Montag, 10. Juni 2013

Wenn Aufklärung in Mythos umschlägt

"In some ways, all the sex on the show is a rebuke to porn. So much of what happens sexually today is from porn. My entire sex life has been against that backdrop. What did it used to be like? I totally don't know. I'd have to sit down with my mother and compare and contrast her early 20s sex life, and that's not a conversation I feel like having."'- Lena Dunham ("Girls")

Gestern stolperte ich über diese Sätze der amerikanischen Drehbuchautorin und Schauspielerin Lena Dunham. Diese ist mit ihrer Serie "Girls", für die sie sowohl das Drehbuch schreibt, als auch die Hauptrolle spielt, berühmt geworden. Das schöne an der Serie ist, dass sie zum einen mich als Zielgruppe in den Mittelpunkt stellt, also Personen mitte Zwanzig, die Generation Praktikum. Zum anderen sehen die Menschen in der Serie recht normal aus. Es gibt "schlanke" Menschen, es gibt "normale" Menschen, es gibt "dicke" Menschen. Die Gesichter könnten einem auf der Straße begegnen. Auf das Lachen aus der Konserve wird ebenso verzichtet, wie auf klamaukigen Humor. Die Gespräche sind zum Teil etwas absurd, aber oft werden auf schöne, gedankenvolle und realistische Art zwischenmenschliche Probleme behandelt. Es geht um Beziehungen, um die Arbeit, um den Lifestyle und um Sex. Der Lifestyle-Aspekt ist das einzige mich an der Serie störende - andererseits auch ein bisschen reizvoll: Die Serie spielt in New York, diese jungen Leute, die gut ausgebildet sind aber keine ordentlichen Jobs finden, führen ein Leben, welches mir als Studentin in einer westdeutschen, vom strukturwandel gegeißelten Großstadt unter 500.000 Einwohner tatsächlich ganz schön verheißungsvoll vorkommt. Und obwohl das Geld immer knapp ist, ist der große Kaffee-to-go-Becher immer voll, die Parties werden immer besucht und der modische Hippie-Gammel-Style sitzt auch. Letzterer ist dabei viellleicht noch das preiswerteste. Und Modebewusstsein hat möglicherweise tatsächlich nichts mit monetären Reichtümern sondern mit der Einstellung zu tun. Das ist in Bochum, Wanne-Eickel, Herne und Umgebung nur noch nicht angekommen.

Dieses Zitat von Lena Dunham brachte mich zum Nachdenken. Ja, in welcher Wechselwirkung steht sie denn, unsere, meine Sexualität zur Pornographie. Ist überall Porno drin? Und wenn dem so ist: Ist das denn schlimm? Wäre es wichtig, mich mal mit meiner Mutter auszutauschen, über ihre Herangehensweise an die eigene Sexualität?

Aufklärung

Da ich nun niemanden sonst hierzu gefragt habe, kann ich nur von mir ausgehend versuchen die Fragen zu beantworten. Meine ersten Pornos dienten mir persönlich tatsächlich einer Art visuellen Aufklärung. Sie waren das Praxis-Beispiel für das, worüber ich lesen konnte. Natürlich haben sie mich auch erregt, keine Frage. Aber der Konsum ging immer mit einer Neugierde daher, mit dem Wunsch zu erfahren, "was geht".

Die kritischen Dimensonen des Porno habe ich erst später kennen gelernt und begriffen. Meine ersten Sequenzen und Bilder, die ich mit fünfzehn gesehen habe, hatten für mich die körperlichen Aspekte im Vordergrund. Ob der Umgang zwischen den Akteuren aggressiv war, oder von Machtgefällen geprägt - hat mich nicht interessiert, es ist mir allerdings auch nicht aufgefallen.

Natürlich beeinflusst das, was man in Pornos sieht das eigene Sexleben. Immerhin treten dort Praktiken ins Blickfeld - über die niemand redet. Ganz unabhängig davon, ob Analsex oder ein Gangbang nun alltagsrelevant sind, sie gehören nicht in der Form zum "normalen" Sex dazu, wie Oralverkehr und die Missionarsstellung. Darüber zu urteilen, ob das nun gut oder schlecht ist, liegt mir fern. 

Im Internet ist mir gleichermaßen alles verfügbar. Nahezu wertungsfrei kann ich mir Anschauungsmaterial zu allen möglichen Praktiken sichern. Das problematische sind dabei nicht die Praktiken an sich, sondern wie sie dargestellt werden, was daraus gemacht wird. 

Mythos


Von der Umsetzung her, sind die meisten Pornos ganz schön reaktionär. Die Mädels sind die dauergeilen "Schlampen", um deren sexuelle Befriedigung sich keinen Deut geschert wird - was auch nicht nötig ist, da sie ja sowieso immer Bock haben und quasi auf natürliche Art und Weise durch die Befriedigung des Mannes selbst zu dieser gelangen. 

Wenn also ein Mädchen meint, dass dieser Typ "verlangt" wird, dann ist das ein Problem. Wenn ein Junge meint, dass in Pornos erfüllendes Sexleben gezeigt wird, ist das ebenfalls problematisch. Aber dann stimmt noch etwas anderes nicht: Nämlich die Kommunikation. Das ist doch immer der Knackpunkt: Ich kann mir noch so viel ansehen, anlesen, anhören - und im Zweifelsfall, im Fall der Fälle weiß ich überhaupt nichts darüber was die Person, an der ich konkret interessiert bin, gerne mag.

Oder was ich gerne mag.

Das funktioniert auch mit dem Porno: Ich kann über das, was ich auf der Leinwand gezeigt bekomme, reflektieren. Ich kann benennen, was mir gefällt, und was nicht. Welche Darstellungsformen mich aus welchen Gründen ansprechen, und welche nicht. Ich kann Praktiken auf der visuellen Ebene kennen lernen und in der praktischen Umsetzung merken, dass das nicht meins ist. Ich kann ihn auslachen, den Porno, für das was er mir als Sex verkaufen will. Dafür, dass er offenbar nichts von der Existens einer Klitoris weiß, zum Beispiel.

Dialektik

Vielleicht ist es wirklich nicht das Schlechteste, sich mit den eigenen Eltern mal über deren Heranführung an Sex zu unterhalten. Aber nicht, weil diese "natürlicher" gewesen ist - nein, natürlich fand auch deren sexuelle Sozialisation als eben solche nicht im luftleeren Raum statt, sondern war geprägt von Normen, Tabus und Grenzen. 

Vielleicht gab es auch sehr schöne, überraschende Momente, die wir aufgrund der vermeindlichen Aufklärung wirklich niemals erlebt haben. Weil wir schon alles gesehen haben, bevor wir irgendwas ausprobieren konnten. 

Möglicher Weise können sie uns mit den Herausforderungen helfen, die wir selber haben, wenn es um unser Sexleben geht, wenn es darum geht, wie wir dahin gekommen sind. Zwar nicht aktiv, aber wir könnten unsere eigene Erfahrungen vor deren Hintergrund neu beleuchten, neu ausleuchten. Uns neu die Fragen stellen, ob Pornos unser Sex leben "gut" oder "schlecht" beeinflussen. 

Doch wahrscheintlich hat Lena recht - und wir möchten dieses Gespräch nicht führen.

Kommentare:

  1. Die Titel sind aus der Dialektik der Aufklärung oder?
    Ich frage mich vor so einem Hintergrund, ob:
    "Das funktioniert auch mit dem Porno: Ich kann über das, was ich auf der Leinwand gezeigt bekomme, reflektieren. Ich kann benennen, was mir gefällt, und was nicht. Welche Darstellungsformen mich aus welchen Gründen ansprechen, und welche nicht."
    Nicht eine Vernunft (Gründe) oder zumindest selbstobjektivierende Selbseinsicht absolut setzt.
    Ist nicht die Argumentationsweise (wenn es denn überhaupt einen Diskurs über tabu-, sprich Themen die durch den Mangel an echten Wörern aufallen geben kann), schon durch den Porno geprägt?

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    1. Ich glaube, dass die Diskurse sehr geschlechterdifferenziert durch Porno geprägt sind. Vicky mag zu den 10% der Mädchen und jungen Frauen meiner Generation gehören, welche angeben regelmäßig und viel Porno zu konsumieren, die übrigen 90% sind aber immer noch anders sozialisiert. Bei uns Jungs und Männern (im mitteleuropäischen Raum) ist der Pornokonsum allerdings fast bei 100% deckungsgleich mit dem von ihr beschriebenen Phänomen, dass wir so ziemlich jede Praktik bereits gesehen haben, bevor wir irgendeine selber ausprobierthätten (Ausgenommen der Selbstbefriedigung).
      Dafür wachsen wir aber auch in Jungsgruppen in den seltensten Fällen in Diskurstraditionen welche irgendeine realistischen Austausch über Sex pflegen würden. Bei Mädchen und jungen Frauen kennt die Sexualerziehung andere Häufungen. Wenn Vicky und ich können also wunderbar über Sexualpraktiken reden, im Hinterkopf unsere Prägung durch die Pornoindustrie der Frühinternetphasen und des Web 2.0 behalten, sind damit aber noch nicht einmal repräsentativ für unsere Generation trotz ggf. ähnlichem Millieu und sozialen Background (was hier meines Erachtens der Fall wäre).

      Zur eigentlichen Frage der Autorin:
      Meine Mama tendiert nach ein paar Gläsern Wein oder auch bei anderen Momenten dazu erstaunlich viel von ihrer Sexualität auch in ihren frühen und mittleren 20ern preis zu geben. Solange die Gespräche nicht allzusehr auf die Praktiken sondern eher auf die Gefühle, Gedanken und Umstände fokussiert sind, ist das gar nicht so schlimm ;-) Häufig sogar sehr interessant. Erschreckend ist, dass ihre Normen und Werte, als Frau die die Feministische Welle der späten 70er in den USA und frühen 80er in der BRD mitmachte, sich anschließend wenig weiterentwickelten, oder vlt sogar etwas konservativer wurden. Ein dogmatisches festhalten an dem Dogma, dass Pornographie Verstümmelung von weiblicher Sexualität qua Definition sei zB. Formen von pluraler Liebe oder offen gelebte Homosexualität in nahezu völliger Normalität kennt meine Mutter nicht und die Bewegungen welche sich daraus ergeben haben sind ihr ebenso fremd wie für eine Frau ihren Alters, welche nie den Anspruch auf offen geforderte Emanziapation weiblicher Sexualität formuliert hat.
      Wo ist die 50-60 jährige Bloggerin zu dem Thema?

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  4. Die meisten brauchen sich doch in der heutigen Zeit gar nicht mehr mit dem Thema beschäftigen, denn viele klären sich dank des Internets und kostenloser Pornofilme doch selbst auf

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  5. Thematik und Artikel finde ich echt Klasse. Auf solche weiteren Artikeln würde ich mich sehr freuen. Beste Grüße, Susi

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  6. Interessanter Artikel. Ich glaube, ich würde nicht gerne mit meiner Mutter über das Thema reden.
    Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir bei den Filmen aufgefallen ist, was gefällt und was finde ich eher abstoßend, natürlich kann das in der Praxis dann wieder anders aussehen. Aber als ich meine ersten Pornos geguckt habe, war die Praxis noch weit entfernt.
    In meiner Jugend haben wir dann auch oft in größeren Gruppen mal einen Porno gesehen, eher mit Abstand und Diskussion darüber, wie unrealistisch manche Dinge dargestellt werden. Daher finde ich es auch äußerst überraschend, dass angeblich so wenig Frauen oder Mädchen Pornos konsumieren, ich hätte eher auf viel mehr getippt. In meiner Jugend hatte ich kaum jemanden im Freundeskreis, der nicht ab und zu mal ein Film dieser Art gesehen hat.

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  7. Die Sendung "Girls" läuft ja seit kurzem auch in Deutschland. Habe die erste Folge gesehen und fand sie total lächerlich und realitätsfremd.
    Absolut nicht sehenswert...wenn man mich fragt!

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  9. Thema beschäftigen, denn viele klären sich dank des Internets und kostenloser Pornofilme doch selbst auf

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  10. Die Sendung "Girls" läuft ja seit kurzem auch in Deutschland. Habe die erste Folge gesehen und fand sie total lächerlich und realitätsfremd.
    Absolut nicht sehenswert...wenn man mich fragt!

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