Samstag, 28. September 2013

Körperakzeptanz vs. Disziplin und Konsum

Die letzten Tage beschäftigte ich mich viel mit Körpern. Aktiv wie passiv. Mit meinem eigenen, mit dem anderer. In direktem Austausch, oder am Bildschirm. Es gibt viele Gedanken in meinem Kopf, die ich gerne mit Euch teilen möchte.

Kategorisierungen


Körper unterliegen in vielfacher Hinsicht Kategorisierungen. Sie werden als dick, dünn, fett, dürr bezeichnet. Es gibt ein "Über"-Gewicht, ein "Normal"-Gewicht und ein "Unter"-Gewicht. Abweichungen von diesem irgendwie mal festgelegtem "Normal"-Gewicht implizieren, dass ihr Vorkommen unnormal ist. Vielleicht sogar krank. Wahrscheinlich nicht begehrenswert. Begehren, ja, Vorstellungen von Attraktivität werden stark mit der äußeren Erscheinung gekoppelt. Menschen müssen sich oft dafür rechtfertigen, dass sie Partner_innen haben, die von gängigen Schönheitsidealen abweichen.

Frauen müssen sich dafür rechtfertigen, wenn sie nicht danach streben so auszusehen, wie die Covermodels der "Cosmopolitan", oder "Shape". "Normal" ist ein Frauen-Bauch der keiner ist. Eine leichte Kurve nach innen soll er machen. Das war auch lange Zeit mein Ideal-Bauch. Und ich unternahm mehr oder weniger ernste Versuche, dort hin zu kommen. Zuletzt hatte ich so einen Bauch mit 15 gemacht. Ich glaube im Nachhinein, dass es "normal" ist, dass sich der Körper im Laufe des Heranwachsens verändert und dass ich mit 25 nicht körperlich aussehen muss, wie mit 15. Ich hatte nie dieses ominöse "Übergewicht". Das Gefühl, mich für meine "Fettpölsterchen" an den Schenkeln und Hüften, für meinen nach außen tretenden Bauch schämen zu müssen allerdings schon.

Disziplin


Ich hätte mehr Sport machen sollen. Über Jahre war ich sogar im Fitnessstudio angemeldet. 

Die offizielle Version: wegen meiner Rückenprobleme. 

Eigentlicher Grund: attraktiver werden. 

Ehrlich gesagt: Ich habe die Einschätzungsmöglichkeiten meiner eigenen Schönheit schon lange verloren. Als Kind hab ich mich mit sowas nicht auseinander gesetzt. In der frühen Pubertät fand ich mich ganz ok. Danach wurd's problematisch. Als der Bauch nach Außen trat und die Beine begannen Cellulitis auszubilden. Und die Pölsterchen auf den Hüften sogenannte Schwangerschaftsstreifen aufwiesen. 
Ich versuchte es mit "Sport", also den ausgewählten Trainigseinheiten, die speziell auf Frauen mit meinen Problemen zugeschnitten sind: Bauch, Beine und Po-Übungen. Spaß war das nicht. Unmengen an Disziplin kostete es mich immer, meinen Körper ins Studio zu bewegen. Die Erfolge blieben weitestgehend aus, weil es mit meiner Disziplin einfach noch nie sonderlich weit war. Wenn mich etwas nicht begeistert, fällt's mir eben schwer bei Laune zu bleiben. Gegen Ende ging ich nur noch in die Sauna des Fitnessstudios.

Frauenmagazine lese ich schon seit vielen Jahren nicht mehr. Den Bildern zu entkommen, die ein Monopol auf Attraktivität haben, ist jedoch nicht möglich. Je nach Tagesform kann ich auch damit umgehen, dass ich eben eine "kleine" Frau bin und mein Körper so ist, wie er ist. Manchmal bin ich deprimiert. Ich messe mich mit anderen. Oder andere messen mich mit anderen.Natürlich weiß ich, dass die Bilder alle retuschiert sind. Oder dass all diese Frauen einfach auch dafür bezahlt werden, medial ausgeschlachtet zu werden und ihren Körper zu drillen, zu disziplinieren, in Form zu halten, in Form zu pressen. Das ist ihr verdammter Job. Traurig, was es für Jobs gibt.

Es ist wirklich grotesk, wie sehr es eine runterziehen kann, gefragt zu werden, ob man schwanger ist.

Das groteskeste daran ist allerdings, den "Fehler" bei sich zu suchen. Diese Fehleinschätzung, diese Dreistigkeit, seinen Körper beurteilen zu lassen als eigenen Fehler zu sehen. Klar, wenn ich mich nicht so hätte "gehen lassen", dann wäre ich gar nicht erst in diese peinliche Situation der Fehleinschätzung gekommen.

Konsum


So traurig es ist, und so demütigend auch, es sich vor Augen zu führen, es war zu nehmen: Ich lasse im Laufe der Pubertät andere über meinen Körper entscheiden, nehme Körperbeurteilungen an und messe meinen Körper daran. Ich messe mich mit Angelina und Fergie und Kiera. An dem fiktiven, durchdomestizierten und durchdisziplinierten perfekten, attraktiven Frauenkörpern. So soll meiner WERDEN, denn er ist ja anders und zwar defizitär. Unabhängig davon, wie er tatsächlich ist. 

Um meinen Körper dort hin zu bekommen, muss ich mein Konsumverhalten nach diesem Ziel ausrichten. Ich konsumiere bestimmte Lebensmittel vor anderen, ich kaufe Kosmetikprodukte um den Körper zu optimieren, um mich schön zu machen, schön zu WERDEN. Ich kaufe also Cremes und Lotions, Wimperntusche, Lidschatten, Lippenstift um mir eine Maske der Fickbarkeit zu schminken. Ich zupfe meine Augenbrauen, ich packe mir Conditioner in die Haare. Ich rasiere mir meine Beine. Wär ich nicht so ne Pussy würd ich sogar Wachsstreifen verwenden. Meine Pussy rasiere ich auch. Ich gebe Geld aus, in all diese Produkte, die mich schöner, attraktiver, fickbarer machen. Das ist traurig, aber es ist die verdammte Normalität in die wir Frauen des reichen Westens hinein wachsen.

Ich kaufe Kleidung, die meinen Brüste, die nämlich einer meiner Vorzüge sind, vor meinem Bauch betonen. In der Hoffung eines Tages auch meinen Bauch betonen zu können. Um da hin zu kommen, miete ich mich im Fitnesstudio ein. 

Grotesk ist nämlich auch: Ganz im Sinne des Neoliberalismus liegt es ja an mir und meinem Einsatz eben das zu erreichen, was ich erreichen will. Als hätte ich jemals eine Wahl gehabt. Aber es ist so. Wenn ich mein Körperziel nicht erreiche, dann nur, weil ich es nicht genug versucht habe. Vielleicht hätte ich nicht zu geizig für die Anti-Cellulitis-Lotion sein sollen? Und natürlich wesentlich disziplinierter sein müssen!

Begehren


Warum ich das ganze Spektakel durchmache hängt damit zusammen, wessen Objekt der Begierde ich sein soll und natürlich sein will. Das von Männern. Ob diese wirklich das wollen, was Frauen denken das sie wollen, bzw. vermittelt bekommen, was sie wollen, weiß ich freilich nicht. Wir reden ja nicht miteinander. Wofür sollten Männer und Frauen denn auch miteinander reden, wenn diese Zeitschriften schon als die perfekten Mittler fungieren. Männer stehen nunmal auf lange schlanke Beine. Auf pralle Ärsche, auf Sanduhren-Silhouetten. Das ist Veranlagung, Baby! Steckt ganz deep in den Erbanlagen. 

Vielleicht lernen Männer aber auch einfach das zu begehren, was sie begehren sollen. In meiner Jugend hatten viele Jungs ein Poster einer nackten Carmen Elektra unterm Wasserfall in ihrem Zimmer hängen. Ich glaube, das machte sie erwachsener, oder so. Normalität wird konstituiert. Und jeder von uns trägt seinen Teil dazu bei. Wir beginnen uns mit dem, was normal ist, zu identifizieren. Jungen lernen, dass es zur heterosexuell konstituierten Männlichkeit dazu gehört, Carmen Elektra oder andere Wunderweiber geil zu finden. Manche wachsen darüber hinaus und lernen kennen, dass es einfach wirklich viel, viel mehr und gutes gibt. Andere verharren möglicherweise in diesen Vorstellungen des perfekten Frauenkörpers und verlangen diesen. 


Wir schränken uns mit dieser ungesunden Fixierung auf die Körper so unfassbar stark ein. Wir selektieren uns selbst in den Pool der Attraktiven hinein und hinaus, wir machen dies eben so mit anderen Menschen. Dabei werden wir zu Opfern unserer Oberflächlichkeit. Wir beschränken uns selbst so vieler Möglichkeiten, Wertschätzung zu geben und zu erfahren. Die Beurteilung des Äußeren ist der Sympathie, der Attraktivität des "Geistes" vorgeschaltet. Person X kann wirklich ein wunderbarer Mensch sein. ABER ... wir verharren zu oft in Beurteilungsschemata, welche zu einer Monokultur der Attraktivität führen und die Vielfalt von Schönheit, Attraktivität - welche tatsächlich mit der Optik einfach nichts zu tun haben müssen, komplett außenvor lassen. Wir haben mitunter auch Angst vor den Urteilen unserer Freunde, wenn unser_e neue_r Partner_in nicht in dieses von uns allen internalisierte Schema hinein passt.

Körperakzeptanz


Mit meinem Bauch habe ich Frieden geschlossen. Statt ins Fitnesstudio zu gehen, mache ich seit einigen Monaten Bauchtanz. Das bedeutet Bewegung und den eigenen Körper so wie er ist kennen zu lernen, mit ihm umgehen zu lernen, ihn bewegen zu lernen. Günstig: Der Bauch ist ein wesentlicher Bestandteil und es ist sogar für viele Bewegungen von Vorteil, wenn er grundsätzlich nach außen gewölbt ist. In unserer Gruppe geht es um die Freude an der Bewegung und am Körper. Wir tanzen nicht um tanzend sexy zu sein, sondern des Körpergefühls wegen. Es ist unglaublich, wie wenig ich  über meinen Körper bis dato wusste. Wie wenig ich ihn all die Jahre gespürt habe. Vor wenigen Monaten "traute" ich mich sogar, bauchfrei zu tanzen. Bauchfrei bin ich sonst nur am Strand oder in der Sauna. Aber so vorm Spiegel, beim Bewegen, in Kleidung meinen Bauch zu zeigen wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich hätte gesagt, dass er dafür einfach nicht aussieht. Bauchfrau Bauchtanz zu machen ist ein auto-optischer Hochgenuss. Man kann beim Durchführen der Bewegungen ganz genau beobachten, was da eigentlich abgeht. Der Bauch lebt, er bewegt sich, die Muskeln werden beansprucht. Mal wölbt er sich weit nach Außen und gibt dem Körper Volumen, mal zieht er sich nach innen, die Bewegungen fließen.

Bauchtanz ist großartig. Es ist ein Tanz, bei dem der Körper sich Raum zurück erobert. Aus sich, aus seinen Bewegungen heraus. Der Bauch hat Freiheit.

Kommentare:

  1. Danke!
    Und dazu passend: http://www.youtube.com/watch?v=M6wJl37N9C0

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  2. "Ich messe mich mit Angelina und Fergie und Kiera."

    du sagst es doch selbst: DU misst dich.
    die anderen vll auch. aber zunächst mal bist du es selbst.

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  3. Einfach nur Danke! Genauso.
    Und Anonym: Es geht eben nicht darum, dass jede einzelne ihre Haltung zu sich ändert und das ganze Problem ins Private abgeschoben wird. Es ist ein gesellschaftliches Problem: Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche - auch des Begehrens, auch des Körpers, speziell des weblichen. An der Abwertungsmaschine wird schließlich sehr gut verdient.

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  4. Ich kenne kaum eine Frau, die so absolut wahnsinnig umwerfend ist wie du. Diese Normierung von Schönheit ist unglaublich albern - Menschen sind vielfältig, und das ist auch gut so. In den Mainstream-Medien bekommt man immer wieder diejenigen 5% der Frauen zwischen 15 und 35 zu sehen, die von der überwältigenden Mehrheit der Menschen als schön empfunden werden.

    Die Bilder sind dann auch noch so sorgfältig inszeniert und mit Photoshop et al. dermaßen von allen Makeln realsterblicher Körper befreit, daß keine echte Frau jemals dermaßen perfekt sein könnte, nicht einmal die realen Personen hinter den Bildern - welche schon bei der genetischen Lotterie den 6er hatten.

    Die Bilder der Massenmedien sollen natürlich Begehren wecken, dann verkaufen sie sich gut. Und mit diesen Bildern wiederum werden auch materielle Produkte verkauft.

    Ich frage mich, warum die massenmediale Hypersexualisierung des männlichen Körpers so zögerlich anrollt... vermutlich, weil heterosexuelle Männer sich in der Objektrolle meist nicht gefallen (außer sie sind ausgesprochen devot, was natürlich vorkommen kann). Je mehr männliche Homosexuelle sich im gesellschaftlichen Mainstream offen erkennbar etablieren, desto mehr wird auch das geschehen.

    Manchmal ertappe ich mich auch nackt vorm Spiegel, wie ich drüber nachdenke, mal Muskeltraining zu treiben. Nicht, weil ich mich ernsthaft zu mager und schwächlich fühle (weshalb mein Vater mich als Kind dauernd zum Trainieren ermuntern wollte), sondern weil ich Angst habe, in ein paar Jahren einen schlaffen, formlosen Körper zu haben. Ich will einfach auch in Zukunft noch nackt gut aussehen.

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    1. Öh, das hier war der Nils aus Köln. Mein Google+ Profil nimmt der wohl nicht zum Antworten auf Blogspot.

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  5. Passend dazu folgende Diskussion über die Penisgröße: http://www.youtube.com/watch?v=MFpKu_oQ4W4

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  6. Ich habe mir früher nie viele Gedanken gemacht über meinen Körper, in gewisser Weise habe ich ihn gar nicht weiter beachtet. Und ich hatte vielleicht genau deswegen auch nie Probleme beim Sex.
    Jetzt bin ich über vierzig und stelle fest, mein Körper verändert sich. Der meines Mannes auch. Ob ich da nun etwas daran tue oder nicht, ein paar Jahre früher oder später lässt nun mal die Spannkraft nach, die Falten lassen sich nicht vermeiden. Und genau das Wissen darum entspannt mich. Wenn es sowieso kommt, dann ist es so, dann soll es so sein.
    Ich bin gespannt, wie mein Mann und ich uns in das Alter hinein entwickeln.
    Ich glaube auch nicht, dass man noch als "ältere" Frau sexy sein muss. Ich entwickele mich immer mehr nach innen und lasse das Äussere sich mitentwickeln. Aber ich strebe nicht nach Perfektion oder Sexyness. Und das tut so gut!!!!

    S.

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  7. Ich habe seit einem Jahr keine Fernseh- bzw. Kinowerbung mehr gesehen und war letzten Sonntag dann im Kino. Die Werbung wirkte auf mich wie ein Kulturschock der widerlichen Art. Immer diese Verknüpfung von Frauen- oder Männerkörperdetails, Sex und den Produkten - und zwar egal, was beworben wurde. Ich kann nur jedem raten, den Fernseher rauszuschmeißen und sich nicht dieses Brainwashing anzutun.

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