Donnerstag, 12. September 2013

Die Ermöglicher*innen

Irgendwann in meinem Leben sagte ich mir, dass es mir nichts geben wird, an die letzte monogame Beziehung mit einer nächsten monogamen Beziehung anzuknüpfen. Monogamie war mir ein Greuel, Monogamie hatte meine Beziehung nach meiner Auffassung und Wahrnehmung kaputt gemacht.

Oft und gerne argumentiere ich damit, dass viel mehr möglich ist, wenn man ein offenes, bedürfnisorientiertes Konzept einer romantisch-ideologisch geführten monogamen Beziehung vorzieht. Allzuoft sind Poly-Konzepte ebenfalls romantisch-ideologisch. Ist ja auch kein Wunder, schließlich müssen sie sich ständig behaupten und rechtfertigen und die vielen kleinen und großen Logikfehler aufzeigen, welchen Monogamisten aufsitzen.

Weder Monogamie noch Poly-Konzepte sind ein Garant für den Bund des Lebens. Sowas gibt es einfach nicht. Einen Garant. Und es bringt auch nichts sich in Theorien zu verstricken darüber, was nun unter welchen Umständen aufgrund welcher Herleitungen und Prämissen zu welchen besseren Ergebnissen führt. Also theoretischer Unterbau ist immer klug, würde ich meinen. Aber letzten Endes ist doch das Leben in der Praxis und mit der Praxis das, was wir aktiv führen. Und hier müssen Konzepte erprobt und ausgehandelt werden und im besten Falle so, dass Menschen Genuss empfinden, an dem was sie tun und glücklich und zufrieden werden.

Ich mag trotdem mal kurz einen Aspekt von Poly-Konzepten in den Vordergrund stellen, der meiner Meinung nach viel zu kurz kommt. Über den Nachzudenken sich wirklich lohnt. Wirklich, wirklich lohnt.

Wer macht denn all die Vorzüge einer Poly-Beziehung, beim Namen genannt, die Möglichkeit sexueller und/oder emotionaler Freizügigkeit möglich?

Die meisten mir bekannten im weitesten Sinne poly liebende/lebende Menschen lehnen ein Treuekonzept ja nicht ab. Treue ist dabei nicht an sexuelle Exklusivität wie in Mono-Beziehungen gebunden, sondern daran, dass Absprachen gehalten werden, dass eine Vertrauensbasis besteht, die sich auf die Einhaltung der Absprachen stützt. Die Absprachen werden zwischen den Personen in der Beziehung getroffen, im besten Falle in Rückbezug auf deren Bedürfnisse (und nicht reinem Rückbezug auf Moralvorstellungen). 

Indem wir die Absprachen treffen, die uns und unserem Partner sexuelle/emotionale Freiheiten zugestehen, sind wir es, die einander ermöglichen all die Sachen zu erleben, die wir erleben werden. Jede einzelne wunderbare sexuelle und emotionale Bereicherung unseres Lebens wird lediglich zustande gekommen sein, weil wir das OK einer Person erhalten haben, die wir so unglaublich schätzen, die wir lieben, deren Wohlergehen uns am Herzen liegt - und umgekehrt. 

Wenn ich daran, an diesen Umkehrschluss denke, dann ergreift mich eine tiefe Dankbarkeit ALLEN Partner*innen gegenüber: meinen eigenen, die mir Freiheiten geschenkt haben sowie denen, die mir die Möglichkeit boten mit ihren Partner*innen intim zu werden.

Dabei möchte ich mich gegen den Gedanken wenden, es sei ein Opfer oder ein Entbehren, dem Partner sexuelle Freiheiten zu zu gestehen. Wem wird denn dabei etwas genommen? Es ist doch viel mehr ein Geschenk den Partner*innen, den anderen und auch sich selbst gegenüber.

Tatsächlich erfüllt es mich mit Genugtuung zu wissen, wass ich zu geben alles im Stande bin. Nicht an die Grenzen meines Körpers, meines Geschlechtes, meiner Physis, meiner Vorlieben gebunden zu sein, sondern denen die mir wichtig sind wirklich ALLES geben zu können, was sie begehren. Indem ich Zugänge schaffe, Wegbereiterin bin, tatsächlich Macht ausübe - denn ich könnte mich auch sperren. Aber wofür? 

Die Öffnung einer Beziehung bedeutet für mich die Erweiterung und Implementierung unterschiedlichster Möglichkeiten und Erfahrungen - von denen wir eben nicht ausgeschlossen sind, wenn unsere Partner*innen Intimität mit anderen teilen sondern im Gegenteil ein wesentlicher Teil dessen sind, indem wir die Begegnungen, den Genuss, die Freuden als solche erst ermöglicht haben.


Kommentare:

  1. Wow, wie richtig. Es muss nur jedem seine eigene Entscheidung sein. Es gibt (zu Recht) unterschiedliche Ansichten die es auch zu tollerieren gilt. Wer das schafft kann sich auf viele Abenteuer einlassen und diese Erfahrungen umso intensiver auch teilen.

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  2. Wow, toller Text. Ich stimme dem Text voll und ganz zu. Es gibt halt vor und Nachteile für das eine und für das andere. Die Gelüste eines Menschen zu befriedigen ist halt nicht immer einfach und man muss oft, leider auch zu oft Kompromisse eingehen können. Man sollte sich nur bewusst sein was man am Ende seines Lebens haben will.

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  3. Schon eine interessante Ansicht, die eine Überlegung wert ist. Vor allem die Schreibweise gefällt mir sehr. Allerdings wird meine jetzige Freundin sich nicht zum polygamen Leben überreden lassen. Allerdings ist sie schon aufgeschlossen. Erst kürzlich haben wir hier ein paar Dinge für das Liebesleben im Schlafzimmer geholt und probieren nun aus. Vielleicht ändert sie nach diesen Erfahrungen ja noch ihre Meinung. Mich jedenfalls macht das schon neugierig!

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  4. Grandioser Text! Eine Frau die Mann aus der Seele spricht!

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