Sonntag, 7. April 2013

"Seid Ihr jetzt zusammen?" "Das ist kompliziert."


Ich habe ja den Eindruck, es wird immer diffuser, mit den Beziehungen. Tatsächlich kann ich in meinem Umfeld die Paare, Pärchen, Partnerschaften gefühlt an einer Hand abzählen, auf die das Attribut: „Es ist kompliziert“ nicht passen würde. Oder eben diejenigen, die tatsächlich im klassischen Sinne zusammen sind.

Ohnehin, eine ziemlich pikante Frage, die oft gar nicht so einfach zu beantworten ist: „Seid Ihr jetzt zusammen?“ 

Ich weiß nicht, ob das schon immer so war. Aber mir kommt es so vor, als sei diese Frage früher gar nicht erst gestellt worden. Weil das Dasein als Paar einfach offensichtlich war. Und wenn man kein Paar war, dann auch. Überhaupt, diese Übergänge zwischen in einer Beziehung sein oder nicht. Das Klären ob man überhaupt für eine gemeinsame Beziehung in Frage kommt oder einfach nur so Spaß hat scheint mir mittlerweile wesentlich mehr Raum einzunehmen.


Dabei kann ich gar nicht genau sagen, ob das einfach eine persönliche Wahrnehmung ist, tatsächlich eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat oder das Leben in den Zwanzigern einfach dazu führt, dass man sich ein bisschen Binden möchte, aber auch nicht zu viel, denn bald kommen die Dreißiger und auf dem Wege dahin wäre es besser, wenn man sich noch ein paar Wege und Türen offen hält.

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem.

Vielleicht ist es einfach auch nicht so einfach.

Es gibt keinen Zettel, den man verschmitzt lächelnd, mindestens vier mal gefaltet herüberreicht, auf dem mit Bleistift gekritzelt steht: „Willst Du mit mir gehen?“ und die zwei Kästchen mit den Antwortmöglichkeiten „Ja“ und „Nein“. Es sind zwischenmenschliche Aushandlungsprozesse, die da abgehen, zwischen Personen die wahrscheinlich auch schon die ein oder andere Beziehung hinter sich haben, mit allen möglichen Erfahrungen.

Möglicher Weise werden auch die Schritte des Kennenlernen, bis es zur Beziehung kommt, getauscht. Statt des Aufbauens der Bindung tritt dann zum Beispiel der Sex in die Anfangs- oder Vorlaufphase. Und wenn das schon mal gut geht, kommt der Rest möglicher Weise hinterher. Oder es findet vieles zeitgleich statt.

Oder der Begriff „Beziehung“ ist ein zu komplexer und konfliktbeladener. Geprägt von allen möglichen Assoziationen, gespeist von Vorerfahrungen und Enttäuschungen. Von Hoffnungen und Erwartungen. Diffus, da Werte wie die sexuelle Exklusivität für viele Personen nicht mehr der Grundpfeiler, die wichtigste Spielregel ist, nach der eine Beziehung geregelt sein sollte. Und andere fragen sich dann wiederum, was eine Beziehung denn stattdessen konstituieren soll.

Für einige ist Beziehung Symbiose und Verschmelzung. Für andere das Teilen eines Lebensabschnitts (der wohlmöglich nie endet). Oder das Beschreiten eines gemeinsamen Weges.

Es gibt nicht einfach „die Beziehung“ die man eingehen kann, denn die Vorstellungen der konkreten Ausgestaltung und Führung einer solchen divergieren. Vielleicht ist es da ganz gut sich Zeit zu lassen und zu überlegen, was man überhaupt für eine Beziehung führen will und was einem daran wichtig und gut und toll erscheint. Vielleicht hat man ja in anderen Beziehungen Dinge erlebt, die man am Beziehungsleben geschätzt hat, oder andere, die im besten Fall überflüssig sind.

Oder es gibt schlichtweg einen Prozess des In-Beziehnug-Tretens und im Grunde genommen weiß man einfach nicht, ob man in einer Beziehung ist, oder nicht. Sondern nur das der Zustand in der Konstellation, in der man zu einer oder mehreren anderen Personen steht, sich gut anfühlt.



Kommentare:

  1. Mir scheint dies, was du hinsichtlich "der Beziehungen" beschreibst, nicht nur eine subjektive Empfindung deinerseits zu sein, sondern auch ganz valide, empirisch diagnostizierbar. Interessant ist, dass sich dabei auch bestimmte Beziehungstypen bestimmten Milieus zuordnen lassen (s. Sinus-Studie).

    Mir scheint aber noch etwas anderes offensichtlich zu sein. Nämlich, dass die Unsicherheit bzgl. der Beziehungsumstände einhergeht mit der Unsicherheit über klassische Rollenbilder. Denn das althergebrachte Bild von Mann und Frau zerfällt, egal ob man das nun gut findet oder nicht. Da scheint es nur selbstevident, wenn auch die klassische Beziehung als Partnerschaft sich auflöst. Denn wer nicht genau weiß, was von einem als Mann oder Frau erwartet wird, der weiß noch weniger was von ihm als Mann oder Frau in einer Beziehung erwartet wird oder wie so eine Beziehung zwischen Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau aussehen soll.

    Ein kurzer Einwurf von
    Besserwisser @ http://wissenhochdrei.blogspot.de/

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    1. Ja, das Einhergehen mit den sich wandelnden oder gar auflösenden Geschlechterbildern erscheint mir einleuchtend. Wobei ich das nicht unbedingt in kausale Zusammenhänge setzen würde. Ich denke da einfach, dass sich vieles komplexer gestaltet und eben auch die eigenen, individuellen Bedürfnisstrukturen zum Teil eben ernster genommen werden und sich nicht mehr so stark an den vorgelebten, vorgegeben Rollenbildern und -idealen orientiert wird. Individualisierung überhaupt ist in diesem Zusammenhang ein großes Stichwort.

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  2. Schön geschrieben.

    Die Frage nach dem Beziehungsstatus ist moderner geworden, weil auch die Formen von Beziehungen sich verändert haben.

    Trotzdem glaube ich, dass die Häufigkeit der Frage in deiner Wahrnehmung liegt. Ich könnte da deine Erfahrung nicht teilen. Vielleicht liegt es auch an der plötzlichen Allgegenwart der Beziehungsstati in diverse SocialCommunities.

    Ich denke aber auch, dass wir uns sowieso viel zu sehr von außen lenken lassen, geht es um die Definition unserer Beziehungen.
    So lange ich und alle Beteiligten bescheid wissen, was wir da haben, brauche ich nach außen hin keinen Namen und auch keine Erklärung für das Beziehungsformat.
    Das sagst du ja aber auch: "Vielleicht ist es da ganz gut sich Zeit zu lassen und zu überlegen, was man überhaupt für eine Beziehung führen will und was einem daran wichtig und gut und toll erscheint" Ich ergänze halt nur um ein: Gemeinsam überlegen.
    Jede Form von gemeinsamen Zusammensein will ja in klaren (inneren) Strukturen besprochen sein. Eltern-Kind, Freundschaft, etc. fallen da ja auch rein.

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    1. Ich stimme Dir zu! "Gemeinsam überlegen" ist in diesem Zusammenhang wirklich wichtig! Und kann vielleicht sogar Spaß machen. =)

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  3. Sicherlich gibt es mittlerweile viel mehr Möglichkeiten als früher, ohne dafür gleich heftig moralisch verurteilt zu werden. Aber ich vermute, dass Du Dich in bestimmten Kreisen bewegst, wo diese Offenheit verbreiteter ist als im Rest der Gesellschaft.

    Ich erlebe es selbst immer so: in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist die monogame (heterosexuelle) Beziehung am meisten verbreitet. Blicke ich jedoch in die "Erotik-Szene" sieht es ganz anders aus. Dort sind all die jenigen zu finden, die neue Beziehungsformen ausprobieren und leben. Es ist also auch eine Frage der Perspektive, was Dir oder mir auffällt.

    Silke

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    1. Meine Beobachtungen ziehe ich hauptsächlich aus studentischen Kreisen. Klar, sie sind von meiner Perspektive und auch von meinem Umfeld geprägt, deshalb auch der Einwurf bzw. die Überlegung mit den Zwanzigern. Aber natürlich, es ist mit Sicherheit eine Milieu-abhängige Beobachtung und auch Entwicklung.

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  4. Meine persönlichen Beobachtungen:

    Wer erstens große Kinder hat und zweitens auch sonst mit offenen Augen durch die Welt geht, kann die genannten Beobachtungen jederzeit selbst machen und bestätigen.

    Diese Unsicherheit bezüglich der eigenen gesellschaftlichen Rolle führt sehr häufig zu instabilen Beziehungen, und nicht nur bei jungen Menschen. Oftmals führen wirtschaftliche und soziale Zwänge zu Konflikten in der Partnerschaft, weil für beide oder einen Partner die neue Situation nicht annehmbar ist und das Verhalten gegenüber dem Partner sich stark verändert (z.B.: um den materiellen Wohlstand zu erhalten wird mehr gearbeitet und weniger Zeit mit dem Partner verbracht)

    Das alles war jedoch auch schon vor dreißig Jahren so.

    Warum lassen sich Ehepaare scheiden?

    Warum haben sie überhaupt geheiratet?

    Warum gibt es Paare, die jetzt schon über 60 Jahre glücklich zusammenleben?

    Die Antwort scheint darin zu liegen, wie jeder der Partner sich in seiner Rolle sieht und welche Ziele mit welcher Konsequenz angestrebt werden und welchen Respekt dem Partner gegenüber gezollt wird.

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