Samstag, 22. Februar 2014

Symphonischer Sex

Es ist ein grauer und verregneter kalter Februartag und ich liege nach einem intensiven Wochenende in der Küche auf dem Sofa. Das ist nicht bequem aber eben das, was ich habe. Auf meiner neuen alten Musikanlage aus dem familiären Nachlass höre ich Mahlers Symphonie Nr.2, die Auferstehungssymphonie. Auf Mahler bin ich damals aufmerksam geworden, weil er Charles Bukowskis Lieblingskomponist war. Ich dachte, was einem Bukowski gefiel kann einfach nicht schlecht sein und lauschte. Seitdem hat sich die Auferstehungssymphonie in meinem Geist unvergängliche Spuren hinterlassen. Sie hat sich eingeprägt als eines der komplexesten, ästhetischsten und berührensten Musikstücke die ich kenne. Sie nimmt mich einfach mit, füllt mich aus und schenkt mir Gefühle und Gedanken. Sie überwältigt und überfordert mich und hinterlässt mich gänzlich befriedigt und um einige Erkenntnisse oder zumindest um einige Fragen reicher. 

Ich denke nach, über diese Komplexität, weil die Musik, die wird Komponiert; die vielen verschiedenen Komponenten, und wie sie klingen sollen, welche Stimmung sie transportieren, von welchem Instrument sie interpretiert werden. Und ich denke darüber nach, was es bedeutet eben das als Komponist zu leisten. Was für eine Menge an Intensität des eigenen Erlebens darin mitspielt. Und was einfach auch das Erleben der Aufführung einer Symphonie mit den Zuhörern macht. Siehe oben. Das ist ein sinnliches Empfinden, wie kaum andere Dinge im Leben es schaffen. Das sind sinnliche Freuden par excellence.

Und ich denke mir: Kann nicht auch Sex mit einem weiteren Menschen (von mir aus auch mit noch mehr, aber da wird das aufeinander Abstimmen unter Umständen komplizierter…) symphonische Züge annehmen? Im wörtlichen Sinne heißt „Symphonie“ ja auch „zusammenklingend“. Wenn ich ein Ideal davon hätte, was Sex zwischen Menschen bedeutet, dann denke ich, dass zusammen Klingen eben dieses wäre. Sich aufeinander einlassen und gegenseitig sinnbildlich, wörtlich aber auch, zum Klingen zu bringen. 

Ein weiterer Gedanke: Kann das Schaffen und Rezipieren von Musik nicht auch eine Sublimierung sexuellen Empfindens und Erfahrens sein? 

Wenn ich mir anschaue, was für ein Genuss mit dem Hören einer Symphonie einher geht, wie der Aufbau einer solchen auch auf ein unfassbar krasses Ende, einen Höhepunkt und Endpunkt hin fließt, welches schlichtweg überwältigend ist, Gänsehaut provoziert, dazu noch Ergriffenheit, dann kann ich beide Fragen bejahen. Es gibt Spannungsmomente voller Bedrohlichkeit oder Leidenschaft. Es gibt Ruhephasen, welche lieblich klingen oder zärtlich. Zum Träumen einladen oder zum Gedankenschweifen. Es gibt diese lauten, einnehmenden und mitreißenden Passagen, in denen Denken gar nicht möglich ist, die Gedanken übertönt und man selbst unnachgiebig Vereinnahmt wird, von der Klanggewalt. Diese Momente wären nicht so bombastisch, wenn ihre Bombastizität sich in einen fort durchsetzten. Sie wirken nur so stark weil sie deutlich anders sind als die anderen. Und dieser Wechsel, zwischen dem Stürmischen und dem Zarten machen das Hörerlebnis zu einem besonders intensiven. Wenn ich nun symphonischen Sex haben wollte, oder habe, ohne das zu intendieren, dann finde ich viele dieser Motive wieder: die Variation in der Intensität und des Einsatzes von Berührungen, von Handlungen oder Techniken. Variierende Tempi, sich abwechselnde Motive, und so weiter. 

Hier nun das für mich so wunderschöne Finale Mahlers 2. Symphonie. Die Boxen müssen zu Beginn sehr laut eingestellt sein, weil der Chor sehr, sehr leise (und so zauberhaft) einsetzt und sich die ganze Klanggewalt erst nach und nach entfaltet.

1 Kommentar:

  1. Oh ja, passt gut. :) Oder wie es Reinhard Mey so schön ausdrückt:

    "...Und jetzt steht da dies Klavier und Manni rückt den Sessel ran,
    Streicht ganz sacht über die Tasten, fängt zu spielen an und dann
    Lässt er Töne funkeln, perlen und wie Sternenstaub aufweh‘n,
    Lässt die Melodien fließen, lässt kleine Wunder gescheh‘n.
    Und er rührt dich und er schürt dich und zerreißt dich Ton für
    Ton,
    Bis du glaubst, dein Herz zerspringt in einer Freudenexplosion!"

    Auch diese Beschreibung passt sehr gut zu Sex.

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