Donnerstag, 25. September 2014

Die Schlampenfalle oder die krude Logik des Minirocks

Anfang Juli  brachte Zeit online einen Beitrag über( Cyber-)Mobbing im Kontext von Sexting, also der Praktik, in der sexualisierte Form der Selbstdarstellung über elektronische Medien an zweite oder dritte weitergegeben wird. Das Beispiel war der Fall einer 14-jährigen, die sich bei der Selbstbefriedigung filmte und das Video an einen Freund ihres Exfreundes schickte, welcher dieses an den Ex weiterschickte. Danach wurde das Video an weitere Mitschüler*innen verbreitet, sodass letzten Endes die gesamte Stufe und auch weite Teile der Schule das Mädchen beim Masturbieren gesehen hatten: Gegeben war die Grundlage, die Legitimation diese schlecht zu behandeln. Lehrer*innen, Eltern und Sozialarbeiter*innen verkommen in diesem Szenario zu überforderten, uninformierten Statisten. Sie begreifen das Ausmaß zu spät, wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, verbleiben letzten Endes auch nur beim „Fehler“, den das Mädchen begangen hat. Die Gewinner dieser Geschichte sind die beiden Jungs: sie werden weder rechtlich noch sozial belangt, sie haben sich nichts zu Schulden kommen lassen, schließlich war sie es, die sich entblößte.
Dieser Vorfall ist nicht der erste oder einzige dieser Art. So wie in dem Artikel dargestellt, läuft die Eskalation öfter ab. Es beginnt beim Mädchen, welches den „Fehler“ macht, sich zu zeigen. Auf einem Medium, das es nicht wird kontrollieren können. Sie geht das Risiko ein, und wie alle, die auf Risiko spielen, sollte es wissen, dass es für sie üble Folgen haben kann. Appelliert wird dabei implizit, an das autonome Ich, an das Selbst des Mädchens, was in jedem Fall ein selbstbestimmtes ist. Ein selbstbewusstes. Dieses setzt die Logik voraus, die das Einschätzen von Risiken impliziert, die das Einschätzen des Ausmaßes eigener Handlungen voraussetzt.

Vollkommen außer Acht gelassen wird hier zweierlei: Zum einen der Bezug all derer, die was auch immer über sich verbreiten, zu ihrer Lebenswelt und den Menschen in dieser. Das Zurschau-Stellen eines selbst, setzt immer einen anderen voraus. Der Wunsch dies zu tun fällt auch nicht vom Himmel. Er ist wie auch immer in Kontexte eingebunden, gespeist mit Vorstellungen und Wünschen, was dies bedeuten könnte. Im einfachsten Sinne der Wunsch zu gefallen, Gefallen bereiten zu wollen. Was das mit dem Zur-Schau-Stellen in sexualisierter Hinsicht zu tun hat, ist eine sehr komplexe Frage, die nicht zuletzt etwas damit zu tun hat, wie Frauen in unserer Gesellschaft zu Anerkennung kommen. Es reicht vielleicht ein Blick auf Zeitschriften, um der Antwort näher zu kommen. Sexting fängt somit nicht erst in der Interaktion derer an, die sich sexualisierten Kontent schicken. Genau dieses ist in hohem Maße voraussetzungsvoll.

Zum anderen ist der Fokus auf „ihren Fehler“ eine Verkennung von Ursache und Wirkung. Sie filmt sich und schickt das weiter. Dies als Fehler zu bezeichnen ist normativ. Es setzt mehrere Wertungen voraus. Zum einen dass es Bereiche des Lebens gibt, die privat sind, und die eine nicht näher definierte Öffentlichkeit nicht erreichen dürfen. Zum anderen dass die sexualisierte Darstellung eines Selbst falsch ist. Letzteres ist in diesem und auch anderen Fällen, die in Mobbing enden das signifikante. An die Trennung von Öffentlich und Privat halten sich die meisten, die Soziale Medien verwenden, schon lange nicht mehr. Diese Grenze ist schon längst verschwommen. Aber die Ausbreitung auf das Sexuelle, nein, in erster Linie der Umgang damit macht deutlich, dass dieser Bereich in hohem Maße normiert ist. Moralisch aufgeladen. Es wird auch noch deutlich, in welch hohem Maße der Umgang geschlechtsbezogen ungleich ist. Was sich hier manifestiert ist die äußerst schmerzhafte Logik des Minirocks. Es sind die Platzverweise, denen Frauen und Mädchen permanent unterworfen werden: Wenn wir einen Minirock anziehen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir belästigt werden. Wenn wir nachts durch dunkle Gassen laufen, durch Tunnel oder Parks, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir überfallen werden. Erst recht brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir in letzteren Fällen sexuell misshandelt werden, denn wir sind Frauen und wagen uns in einen Bereich, an einen Ort, an dem wir nichts zu suchen haben. Was macht eine Frau schon nachts in einer Unterführung? Erst recht im Minirock? Hier muss sie wieder einsetzten, die Risikokalkulation und das vernünftige, autonome Selbst dass sich entscheidet, dass es das Risiko nicht wert ist, bestimmte Orte zu bestimmten Zeiten aufzusuchen. Wenn wir es doch tun, dann sind wir die unvernünftigen. Die, die den Fehler begangen haben. So wie die 14-jährige, die sich beim Masturbieren filmte. 

Wie konnte sie nur (so dumm sein)? Es wagen so etwas hochheiliges und gleichzeitig zutiefst schmutziges an eine andere Person verschicken? Sie braucht sich nicht wundern. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Diese Logik ist sehr krude. Fixiert sich wieder auf das ach so autonome Subjekt. Der Fokus ist auf eine Art verschoben, die aus Opfern Mittätern macht und aus Tätern vernünftig handelnde Personen. Dass bei der Verbreitung von Daten, ohne die ausdrückliche Zustimmung der Person, eine Straftat, eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte auf formeller Ebene und eine Verletzung der Persönlichkeit auf der zwischenmenschlichen Ebene begangen wird, scheint niemanden groß zu interessieren. (Dass es sich hierbei zudem um Verbreitung von Kinderpornographie handelt, ist nochmal ein Thema für sich.) Nicht, dass Vertrauen missbraucht wurde, sondern dass sie überhaupt vertraute, wird hier zum Problem. Wer sich verletzbar macht, braucht sich nicht zu wundern, wenn er es wird. Und das Zurschaustellen von Sexualität ist auf der inhaltlichen Ebene dieses Problems die Legitimierung, das Mädchen wie Dreck, wie eine Schlampe zu behandeln. Ihre Persönlichkeitsrechte, ihre Persönlichkeit zu verletzen. 

Es ist der Sex, der dem ganzen Vorfall die Brisanz gibt. Hätte sie sich im Wintermantel präsentiert und das als Foto geschickt, hätte der erste dieses nicht verbreitet, dann hätte kein Hahn danach gekräht. Die Jugendlichen, die das Video verbreiten und auf seinen Konsum hin das Mädchen schlecht behandeln, geben sich einer Logik hin, welche sie sich nicht ausgedacht haben. Sie ist tradiert. Sie basiert auf dem Widerspruch des heiligen und sündhaften, welcher Sex noch immer bedeutet. Der zeitgleichen Zugänglichkeit und Verfügbarkeit des Sexes anderer (in Form von Pornographie und anderer Medien) und dem Diktat der Privatheit, wenn es um den eigenen geht. Die Überschreitung dieser Grenzlinie objektifiziert ein Mädchen, ihr Sex wird öffentlich, wird öffentliches gut. Sie selbst wird zur Hure, ihr Sex ist nicht mehr heilig. Sie gehört zu denen, deren Sex öffentlich konsumierbar ist, und das sind die Schlampen und Bitches der Pornos die alle kennen und zur Konstitution eigener Sexualität dazu gehören (wenn auch als die Negativfolie der Abgrenzung) wie die Masturbation auch. 

Der Grad zwischen Sexobjekt im „positiven“ Sinne, und dem zur Schlampe zu werden, ist sehr schmal wenn nicht sogar ein scheinbarer. Der Wunsch: Als Objekt der Begierde Anerkennung zu erfahren. Rhianna ist sexy. Beyonce ist sexy. Ke$ha ist sexy. Miley Cyrus… die hat’s übertrieben mit der Sexieness - ist aber berühmt. Aber ein Blick in die Bravo, in Musikvideos und andere Medien, die Jugendliche dabei begleiten, ihre Normalität zu konstituieren zeigt und macht deutlich, in welchem Rahmen diese Konstitution sich abspielt, an welchen Maßstäben gemessen wird und mit welchen Darstellungsformen, Ästhetiken und Performancen diese verbunden sind: Allesamt stellen Referenzen auf den Porno dar. Der Grad ist schmal und das Verhältnis kippt bei Kontrollverlust. Den eigenen Körper und seine Inszenierung, sich selbst darüber in den Wettkampf der Begehrlichkeit zu stellen, ist nicht zu entgehen, wenn es gilt, „süße Boys“ für sich zu gewinnen. 

Solange es das Konzept der Schlampe gibt, können Mädchen und Frauen an einen, an ihren Platz verwiesen werden. „Anständige Mädchen“ müssen die Strategien erlernen und verinnerlichen, die sie davor schützen, eine Schlampe zu werden. Ihnen – uns – wird Verantwortung für etwas aufgebürdet, dessen Tragweite wir niemals alleine überschauen und im Griff haben können. Das ist verdammt Perfide. Das ist ein Drahtseilakt und ich denke, dass der Grad ziemlich schmal ist, weil wir doch einerseits begehrenswert sein sollen, andererseits mit der Sexyness nicht übertreiben dürfen. Tun wir das, sind wir zu geil, zu offen, zu fordernd, zu lockend – oder geraten an die falschen Kerle, dann werden wir zu Schlampen und sind fortan Freiwild. Fickfleisch. Wie die Frauen in den Pornos, die auch nur noch Schlampen sind, und als Schlampe kann man sich eigentlich nur noch ein Fünkchen Restwürde bewahren, indem man die Sexualisierung als Selbstkonzept annimmt. So ist das Spiel mit den Normen, von Normen beherrscht. Das Konzept der Schlampe kann nicht auf der Individualebene umgeändert werden. Denn es erfüllt eine soziale Funktion.


Also wieder die Risikoabwägung. Etwas wagen muss man schon, um Erfolg zu haben, also gut anzukommen. Übertreiben darf man es aber nicht, die Schlampen-Falle lockt.
Dieser Fall macht mich besonders traurig, weil er symptomatisch dafür ist, wie Täter-/Opferumkehrung in unserer Gesellschaft funktioniert. Und dass Frauen, ihre Körper und Integrität weiterhin Allgemeingut sind, wie auch die jüngsten Drohungen gegenüber Emma Watson wiedereinmal zeigten.

Kommentare:

  1. Großartige zusammenfassung eines schrecklichen Problems.
    Ich kann mich selbst (obwohl ich dir zustimme) nicht ganz frei machen von dem gedanken dass Sie einen fehler begangen hat, so tief steckt dieser Gedanke in mir (und wahrscheinlich nicht nur mir allein) fest.
    Ich weiß wie dumm es ist das Opfer zu beschuldigen, aber trotzdem ist dieser Gedanke immer im Hintergund präsent. :(
    Aber ich arbeite daran, jeder solte daran arbeiten!

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    1. Ich finde, du solltest dich gar nicht frei davon machen zu sehen, dass sie einen Fehler gemacht hat. Den hat sie nämlich gemacht: Sie hat Kinderpornografie verbreitet, dummerweise auch noch von sich (ich habe das Video nicht gesehen, ich nehme diese Information mal von Vicky).

      Viel wichtiger ist aber, dass sie es nicht in der Jahrgangsstufe oder der Schule verbreitet hat (davon gehe ich aus, auch wenn ich das nicht ganz klar aus dem Text heraus lese), sie hat es einer Person gezeigt. Vielleicht hat sie es sogar im Vertrauen getan, man weiß es nicht.

      Der eine Kerl hat es, vielleicht auch im Vertrauen ihrem Ex geschickt. Der Fehler ist eine Spur schlimmer: Ich gehe nicht davon aus, dass sie dazu die Erlaubnis der Betroffenen hatte, auch wenn ich nicht verstehe, aus welchem Grund er das Video sonst bekam, aber das sei dahingestellt. Der Freund des Ex' hat also auch Kinderpornografie verbreitet, und entweder er, oder ihr Ex haben das dann auch noch quasi öffentlich getan.

      Der Fehler liegt also, wie im Artikel schön herausgestellt, bei den drei Heranwachsenden, wobei eine davon auch noch das Opfer ist, und im Folgenden an Schule, Sozialarbeiter und Strafverfolgung. eventuell auch noch Justiz. jedenfalls, wenn die Aussage "sie werden weder rechtlich noch sozial belangt, ..." stimmt.

      Ich bin ja kein Fachmann, glaube aber, dass diese Reaktion seitens der "Statisten" (sehr schönes Wort, und an Schulen zu oft die Wahrheit) eine sehr bedenkliche ist.

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  2. In dem Zusammenhang auch sehr spannend: Wie die gesehen werden, die sich nicht "sexy" zeigen. Positiv aufgenommen wird das ja auch nicht.

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  3. Ich finde schon, dass sie einen Fehler begangen hat - die Welt tickt nunmal leider so, auch wenn wir (und ich denke damit wohl an die meisten hier Anwesenden) das lieber anders hätten.
    Das wirklich Kranke finde ich aber eher, wie der Freund ihres Exfreundes damit umgegangen ist. Da stehen beide in der Verantwortung bzw. genau da leider nicht. Warum verbreitet man so ein Video, das einem im Vertrauen geschickt wurde? Macht einen das zu einem tollen Hecht? Wittert man die Chance, sich besser selber darzustellen, weil man jemand anderen niedermachen kann? Wie krank ist diese Gesellschaft? :( Wobei sich da wieder die Frage stellt, wollte sie es ihm wirklich im Vertrauen schicken oder hat sie darauf spekuliert, dass es weitergeschickt wird?
    Ok, je länger ich drüber nachdenke, desto mehr rege ich mich auf.
    Aber Fakt für mich bleibt: Die Jungs hätten dafür bezahlen sollen - aber dem Mädchen konnte so oder so nicht mehr geholfen werden. :/

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  4. Ich verstehe weder das Mädel noch den Freund des Ex-Freundes. Sie hätte das Video nicht verschicken dürfen und das muss auch mit 14 Jahren einem schon klar sein und die Jungs hätten es nicht weiter verbreiten dürfen.

    Im Grunde sind alle drei Beteiligten verantwortungslos.

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    1. Richtig, Verantwortung von allen dreien wäre zu Wünschen gewesen. Aber noch wichtiger wäre die Verantwortung, die die "Statisten" übernehmen müssten!

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  5. Sehr spannend geschrieben, ich denke ich werde die Seite mal im Auge behalten. Macht weiter so WOW *-*

    Danke für diesen "Text"

    http://www.Bellavib.de

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