Menschen nehmen soll, die gerade niemanden haben und einsam sind. Irgendwas zwischen konfuzianischer Strenge und buddhistischem Mitgefühl.

    Da knutschen dann höchstens betrunkene frischverliebte Paare öffentlich herum, und hinterher ist es ihnen peinlich, wenn sie jemand drauf anspricht (was aber normalerweise keiner tun wird, weil alle höflich wegsehen).

    Es gehört aber auch generell in die ostasiatische Tradition, Gefühle nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen und immer das gelassene Pokerface zu tragen. Wahrscheinlich sorgt das auch für reichlich Verklemmtheit.

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