Donnerstag, 17. Oktober 2013

Sasha Grey: "The Juliette Society"

Sasha Grey, eine Ikone, ein schillernder Popstar, eine junge Frau, die als Pornostar zur Fame gelangte, hat nun ihren Debut-Roman raus gebracht. "The Juliette Society". Ich habe es gerade zuende gelesen.

Kurzzusammenfassung: Es geht um Sex. 

Etwas mehr Details: Es geht um Catherine, eine Filmstudentin, die über verschiedene Personen, die Einzug in ihr Leben erhalten Inspirationen aufnimmt. Diese bringen sie in sexueller Hinsicht weit weiter, als davon zu träumen, ihrem Partner Jack in Heels und in Dessous im Büro zu vernaschen. Sie entdeckt zuvor unterdrückte Seiten an sich und landet schließlich bei der "Juliette Society", einer Loge, einem Geheimbund mächtiger Männer Menschen, die einem Hedonismus frönen der nicht nur entfernt an den Marquis de Sade erinnert. 

Ich war schon den ganzen Sommer heiß auf das Buch und konnte mich gerade noch so zurück halten, im Urlaub nicht die spanische Version zu kaufen um gleich einsteigen zu können. Nein, ich war überzeugt davon, dass ich Sasha Grey auf Englisch lesen will. Das war für mich doch überhaupt das spannendste und vielleicht sogar das einzig spannende an dem Buch: In die Gedankenwelt Sasha Greys einzutauchen. Das Buch hat einen sehr persönlichen Stil, ist aus Catherines Perspektive Geschildert und es sind die Gedanken, die wohl aus Sashas Kopf in ihre Tastatur geflossen sind, die nun lesbar, nachvollziehbar auf dunkelweißem Papier stehen. So nah war ich meinem Pornostar noch nie. Das ist wahre Intimität, zu lesen was andere schreiben. Auch wenn sie nicht über sich schreiben, so offenbaren sie ja doch etwas über sich. Das fand ich richtig spannend.

In diesem Zusammenhang haben mich die Schilderungen sexueller Situationen in dem Buch sehr überzeugt. Es kann auch daran liegen, dass deutsche Übersetzungen von Menschen geschrieben werden, die gar nicht so viel Plan davon haben, wie man pornographischen Text literarisch ansprechend übersetzt. Aber die Sexpassagen in "The Juliette Society" haben mich überzeugt. Ich hatte Angst, eine Ex-Pornodarstellerin geht da zu sehr nach 0815-Porno-Standardschema vor - aber nein. Wenn auch pseudo-phantasievolle Szenarien hier und da auftauchen, so ist der Sex angenehm, nachvollziehbar, am Menschen, an Catherine orientiert, geschildert.

Catherine, die Filmstudentin bringt recht viele Gedanken an Filme in die Story mit ein. Sie denkt nach über die Charaktere, den Aufbau des Films, Schlüsselszenen und verwebt dies mit ihrem Erleben. Zu weiten Teilen des Buches fand ich das sehr interessant und passend und überhaupt: Ich mag es sehr, wenn die Gedanken der Buchcharaktere Formen annehmen, wenn wir ihnen in den Kopf lesen können, wenn sie uns etwas zu sagen haben, was auch für uns relevant und interessant sein kann. Aber gegen Ende des Buches, wo es ja tatsächlich eine Art Wendung gibt, fand ich es nur noch nervig.

Während das Buch mit der Perspektive eröffnet und sich entwickelt, Catherine in neue, schöne Welten der körperlichen Lust und der Ausschweifungen zu begleiten, so entwickelt es sich recht plötzlich davon weg, ohne tatsächlich das Potenzial aufzubauen immerhin ein guter Thriller zu werden. Leider verbleiben diese Ausschweifungen und die Lust entweder in Catherines Kopf - was nun nicht der schlechteste Ort ist - oder sehr an der Oberfläche und gehen nicht über das hinaus, was wir doch alle über die Sadomasochist*innen und die reichen Menschen wissen, seit "Eyes wide shut" oder... ich glaube in den USA gibt es bestimmt auch Fernsehformate, wo Menschen bei ihren dirty Hobbies begleitet werden und man sehen kann, wie so ein SM-Keller und eine entsprechende Party abläuft. Kurz: Alles bekannt und schon x-mal als voll besonders durch den Fleischwolf gedreht. Neues oder anderes hätte in diesem Zusammenhang bedeutet, mehr auf die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin und vielleicht sogar anderer einzugehen, vielleicht mehr Dialoge, auf jeden Fall mehr Tiefe. 

Das Ende fand ich enttäuschend in der Hinsicht dass das Potenzial der dramaturgischen Wendung nicht ausgeschöpft wurde sondern eher im Gegenteil, eine Verknüpfung von Sex und Crime, wie sie wirklich jede/r herstellen kann, ihren finsteren Schatten über die Story legt. Hätte ich mir natürlich auch denken können. Wenn ein Buch "The Juliette Society" heißt. Die hatte ich zwischenzeitlich ja vergessen, weil das Buch wesentlich näher an dem Leben dran war, was Studentinnen mit überarbeiteten und daher sexmuffeligen Freunden führen, als an irgendwelchen Geheimbünden. Ok, den Geheimbund an sich, den hätte ich ja auch noch geschluckt. Aber Crime? Seriously, Sasha? Warum? 

Warum?

Warum?

Verdammte Scheiße, ich habe es so satt, dass Bücher, wenn sie Sex behandeln, wenn sie tatsächlich auch mal Sex so schreiben, dass man sich freut ihn zu lesen und überhaupt, ich habe es so satt, dass dann immer diese überdimensionierte MACHT einem riesigen Phallus gleich sich niedersenken muss und den ganzen süßen, allzumenschlichen Sex einfach so wegbumst! Ernsthaft. Es macht mich wütend. Guter Sex in Büchern: Entweder es wird versucht den perfekten Mann als Vampir oder als Multimillionär zu erschaffen. Oder es geht um neugierige Journalistinnen, die sich in für sie gefährliche Millieus begeben - aber gefährliche Männer ficken halt gut. Oder sonstwie um Frauen, die ihre Nase in Dinge reinstecken, die sie nichts angehen. Die gefährlich sind. Die verboten sind. Und verlockend. Ja ja. Mann. Ist das spannend. Und ausgefallen. Und mal was neues und was ganz anderes. Nicht.

Dabei bringt Sasha Grey in meinen Augen ein unfassbares dekonstruktivistisches Potenzial mit sich. Einfach aufgrund ihrer Erfahrungen in der Pornoindustrie, ihres Status, der Art und Weise wie ihr Berufsfeld polarisiert, der Art wie sie gefeiert wird und der Einblicke, Erfahrungen und Perspektiven, die sie gesammelt hat und auf die sie zurück greifen kann. "The Juliette Society" verbleibt hierfür allerdings zu sehr im allzu bekannten, auf der Oberfläche und schafft es nicht Verknüpfungen zwischen Sex und Macht so zu kontextualisieren und problematisieren, dass hieraus neue Perspektiven entstünden.

1 Kommentar:

  1. Knallige Worte. Aber.. ich könnte mich auch über Sex in den Medien aufergen xD

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