Freitag, 23. Mai 2014

Der ultimative Sextipp #2: Präsenz im Bett

Nachdem ein wenig Zeit ins Land gestrichen ist, komme ich nun zum ultimativem Sextipp #2, den ich auf Basis meines Erfahrungsschatzes gerne teilen möchte. Auch hier spielen persönliche Wahrnehmung und subjektive Vorlieben eine Rolle. Und eigentlich ist auch das eher wieder eine phänomenologische Auseinandersetzung mit Sinnlichkeit, als ein wirklicher Tip. Vielleicht also mehr eine Anregung.

Präsenz bedeutet für mich sich seiner Selbst (was auch immer das nun heißen mag), bewusst zu sein, in der Situation. Es heißt, bei sich zu sein. Als Mensch in die sexuelle Interaktion einzutreten, als der, der man ist. Ich zumindest ziehe die Freude aus sexueller Interaktion daraus, das Gefühl zu haben, gemeint zu sein. Dass die Person gerade mit mir Sex haben will, weil sie MICH interessant findet. Es ist ein schönes Gefühl, sich gemeint zu fühlen. Ich will nicht einfach nur irgendjemand sein. Und mein sexueller Gegenüber ist auch nie irgendjemand. 
Präsenz ist somit eine Einstellung mir selbst gegenüber. Sie kann nicht von außen, vom anderen hervorgelockt werden, sondern ich bringe sie mit ein.
Sie heißt auch zu versuchen, im Jetzt zu sein. In der Situation, bei sich und beim anderen. Also sich nicht in eine Ebene der Sorgen und Gedanken um das was passiert zu begeben. Das ist vielleicht das schwierige. Sich nicht Gedanken zu machen, über die körperliche Verfassung, darüber wie man wohl ankommt, sondern zu relaxen. 

Präsenz im Bett heißt nicht, das Geschehen steuern zu müssen oder nicht auch passiv sein zu können. Es heißt viel eher sich mit Haut und Haaren, mit all der Möglichkeiten zur sinnlichen Erfahrbarkeit ins Geschehen einzulassen, hinein zu stürzen in die Empfindsamkeit. Was können wir nicht alles wahrnehmen. Und das heißt erfahren. Wir sind Menschen voller Sinne die nur danach lechzen gereizt zu werden. 

Präsenz im Bett bedeutet somit aufmerksam und achtsam zu sein. Zu spüren, was mit einem selbst geschieht und sich einzulassen auf die übermittelten Befindlichkeiten des anderen. 
Zu hören, wie Atmungen sich verändern, wie Stöhnen sich seinen Weg bahnt, wie sich Stimmen verändern, belegt sind, rau werden, einem Flüstern weichen, weil es vielleicht doch ein wenig zu unbehaglich ist, die Kontrolle über die Stimme zu verlieren. Wie Wortzusammenhänge sich auflösen, sakrale Ausrufe das Ficken begleiten. Oder Flüche zu Lustäußerungen werden. Oder wie es lediglich schweres Atmen ist, das die Stille begleitet und nur die Reibung zwischen den Körpern den Ton angibt.
Zu sehen, wie sich Gesichter verändern, der Ausdruck von Erregung und Empfindung geprägt wird, vielleicht auch den eigenen Ausdruck spiegelt. Zu sehen, wie Haut sich verändert, rosig wird oder fleckig. Wie sich die Lust in den Genitalien manifestiert, diese anschwellen und feucht sind und glänzen. Oder wie der andere Körper einfach schön ist. Schön aussieht. Und bestimmte Körperpartien oder Merkmale im Besonderen. Oder in der Bewegung. Vielleicht auch im Verharren. Möglicherweise sieht es ganz toll aus, wie der Brustkorb sich in der Atmung hebt und senkt, sich der Rippenbogen abzeichnet oder sich Brüste der Schwerkraft hingeben. Wie Füße sich in Erregung verkrampfen oder Hände sich ballen oder in das Laken krallen. Becken kippen. Rücken aufbäumen. Süße, große, schöne, knackige Hintern wippen. Muskeln sich abzeichnen und in Bewegung sind, bei der Betätigung.
Zu spüren, wie alles einwirkt, auf unsere Haut die so kostbar ist, das Organ dem wir alles verdanken, was wir körperlich wahrnehmen können. Unsere Haut ist gleichsam Grenze wie auch Bestandteil unseres Leibes. Und immer auch die Schnittstelle zum anderen in direkter sexueller Interaktion. Wenn wir uns berühren, tun wir dies über unsere Haut. Egal wo. Es ist immer die Haut, die übermittelt. Wir tasten mit den Fingerkuppen, die unglaublich empfindsam sind und gleichermaßen Empfindung auslösen. Wir können fühlen, wie Erregung den Körper verändert. Den eigenen und den anderen. Gänsehaut macht sich breit. Nippel werden steif. Penisse ebenfalls. Diese pulsieren auch und Adern treten hervor, die wir spüren können. Körper werden warm, hier und da auch feucht. Wie sich die Feuchte zwischen Frauenschenkeln verändert ist auch spürbar. Wie Hitze aufsteigt ebenfalls.
Wir können uns berühren und berührt werden. Spüren wie Berührungsintensität variiert. Den anderen Greifen, drücken, quetschen, streicheln - bestimmt oder sehr zart. Oder tausend Facetten davon. Unsere Berührungen können Intentionen folgen oder auch einfach intuitiv sein, einfach so sein, wie sie sind. Es sind nicht nur unsere Hände, mit denen wir uns berühren können, wenngleich diese es wohl sind, welche am ehesten Intention transportieren. Wobei unsere Münder wahrscheinlich in noch wesentlich intimerer Art prädestiniert sind, Lust und Wohlbefinden, Zärtlichkeit und Geilheit zu provozieren. Küssen, Zungenschläge, Lutschen, Saugen, wo auch immer wir das gerade gut finden.
Es gibt Umarmungen unterschiedlichsten Ausmaßes. Auch hier die Möglichkeit diese zu intendieren. Als Ganzkörperklammer um dem anderen so nah zu sein, wie nur möglich, zum Beispiel. Pointierter der Würgegriff, welcher durch die akzentuierte Aggressivität vollkommen andere Ebenen der Zärtlichkeit provoziert. Schon flüchtige Berührungen von Unterarm an Unterarm, Schulter an Schulter oder Knie an Knie können Nähe stiften. Die auf dieser dezenten Ebene des Beieinanderseins verbleiben, oder ein erster zaghafter Punkt eines langen Erfahrungsweges der Annäherung sein können. 

Ich möchte nicht alles durchexerzieren sondern denke meinen Standpunkt klar gemacht zu haben. Präsenz hat nichts mit Performance zu tun, so wie Sex für mich auch keine Inszenierung sein sollte, sondern ein Miteinander erleben sinnlicher Freuden in denen Menschen und ihre Bedürfnisse, ihre Empfindsamkeit im Vordergrund stehen. Präsenz heißt sich als Akteur*in in der Interaktion wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Sich der eigenen Handlungsmöglichkeiten und Empfindungsmöglichkeiten bewusst zu sein und diese genießen zu wollen. Mit und durch den anderen. Und vielleicht hat das alles auch wesentlich weniger mit Altruismus zu tun, als viel mehr mit einer Art der Liebe und Sorge um sich selbst und dem Wissen, dass wir einander brauchen, um uns selbst spüren zu können.
Der Wunsch einander Gutes zu tun ist in meiner normativen Sicht auf sexuelle Zwischenmenschlichkeit verankert. Doch heißt das nicht sich der Gunst und dem Wohlgefallen des anderen auszuliefern und Sex an ein Gefallen-Wollen zu koppeln. Präsenz heißt somit mehr, sich seiner bewusst zu sein und sich auf die Situation und das Gegenüber einlassen zu können. Agieren und Reagieren zu können. Aber nicht zugunsten einer Performance, eines intendierten Programms das abgewickelt wird, sondern die Situation sich entwickeln zu lassen, wie sie sich eben in Rahmen dessen Entwickelt was die beteiligten Personen sich gegenseitig zu spüren, zu zeigen, zu sagen, zu hören, zu schmecken und zu riechen haben. 

Die Präsenz unterliegt mit Sicherheit auch Störfaktoren. Ich zum Beispiel kann mich nicht darauf einlassen, wenn nebenbei noch ein Film läuft oder Musik. Das lenkt mich ab. Oder wenn die Zeit begrenzt ist, oder die Aufregung zu groß. Sie hat etwas mit Dynamik zu tun, die sich oft auch erst einpendeln muss. Die nicht gleich beim ersten Mal mit einer neuen Person funktioniert. Aber vielleicht doch, wenn Druck außenvor steht und Zeit und Wohlwollen und Lust an sich selbst und am anderen und Offenheit sowie wenig Verlegenheit die Kommunikation prägen.

Kommentare:

  1. Ein sehr kluger Artikel. "Präsenz" scheint mir die Grundlage für eine erfüllte Sexualbeziehung zu sein - sich eben wirklich mit Haut und Haaren auf einen anderen Menschen einlassen zu können...

    Rein physische, "sinnliche Präsenz" macht den Sex intensiv: Nur wer von Haptik bis Akustik alles im Bett auslebt, kann ganzheitlich - völlig, bis zum selbstvergessen - genießen.

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  2. Schöner Artikel, genau so sollte es immer ablaufen, wenn es etwas gibt was ich garnicht abhaben kann ist es schlechter Sex. Schlechter Sex ist für mich pure Zeitverschwendung deshalb lege ich immer drauf Wert eine Partnerin mit viel Temperament und Erfahrung zu haben.

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  3. Ich muss auch mal ein Lob für den Artikel da lassen, sehr schön geschrieben.

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  4. Tatsächlich sehr erotisch. Werde mir jetzt auch mal einen Vibrator organisieren.
    LG

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  5. Das ist mit das Klügste, das ich (zumindest im Internet) über Sex je gehört habe...

    You pretty much nailed it! ;)

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